
Eigentlich sollte das Publikum nur ein wenig auf den Neuen eingestimmt werden, der zum Jahresende das Ruder übernehmen würde. Wie ein McKinsey-Mann, der er sieben Jahre seines Lebens war, gluckte Frank Appel vor knapp zwei Wochen mehr als vier Stunden mit Journalisten und Mitarbeitern in der Bonner Konzernzentrale zusammen und spielte durch, wie man einen fiktiven extrem schlecht organisierten Briefdienst auf mehr Kundenfreundlichkeit trimmen könnte. Mit der Trockenübung wagte sich der schlaksige Zwei-Meter-Mann erstmals aus der Deckung, in der er seit gut fünf Jahren als Vorstand der Deutschen Post wirkte und zuletzt für das Serviceprogramm „First Choice“ und die Betreuung der 100 wichtigsten Kunden verantwortlich war. Doch mit der Steuer-Razzia bei Konzernchef Klaus Zumwinkel zwei Tage später am 14. Februar und dessen promptem Rücktritt war der vorsichtige mehrmonatige Übergangsplan Makulatur. Seit Montag vergangener Woche ist der 46-Jährige, der schon beim Sprung in den Vorstand der Deutschen Post im Jahr 2002 in die Rolle des Kronprinzen geschlüpft war, plötzlich Chef des weltgrößten Logistikkonzerns. Jetzt muss der Chemiker und promovierte Neurobiologe zeigen, dass er mehr ist als nur der große Analytiker im Stillen. Er und niemand anderes muss der Post künftig ein Gesicht geben. Und er muss auch politisch an Gewicht zulegen, sollen die Regierenden in Berlin dem Unternehmen wie bisher gewogen sein.
Vorlieben
Vom Manager Appel ist wenig bekannt, vom Menschen praktisch gar nichts. Und das Wenige ist oft nur halb richtig, wie jene Anekdote, nach der ein Pförtner ihn nicht auf die Vorstandsparkplätze gelassen habe, weil Appels Kombi nicht zu den Limousinen der hohen Herren gehören könne. Tatsächlich behielt Appel seine Familienkutsche so lange, bis die Dienstwagenordnung der Post auch Kombis erlaubte. Im Gespräch wirkt der Manager alles andere als unnahbar. Er liebt klare Worte – auch Kraftausdrücke, die häufiger auf dem Hof einer Spedition als in einer Vorstandsetage fallen. Und er hat Humor, vorausgesetzt man erkennt diesen hinter seiner stoischen Miene. Wenig anfangen kann Appel mit den üblichen Managerinsignien. Er trägt statt dicker Fliegeruhren einen schlichten Zeitmesser. Statt Blackberry oder Smartphones reicht ihm ein verschrammtes Handy. Am engsten zieht Appel den Zaun um seine Familie, der er – wenn es irgendwie geht – die Wochenenden reserviert. Mit seiner Frau und zwei schulpflichtigen Kinder lebt er nicht wie sein Vorgänger Zumwinkel im feinen Kölner Süden, sondern rheinaufwärts im malerischen, aber bescheidenen Königswinter. Vor dort radelt er gelegentlich mit dem Mountainbike ins nahe Siebengebirge.
Vorbilder
Zu den wenigen bekannten Vorbildern des Naturwissenschaftlers Appel zählen die Entdecker des menschlichen Erbguts, James Watson und Francis Crick, die für ihre Arbeit 1962 den Nobelpreis für Medizin bekamen. Ihm imponiert nicht nur deren wissenschaftliche Leistung, sondern vor allem ihre ungewöhnliche Arbeitsweise, wie Appel sie sich durchaus auch von seinen rund 500.000 Mitarbeitern im Konzern wünscht. Denn die beiden Biochemiker aus London hatten in neuen Bahnen gedacht und stießen mit für die damalige Zeit revolutionären Methoden wie der Nutzung von Röntgenstrahlen auf Ergebnisse, die ihren konventionelleren Kollegen verschlossen geblieben waren. Am Ende hätten Crick und Watson allerdings wohl gegen Appels Vorstellung von Fairness und Ehrlichkeit verstoßen. Denn sie nutzten ohne Erlaubnis noch unveröffentlichte Ergebnisse anderer Forscher.
