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Private Krankenversicherungen: Kunden bezahlen für Systemfehler bei Krankenversicherungen

von Anke Henrich und Cordula Tutt (Berlin)

Auch wenn die Politiker der Branche jetzt das Leben erleichtern: Die Webfehler im System bleiben, Unternehmen und Kunden werden sie teuer bezahlen.

Wechselstimmung im Wartezimmer Quelle: Foto: LAIF/Marcus Vogel
Wechselstimmung im Wartezimmer Quelle: Foto: LAIF/Marcus Vogel

Im nächsten Jahr wird, so scheint es, für die private Krankenversicherung (PKV) alles besser. Bis zu 40.000 Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) – so schätzt das Bundesgesundheitsministerium – werden 2011 zur Konkurrenz, der PKV, wechseln, weil die Wartezeit von drei auf ein Jahr verkürzt wird. Die Ausgaben für Arzneien werden zum Teil gedeckelt. Und die ausufernden Arzthonorare könnten eingefangen werden, da die veraltete und umstrittene Gebührenordnung endlich neu verhandelt wird. Geht es nach dem Willen der PKV, könnten die Unternehmen dann endlich kostengünstigere Einzelverträge mit Ärzten abschließen.

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Doch die Aufbruchstimmung trügt. Die Finanzkrise wirkt fort: Sie beschert einigen Versicherern nur noch niedrige Zinsen auf die 145 Milliarden Euro Alterungsrückstellungen ihrer Kunden. Damit drohen denen höhere Beiträge, um das Polster fürs Alter sicherstellen zu können. Dazu tobt ein bisher ungesehener Provisionskrieg in der Branche. Um möglichst viele Versicherte zu den Privaten zu locken, bezahlen einige Anbieter ihren Vermittlern enorme Provisionen. Die Branche kannibalisiert sich selbst.

Jetzt rufen ihre Verbandsfunktionäre sogar die Politik zur Hilfe. „Die Branche muss umgehend handeln. So kann man das nicht laufen lassen“, sagt Reinhold Schulte, Chef sowohl der Signal Iduna als auch des PKV-Verbandes. Notfalls müsse man das Verkäuferhonorar über die Kalkulationsverordnung gesetzlich regeln lassen.

Die eigentlichen Probleme der PKV aber sind die Webfehler im komplizierten deutschen System der gesetzlichen und privaten Krankenversicherung. Vor 20, 30 Jahren störte sich kaum jemand an ihnen – langfristig werden sie jedoch zu Sprengsätzen für das ganze Geschäftsmodell der privaten Vollkrankenversicherung. Die Kosten und Beiträge laufen aus dem Ruder, Wettbewerb findet nur um Neukunden statt, echte Vertragsfreiheit gegenüber Ärzten und Kliniken existiert nicht, die Leistungen sind längst nicht mehr automatisch besser als in der GKV, ihre Qualität wird weniger kontrolliert als bei gesetzlich Versicherten, die Konstruktion der Tarifklassen erweist sich für immer mehr Versicherte als teure Falle.

Vor allem aber wackelt bei einigen Anbietern das werbeträchtigste Argument der PKV, nämlich dass ihr Modell der Alterungsrückstellungen im Unterschied zur GKV grundsätzlich demografiefest sei.

Vor diesem Hintergrund werden sich die 40.000 Wechselwilligen ihren Übertritt zur PKV und die Wahl des Anbieters gut überlegen.

Das gravierendste Problem der PKV liegt darin, dass die Alterung der Gesellschaft und die steigende Lebenserwartung der Bundesbürger sie in den nächsten Jahren sehr viel härter treffen werden als die gesetzlichen Kassen.

