Porträt: E.On-Ruhrgas-Chef Reutersberg: Der Mann für das Schnelle

Porträt: E.On-Ruhrgas-Chef Reutersberg: Der Mann für das Schnelle

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Bernhard Reutersberg ist seit 1. März Chef der größten deutschen Ferngasgesellschaft E.ON Ruhrgas

E.On-Ruhrgas-Chef Bernhard Reutersberg tritt heute in Essen das erste Mal in seiner neuen Spitzenposition vor eine überaus kritische Öffentlichkeit. Er muss künftig die Prügel für exorbitante Gaspreiserhöhungen einstecken. Der gelernte Vertriebsmann geht dabei durch ein Fegefeuer, das ihn stark machen soll. Ein Porträt von WirtschaftsWoche-Redakteur Andreas Wildhagen.

Er sieht so ganz anders aus als der stets angestrengt wirkende Burckhard Bergmann, sein Vorgänger im Amt - und ein lupenreiner Gasmann ist er auch nicht: Der 53jähriges Bernhard Reutersberg, seit März neuer Chef von E.On-Ruhrgas und damit drittwichtigster Mann im E.On-Reich, das Wulf Bernotat seit nunmehr fünf Jahren mit sicherer Hand führt, hat ganz woanders seine Sporen verdient – weitab von den früher mit Panzerglas geschützten Vorstandsetagen der Ruhrgas-Strategen, die in den siebziger Jahren stets auf der Hut vor Angriffen waren und damals Angst - nicht nur vor der Öffentlichkeit, sondern auch vor Terroristen – hegten. In damaliger Zeit startete Bernhard Reutersberg nach seiner Promotion am Institut für Verkehrswissenschaften der Uni Münster beim Waschmittelhersteller Henkel seine Karriere, wo er bald internationaler Produktmanager wurde und in dem radikal markt- und kundenorientierten Imperium des Konrad Henkel quasi den Persilschein für seinen weiteren, steilen Vertriebsaufstieg erhielt.

Diese hartgesottenen, gleichwohl auf die Sensibilitäten der Kunden und des Absatzmarktes ausgerichteten Erfahrungen des gelernten Bankkaufmanns Reutersberg machte sich der E.On-Aufsichtsratsvorsitende Ulrich Hartmann zunutze, der Reutersberg gegenüber dem früheren Shell-Topmanager Jochen Weise den Vorzug für die Führung der Erdgas-Tochter von E.On gab. Weise, Jurist wie Bernotat, ist ein enger beruflicher Weggefährte des ebenfalls bei Shell sozialisierten E.On-Chefs. Doch nicht Weise, sondern Reutersberg machte das Rennen um den einflussreichsten Posten bei E.On – jedenfalls nach dem obersten Energie-Schlachtenlenker Bernotat und seinem sehr mächtigen Stellvertreter, dem Organisationschef des Gesamthauses, Johannes Teyssen.

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In diesem Dreiergespann befindet sich Reutersberg an dem sensibelsten Punkt. Denn Bernotat hat – altergemäß, er wird bald 60 Jahre alt – nur noch einen Zweijahresvertrag von Hartmann bekommen. Das ist normal bei E.On. Aber jetzt schon kündigt sich an, wer bei E.On der Kronprinz werden wird. Das Gerangel hat mit der Berufung von Reutersberg zum E.On Ruhrgas-Chef eine neue, inspirierende Note bekommen. Teyssen hat von seiner Machtposition her gesehen  – er gehört auch dem E.On-Ruhrgas-Aufsichtsrat an und ist damit auch ein Kontrolleur von Reutersberg – die erhöhte Perspektive auf den E.On-Lenkungsposten erklommen. Das ist der wichtigste, den die Energiewirtchaft nach dem Chefposten vom Hauptkonkurrenten RWE – in Deutschland zu vergeben hat.

Teyssen sitzt in einer erhabenen Position, die weitgehend gefeit ist gegen Ärger von der EU, gegen Aggressionen von deutschen Gaskunden, denen bald die Luft angesichts einer 25prozentige Gas-Preiserhöhung bei E.On wegbleibt, in seiner Funktion als mächtigster Innendienstmann bei E.On geschützt auch gegen Frustrationen aller Art aus Berlin – wobei alle Parteien sich eine ungesunde Grundskepsis gegen die Energiewirtschaft angewöhnt haben. Soweit Teyssen. Er  ist – wie bisher in der Spitzenetage der Energiewirtschaft üblich – solider Jurist. Ein Mann mit fundierten Erfahrungen im politischen Knäuel der Stadtwerke.

