Privatermittler: Auf der Spur des schmutzigen Geldes

Privatermittler: Auf der Spur des schmutzigen Geldes

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Quelle: ap

Quelle:Handelsblatt Online

Gefahren lauern überall - meist aber mitten in den Unternehmen. Louis Wonderly wird gerufen, wenn das Grundvertrauen in einer Firma verloren gegangen ist. Ein Privatermittler berichtet, wie er Wirtschaftskriminellen das Handwerk legt.

MÜNCHEN. Er wundert sich immer noch über die Betrüger. Über ihre Dreistigkeit, ihre Kreativität. Seit zwölf Jahren ist der US-Amerikaner Louis Wonderly jetzt in der deutschen Wirtschaft unterwegs. Dax-Konzerne heuern ihn an, wenn sie ihrer eigenen Sicherheitsabteilung nicht mehr trauen. Banken beauftragen ihn, wenn wieder einmal Millionen verschwunden sind. Und wenn Wonderly eines gelernt hat in dieser Zeit, dann dies: Die Täter sind überall. Mitarbeiter betrügen ihre Firma, die Firma den Kunden, und alle zusammen müssen sich hüten, nicht von ihrem Vermögensberater übers Ohr gehauen zu werden.

Bernie Madoff zum Beispiel: Monate hat Wonderly damit zugebracht, der Spur des Geldes zu folgen. 65 Mrd. Dollar verwaltete der größte Betrüger der US-Geschichte angeblich für seine Anleger. Die gewaltige Summe hat sich weitgehend in Luft aufgelöst, heute sitzt Madoff in Haft - und soll laut Urteil dort auch die nächsten 150 Jahre bleiben. Doch wo der Staatsanwalt sich zufrieden zurücklehnt, ist für Wonderly noch lange nicht Schluss. Seine Klienten haben mit Madoff Millionen verloren. Dass der einstige Sonnenkönig der Finanzbranche jetzt hinter Gitter ist - schön und gut. Viel besser wäre für die Geschädigten aber eine Antwort auf die Frage: Wo ist ihr Geld?

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"Clawback": Diese brutal klingende Wortschöpfung aus der Finanzszene umschreibt einen großen Teil der Arbeit von Ermittlern wie Wonderly. Um sich das zurückzuholen, was Klienten verloren haben, sind bisweilen scharfe Klauen nötig. Denn die Nutznießer von Madoff melden sich keineswegs freiwillig, um Provisionen für fiktive Gewinne artig zurückzugeben. Also müssen Wonderly und seine Mitarbeiter sich mühsam durch das komplizierte Netz von Partnern und Vermittlern schlagen. Konto für Konto, Land für Land. Die Ansprechpartner bei Handelsregistern von sämtlichen Steuerparadiesen auf dem Erdball sind bei Wonderly fest gespeichert.

Unheil im Inneren

Doch so spektakulär Betrugsfälle wie Madoff auch sind - meist wächst das Unheil für Unternehmen in ihrem Inneren. Wonderly wird gerufen, wenn das Grundvertrauen in einer Firma verloren gegangen ist. So wie bei dem internationalen Brokerhaus, dessen Umsätze in Italien plötzlich sanken. Niemand konnte erklären warum - denn eigentlich war die Marktlage gut. Wonderly schlug einen Weg ein, den kein Wirtschaftsprüfer geht: Er heftete sich an die Fersen des Geschäftsführers in Mailand.

Eine Woche später war der Fall gelöst. Wonderly beobachtete den Manager, wie er seelenruhig die Tür einer Konkurrenzfirma aufschloss, und stundenlang dahinter verschwand. Der Mann bereitete seinen Absprung vor - und transferierte als Starthilfe schon mal die besten Klienten seines aktuellen Arbeitgebers zu dem seines künftigen. Zwei Nachmittage pro Woche arbeitete er im Büro des Konkurrenten - gedeckt von ausgesuchten Mitarbeitern, die ihm von der einen Firma zur anderen folgen sollten.

Noch heute schüttelt Wonderly den Kopf, wenn er an die Dreistigkeit des Überläufers denkt. Nie hätte er sich vor seiner Zeit als Ermittler vorstellen können, wie schlimm es um die Ehrlichkeit in Unternehmen steht. Dabei hätten ihm solche Informationen schon früher geholfen - vor seiner Tätigkeit als Wirtschaftsdetektiv war Wonderly Wirtschaftsjournalist.

Doch erst 1997, als Wonderly von der internationalen Detektei Kroll abgeworben wurde, erhielt er freien, ungeschönten Einblick in die Innenwelt der Unternehmen. Nun konnte er zwar nicht mehr über die Skandale berichten, aber er sollte sie lösen. Mit Erfolg: Bei Kroll stieg er schnell zum Deutschlandchef auf, seit 2002 hat Wonderly seine eigene Firma: Paladin Associates GmbH in München.

Besser als ihr Ruf

Noch immer hadert er mit dem schlechten Ruf, den seine Branche in Deutschland hat. "Den Begriff Ermittler versteht kaum jemand, und wenn ich Detektiv sage, denken die Leute, ich steige fremdgehenden Ehemännern nach", sagt Wonderly. Dabei tummeln sich in seiner Branche längst mehr Anwälte und Wirtschaftsprüfer als ehemalige Polizisten, und seine Kunden interessieren sich nicht für menschliche Schwächen, sondern knallharte Wirtschaftsfakten.

In Wonderlys Heimat, den USA, hat man seiner Zunft sogar ein filmisches Denkmal gesetzt. George Clooney spielt in "Michael Clayton" einen "Fixer", einen Mann, der für eine angesehene Anwaltskanzlei Probleme löst. Scheue Zeugen, verschwundene Akten - Clayton findet alles und jeden. Er vertraut dabei auf ein immenses und weltweites Netzwerk von Kontakten. Genau so arbeitet Wonderly auch.

Behörden sind überlastet

Seine Arbeit, meint der Ermittler, wird immer wichtiger. Immer mehr Unternehmen wollten nicht mehr auf die Arbeit der Behörden warten, die völlig überlastet seien und jedes Mal, wenn die Spur eine Landesgrenze überschreitet, ein Amtshilfeersuchen stellen müssten. Außerdem werden die Behörden immer erst im Nachhinein aktiv - und die beste Ermittlerarbeit sei nicht die Aufklärung von Betrug, sondern dessen Verhinderung.

So wie neulich, bei dem Kunden, der ein Südamerika-Projekt anschieben wollte. 200 Mio. Euro lagen für die Investition bereit. Drei Geschäftsführer waren schon gefunden - alles stand auf Start. Nur zur Vorsicht ließ man Wonderly noch einmal die Lebensläufe überprüfen. Siehe da: Alle drei Geschäftsführer hatten ihren künftigen Arbeitgeber belogen. Am besten gefiel den Ermittlern der Kandidat, der langjährige Managementerfahrung in einem großen Bekleidungskonzern angegeben hatte. "Wir haben den Mann in Rio besucht und festgestellt, dass es sich um einen einfachen Schuhverkäufer handelte", sagt Wonderly. "Den haben wir fotografiert und unseren Kunden gezeigt. Da brauchten wir gar keinen Bericht mehr zu schreiben."

Quelle:  Handelsblatt Online
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