Piraterie: "Die Lage ist weiterhin dramatisch"

InterviewPiraterie: "Die Lage ist weiterhin dramatisch"

Bild vergrößern

Niels Stolberg

von Christian Schlesiger

Niels Stolberg, Chef der Beluga-Reederei, über die Zusatzkosten durch Piraterie und den Wunsch nach mehr Koordination und einen Krisenstab.

Herr Stolberg, das MS "Beluga Nomination" ist das dritte Schiff Ihrer Reederei, das von Piraten angegriffen wurde. Wie ist die derzeitige Lage?

Die Lage ist weiterhin dramatisch. Das Schiff liegt aktuell vor der somalischen Küste nahe Haradhere auf Reede. Wir müssen davon ausgehen, dass der am vergangenen Mittwoch von Piraten erschossene Bootsmann nicht das einzige Todesopfer bleiben wird. Es scheint, als wäre bereits letzte Woche, anders als zunächst angenommen, tragischer weise doch noch ein zweites Besatzungsmitglied von den Piraten erschossen worden. Des Weiteren hat der vermisste leitende Ingenieur des Schiffes vermutlich, ebenso wie zwei seiner Kollegen, versucht, der Eskalationssituation an Bord zu entkommen, ist ins Meer gesprungen und womöglich ertrunken. Wir sind erschüttert, betroffen und entsetzt über die Vorfälle. Die Brutalität und Grausamkeit der Entführer ist schier unfassbar und wir trauern gemeinsam mit den Angehörigen und der Familien der Opfer.

Anzeige

Sind Sie im Kontakt mit den Geiselnehmern? Ja, es finden täglich in einem fest definierten Zeitfenster Gespräche statt. Es gibt einen Verhandlungsführer, mit dem wir in direktem Kontakt stehen.

Die Piraten fordern Lösegeld. Sind Sie bereit, zu zahlen? Die höchste Priorität ist es, die sieben Besatzungsmitglieder an Bord sicher und lebend aus dieser Krisensituation heraus zu holen. Eine Alternative zur Zahlung von Lösegeld sehe ich momentan nicht.

Bei der Entführung des Schiffes am 22. Januar dieses Jahres haben Sie Kritik an der internationalen Staatengemeinschaft geäußert. Was genau lief schief? Die europäische Mission Atalanta hat sich in der Praxis bisher als wenig schlagkräftig erwiesen. Bei der Entführung der 'Beluga Nomination' hat es zudem keine vernünftige Abstimmung zwischen den deutschen Ministerien, der Marine, der Nato und der EU gegeben. Wir brauchen so schnell als möglich ein professionelles Krisenmanagement, also auch eine zentrale Anlaufstelle, die in solchen Fällen die Steuerung sämtlicher Aktionen und die zentrale Kommunikation und Koordination übernimmt. Uns fehlte schlichtweg ein direkter Ansprechpartner, der nicht nur erreichbar ist sondern uns vor allem auch verbindlich und offiziell informiert.

Der Maritime Koordinator der Regierung, Hans-Joachim Otto, prüft wegen der Piraterie im Golf von Aden die Sperrung des Seewegs für die kommerzielle Schifffahrt. Was bedeutet das für Sie?Ich wünschte mir, dass sich Herrn Otto noch deutlich umfassender mit den Fragestellungen der zivilen Handelsschifffahrt befasst und sich mit den Gegebenheiten intensiver auseinandersetzt. Schließlich handelt es sich nicht nur um den direktesten Handelsweg zwischen Europa und Asien sondern darüber hinaus auch um eine wirtschaftlich sehr relevante Region. Insbesondere Zielhäfen im mittleren Osten, im Persischen Golf und auch in Indien werden beispielsweise häufig von Beluga-Frachtern angefahren, zumal dort dringend benötigte Ladung (Projekt- und Schwergutstücke) für den Wiederaufbau des Irak erwartet wird. Dieser Seeweg ist eine Hauptroute für Handelsschiffe, den wir in 2011 voraussichtlich rund 200 mal nutzen werden.

Was kostet Sie der Umweg um das Kap der Guten Hoffnung? Ein Umweg um Südafrika herum kann bis zu 500 000 USD pro Schiff extra kosten. Eine Sperrung wäre wirtschaftlich daher nicht vertretbar. Im Übrigen scheint mir, dass dieses Thema bis dato noch nicht koordiniert oder zwischen den Ministerien Verteidigung, Inneres und Wirtschaft abgestimmt worden wäre.

Dürfen hiesige Reedereien Schutz von Deutschland erwarten, wenn die Schiffe unter ausländischer Flagge laufen?Zwölf unserer 70 Beluga-Schiffe fahren aktuell unter deutscher Flagge. Unsere Flotte ist weltweit unterwegs und dennoch gehören die Schiffe zu einer deutschen Reederei, die in Deutschland Steuern entrichtet und sie sind ins hiesige Schiffsregister eingetragen. Um international wirtschaftsfähig zu sein, müssen wir einige Schiffe ausflaggen, denn die deutsche Flagge ist schlicht teurer. Doch durch diese Ersparnisse auf der einen Seite kreieren wir zugleich die finanziellen Möglichkeiten, um auf der anderen Seite in den Bereichen Nachwuchsförderung und Forschung außergewöhnlich stark engagiert zu sein. Insofern halte ich es für angemessen zu fordern, dass zwingend erforderliche Entscheidungen getroffen werden, um unsere Kollegen auf See wirksam vor den Gefahren der modernen Piraterie am Horn von Afrika zu schützen. Zudem wäre der Schutz durch Bundespolizisten oder Marine-Soldaten an Bord unserer Flotte ein überzeugendes Argument, um mit weiteren Einheiten zur deutschen Flagge zu wechseln.

Das MS „Beluga Nomination“ ist das jüngste von Piraten gekaperte Schiff Ihrer Flotte. Was ändern Sie?Wir setzen jetzt auch privates Sicherheitspersonal ein, weil wir unsere Kollegen an Bord offenkundig noch besser schützen müssen und das eine Möglichkeit ist, die künftig verstärkt zum Einsatz kommen könnte. Andere Schiffe routen wir um das Kap der Guten Hoffnung um. Beide Maßnahmen kosten uns nur bis April einen zweistelligen Millionenbetrag zusätzlich.

Erwarten Sie durch die Bewaffnung der Handelsschiffe, dass sich die Lage im Indischen Ozean zuspitzen wird? Das Risiko einer Eskalation ist groß, aber wir sehen auch keine sinnvolle Alternative zu bewaffneten Sicherheitskräften an Bord. Es muss ja etwas getan werden. Die Sicherheitskräfte müssen natürlich professionell ausgebildet sein. Es haben sich aber mittlerweile diverse amerikanische und britische Unternehmen auf den Begleitschutz von Handelsschiffen spezialisiert, so dass die Verfügbarkeit von qualifiziertem Sicherheitspersonal kein Problem darstellt.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%