Stärken & Schwächen
Was macht Appel nur mit seinen Mitarbeitern? Der eine lobt ihn als ehrlich und effizient, ein anderer als offen und selbstkritisch, ganz so, wie es Personaler immer predigen. Er sei nicht so protokollarisch wie sein Ex-Chef Zumwinkel, sagt ein führender Postler über Appel: „Dem rutscht schon mal ein Du heraus.“ Zugleich sei er hochanalytisch, eben eine „typische McKinsey-Maschine“, sagt ein Post-Manager. Allerdings – aha! Also doch nicht die Perfektion in Person – erschwere ihm das manchmal, Leute wirklich zu begeistern, berichten Mitarbeiter. Das mache er jedoch wett, beschwichtigt ein Weggefährte, durch seine „Fähigkeit zum Zuhören“. „Er kann Leute sprechen lassen und erreicht so, dass sie Ziele als ihre eigenen begreifen.“
Freunde & Gegner
Frühere McKinsey-Mitarbeiter nutzen gern das Ehemaligen-Netz der Beratungsfirma. Auch Appel nahm daran keinen Schaden: So holte ihn sein Vorgänger und Mentor Klaus Zumwinkel, dessen Karriere ebenfalls bei McKinsey begann, zur Post. „Doch um sein Fortkommen nur auf Beziehungen zu bauen, ist Appel zu ehrlich – und zu selbstbewusst“, sagt ein Beraterkollege. Das Kriterium „Vertrauter“ erfüllt am ehesten Holger Winklbauer, Leiter des First-Choice-Programms, das den Konzern kundenfreundlicher machen soll. Noch dünner ist die Riege der Gegner. „Er ist nicht nur keiner zum Schulterklopfen, sondern auch keiner, vor dem man auf der Hut sein muss“, sagt ein hochrangiger Post-Manager. Das liegt wohl auch an Appels Laufbahn. Er musste nie andere verdrängen, sondern stieg gleich als Post-Bereichsleiter ein. Sein Ziehvater Zumwinkel ließ ihn stets konzernübergreifend arbeiten. Nur zum Vorstandskollegen Jürgen Gerdes soll Appel eine „nicht ganz perfekte Beziehung“ haben, sagt ein Post-Manager. Doch als über ein Zerwürfnis spekuliert wurde, suchte Appel demonstrativ das Gespräch mit Gerdes und will dem Vernehmen nach dessen Zuständigkeit aufwerten.
Ziele
Eigentlich wollte Frank Appel nach der Kür zum Post-Chef bis zur Bilanzpressekonferenz am 6. März schweigen. Als sich die Anfragen häuften, ließ er unter der Überschrift „Profildimensionen“ zumindest intern seine Ziele verbreiten. So will Appel die Leistung aller Mitarbeiter nur danach bewerten, ob die Post „bis 2012 die Kundenloyalitätsführerschaft in den Kernmärkten erreicht. Frank Appel lebt die Leidenschaft, für den Kunden da zu sein, vor“, heißt es da. Ebenso wichtig ist ihm, „die Eigenverantwortung der Unternehmensbereiche“ wie der Expresstochter DHL zu stärken und „made by Deutsche Post weltweit zu einem Qualitätssiegel“ zu machen. Bei aller Effizienz sollen die Postler auch Arbeit und Privatleben in Einklang bringen: „Nur der ausgeglichene Mensch kann sich voll für sein Unternehmen und seine Kunden einsetzen.“ Und er meint damit sicher nicht die Ausgeglichenheit, die Steuer-ermittler gerade Zumwinkel vorwerfen.