Grund dafür ist die Altersstruktur. Die Altersklassen, grafisch dargestellt, bilden in der GKV einen soliden, nach oben zulaufenden Baum. In der PKV hat dieser Baum aber einen feisten Bauch bei den jetzt 40- 60-Jährigen, vor allem bei den Männern (siehe Grafiken auf der nächsten Seite). Das ist ausgerechnet jene Altersgruppe, die mit steigendem Alter mehr medizinische Leistung braucht. Dazu kommt: Gerade diese Versicherten haben oft noch einen Vertrag, der ihnen im Gegensatz zu jüngeren Policen den medizinischen Himmel auf Erden verspricht – schön für sie, auf Dauer aber teuer für die Tarifgemeinschaft.

38 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 17.11.2010, 23:17 UhrAnonymer Benutzer: Christian W.

    @Anke Henrich: interessanter Gedanke, aber ich glaube, die Altersrückstellungen werden allgemein überschätzt. Wenn ich mir die Risiken der Geldanlage ansehen (Stichwort: nicht aufhörende bailouts) glaube ich, dass dieses Geld im Zweifel im Altern nicht annähernd soviel wert sein wird, wie es heute an beiträgen zusätzlich kostet. Gegenüberlegung: wie wäre es, wenn die GKV die Kosten der Zukunft offenlegen würde? Dann müsste sie ihre Versicherten darauf einstellen künftig 30% beiträge zu zahlen oder auf die Hälfte der Leistungen zu verzichten bzw. dafür heute Rücklagen zu bilden. Niemand kann die Zukunft wirklich planen - wer kann schon ahnen, was in den nächsten 30 Jahren alles passieren wird? Die Finanzkrise hätte noch 2007 niemand vorausgehen, gescheige denn 1977...

  • 17.11.2010, 10:43 UhrAnonymer Benutzer: Anke HEnrich

    @ Peter Schillinski: ich gebe ihnen völlig recht. Wenn Sie bereit sind für bessere Leistungen auch mehr Geld in ihre Gesundheit zu investieren, ist das sicher - egal bei welchem guten Anbieter - eine gute Geldanlage. Die PKV-Unternehmen müssten aber eben diese Wahrheit ihren Kunden auch von Anfang an vermitteln! Heute gibt es einen interessanten bericht in der Finacial Times Deutschland. Die HUK-Coburg fordert eine Neu-Kalkulation der Altersrückstellungen , die steigendenen medizinischen Kosten sollten eingerechnet werden. Das wäre zu beginn teurer für die Versicherten, im Alter aber eben nicht. Das finde ich einen nachdenkenswerten Ansatz.

  • 17.11.2010, 10:30 UhrAnonymer Benutzer: Peter Schilinski

    ich habe jetzt alle Kommentare sowie den Artikel gelesen. insbesondere die Kommentare sind mir teilweise unbegreiflich. ich selbst bin mit meiner gesamten Familie privat krankenversichert und ja, ich zahle in der PKV wesentlich mehr als in der GKV.

    Und ja auch ich erhalte selbstverständlich beitragserhöhungen. Diese sind für mich auch nachvollziehbar, erstens werden wir älter, zweitens wird die Medizin ständig besser und erzielt Heilerfolge die vor 10 Jahren.

    Warum bin ich bereit mehr zu zahlen. Ganz einfach, ich entscheide zu welchem Arzt ich gehe, ich entscheide wo und von wem meine Kinder behandelt werden. ich bin der Vertragspartner des Arztes und entscheide mit meinem Arzt gemeinsam über die behandlungsmethode oder die Möglichkeiten einer erfolgreichen Operation egal wo auf der Welt. ich trage auch die Kosten und erhalte die Rechnungen. Nun liegt es ganz allein an mir einen sogenannten billig Tarif zu wählen oder mich gut und ich meine wirklich gut zu versichern.
    Wer glaubt den, daß eine PKV mit besseren Leistungen billiger sein kann, als die GKV mit schlechteren Leistungen.
    Die Gesundheit ist unser höchstes Gut und wenn ich die Möglichkeit habe diese gut zu versichern, dann mache ich das auch.
    Ein Opfer bin ich mit Sicherheit nicht, ich bin Privatpatient.

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