Die E.On-Tochter Avaccon, früher Hastra, weitab in der niedersächsischen Provinz war sein berufliches Vorbereitungsfeld. Reuterberg dagegen ließ sich nicht in - damals noch staatlich regulierten – und von Kommunalpolitikern dominierten Stadtwerken zum Energiemanager polieren, sondern er atmete woanders etwas kältere Managerluft   – nach Henkel, weitweg in Amerika. In Cleveland, im US-Bundesstaat Ohio, wurde Reutersberg Marketing-Direktor bei einem Automobilzulieferer. Das war ein Weg fort von seinem heutigen Spitzenposten in der Energiebranche – ein Weg hin zur Erfahrung in einem der härtesten Vertriebsmärkte der Welt, die damals noch von Lee Iacocca und anderen, nicht gerade als Sensiblchen verschrienen Automagnaten geprägt waren.

Gut, mag man denken, dass Reutersberg in den USA damals nicht zur Energiewirtschaft fand – und beispielsweise bei Enron einstieg, dem Unternehmen, das einem betrügerischen Bankrott zum Opfer fiel – Ende der neunziger Jahre wollten Manager von Veba, dem Vorgängerunternehmen von E.On, mit Enron sogar fusionieren. Das ist Geschichte. Reutersberg blieb seinem Zickzack-Kurs treu, er fand in den neunziger Jahren zurück nach Deutschland in ein Familienunternehmen, das patriachalisch geführt wurde – er avancierte im Remscheider Boiler- und Heizungsunternehmen Vaillant zum Geschäftsbereichsleiter Ausland und wurde schließlich Vizechef des Gesamtunternehmens – unter den Fittichen der Inhaberfamilie.

Preisfrage: Wie kam Reutersbeg schließlich in die Energiewirtschaft? Es war ein Umweg, hinein in den E.On-Kosmos. Dass ein Mann wie Reutersberg ausgerechnet beim Bayernwerk in München Vertriebschef wurde, mutete damals wie ein Ausflug eines Kosmopoliten in eine verschrobene Stromdurchleitungswelt an. Doch das Bayernwerk gehörte zur Viag und Viag wurde von Veba aufgesogen. Der damalige Veba-Chef Hartmann erkannte in Reutersberg einen Mann mit Zukunft für das neufusionierte Reich mit dem Kunstnamen E.On. So verschlungen können Karrieren in der Energiebranche mittlerweile sein. Reutersberg steht dort heute an der Spitze des Gasgeschäfts – ein Verantwortungsbereich, der ihn in direkte Konkurrenz mit Spielern wie Exxon, BP, Shell und Gaz de France bugsiert - und der ihn zum David des russischen Riesengoliaths Gazprom macht, an dem E.On 6,5 Prozent hält, aber wo es so gut wie nichts zu sagen hat.

Mit Reutersberg ist zu rechnen – nicht als Stratege, sondern als Frontmann in einem aggressiven Markt. Wer übernimmt in Europa wen? Wer jagt wem die begehrten Gas-Förderrechte in den Weiten Sibiriens ab? Wer überlebt an der Spitze der Energiekonzerne die Angriffe von Kunden und Politikern aus Brüssel und Berlin? Wenn alles gut geht, wird Reutersberg zwei Großbauwerke einweihen – die Gas-Ostseepipeline zwischen Russland und Deutschland in den Jahren  2012 oder 2014. Und er wird das Band zu dem zur Zeit im Bau befindlichen, gewaltigen Domizil von E.On Ruhrgas an der Essener Grugahalle durchschneiden, ein Verwaltungsgebäude, das an Prunk alle Konkurrenten, einschließlich der französischen, in den Schatten stellen wird. Wenn Reutersberg dann nicht mehr dabei ist, wird man ihn woanders sehen.

Der Umtriebige kann Branchen schneller wechseln als seine Kunden den Gasversorger. Er ist schneller als der Markt. Er könnte, wenn er bei E.On Ruhrgas scheitert, Vertriebschef oder Boss eines großen Stahlkonzerns werden – beispielsweise. Man erinnere an seine Dissertation in Münster: „Logistik als Marketinginstrument von Stahlhandlungen“. Er kann Persil, er kann Boiler, er kann Automotive, Energie – und Stahl wohl auch.

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