Gerhard Dehler ist in Eile: „Ich will nicht hören, bis wann Sie es nicht schaffen, sondern dass Sie es in fünf Tagen schaffen!“ Dann soll die Abbiegerspur zum Kundenparkplatz des neuen Aldi-Marktes im polnischen Brzeg, knapp zwei Autostunden hinter der deutschen Grenze, fertig sein. Die polnischen Ingenieure bitten um Aufschub, doch der Bauunternehmer aus Brandenburg kennt kein Erbarmen. Nichts darf die Eröffnung des ersten Aldi-Marktes in Polen aufhalten, die für den 16. Januar geplant ist. Wer für Aldi arbeitet, kann gut verdienen, aber er muss sich eisernen Regeln unterwerfen. „Die schmeiß’ ich raus“, sagt Dehler, nachdem er seine Subunternehmer verabschiedet hat.
Ganz so schnell – gegen die polnische Bürokratie ist selbst ein globaler Discount-riese machtlos – geht es dann doch nicht: Aldis Expansionsstrategen müssen sich mit den Eröffnungen noch gedulden, bis die polnische Gewerbeaufsicht ihnen die Lizenz zum Verkauf von Alkohol erteilt. Das soll laut Informationen aus der Aldi-Zentrale in Essen „schlimmstenfalls in einem Monat“ passieren. Dann will Aldi auf einen Schlag rund ein Dutzend Läden eröffnen. Bis dahin laufen die Vorbereitungen ungebremst weiter. Bis zu 1000 Märkte hat Aldi sich als Ziel gesetzt. Überall im Land lässt der Handelskonzern Grundstücke kaufen, um sie dann samt schlüsselfertigen Märkten zu übernehmen. Für 47 Millionen Euro, berichten Marktforscher, sollen 2008 zunächst 30 Filialen entstehen.
In der 40.000-Einwohner-Stadt Brzeg soll es losgehen. Allein im nahen Oppeln sind bis zu zehn Filialen vorgesehen. Aldi klotzt, denn auf den rasant wachsenden Märkten Osteuropas ist das Unternehmen spät dran. Tesco, Tengelmann, Carre-four, Rewe, die portugiesisch-polnische Kette Biedronka und die Schwarz-Gruppe mit ihren Kaufland- und Lidl-Ketten – alle sind längst da.
Warum also startet Aldi erst jetzt in Polen? Einer Studie des Beratungsunternehmens KPMG zufolge geht Aldi erst dann an den Start, wenn in einem Land die Pro-Kopf-Ausgaben für Lebensmittel bei mehr als 1500 Euro pro Jahr liegen. Das ist jetzt der Fall – nicht nur in Polen.
In Ungarn, wo Branchenkenner mit 400 Aldi-Märkten rechnen, rekrutiert das Unternehmen schon emsig Personal, seine Logistik- und Verwaltungszentrale nahe Budapest steht. In der rumänischen Hauptstadt Bukarest gründete Aldis für das Südosteuropa-Geschäft zuständiger Österreich-Ableger Hofer eine Tochtergesellschaft. Hofer sondiert auch den tschechischen, slowakischen und kroatischen Markt.
Die Methode dürfte sich kaum von der unterscheiden, die sich im Westen bewährt hat: Verdrängen mit Masse, Qualität und Niedrigstpreisen. Die Handelsmärkte der Region sind längst entwickelt, teils schon dicht besetzt. Dass der Konzern in der Lage ist, sich auch in gesättigte Märkte zu drängen, hat er in Frankreich, Großbritannien und den USA bewiesen. In Osteuropa eilt der Marke zudem ein legendärer Ruf in puncto Preis und Qualität voraus. Viele Osteuropäer kennen Aldi seit Jahren von Shopping-Touren nach Deutschland. Gleich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde Aldi für Millionen zum Inbegriff der westlichen Konsumwelt.
Mit jedem Tag wächst auch die Erwartung der Bewohner von Brzeg. Dabei hat der Ort schon zehn Supermärkte. Ein Biedronka-Markt in einem maroden Flachbau aus kommunistischer Zeit liegt der Aldi- Baustelle gegenüber, ein Lidl 200 Meter die Straße hinunter. Der künftige Leiter des Aldi-Marktes wird diese Strecke häufig gehen: Den Erzkonkurrenten genau zu beobachten gehört zu seinen Pflichten.
Die Lidl-Filiale in Brzeg hat sich Gerhard Dehler schon angesehen: Mit der Bauqualität von Aldi könne der nicht mithalten, sagt der Ingenieur. Die Unterschiede fingen schon bei der Fassade an. Lidls Außenwand ist weiß verputzt, Aldi bekommt oberflächenversiegeltes Blendmauerwerk – Graffiti-resistent, importiert aus Deutschland. Die Handwerker, die sich gegen die Kälte vermummt haben, sprechen Deutsch, einige mit Berliner Akzent. „Baubetrieb Drewitz“ oder „Metallbau Schubert“ steht auf ihren Lieferwagen. Ausschließlich deutsche Betriebe errichten den Markt. „Sie liefern Qualität zuverlässiger“, sagt Dehler, auch wenn sie teurer als polnische Handwerker seien. Selbst das Baumaterial stamme aus Deutschland, „und das gibt es dort billiger“. So rechnet sich die Sache.













