
Die Schwarzseher haben dieser Tage wieder Oberwasser. Geht es nach Anlegern, Analysten und Volkswirten, dann ist der Abschwung längst beschlossene Sache. Die Frage, so scheint es, ist nicht, ob der Absturz kommt - sondern wann und wie tief er ausfallen wird.
In der Realität ist davon aber bislang nichts zu spüren. Deutschlands 30 größte börsennotierte Unternehmen dürften in den abgelaufenen drei Monaten knapp 16 Milliarden Euro verdient haben. Das wäre der höchste Nettogewinn in einem dritten Quartal in der Geschichte der deutschen Großkonzerne.
Die Rekordsumme zeichnet sich ab, bevor heute die Deutsche Bank die Bilanzsaison in Deutschland eröffnet. Neben dem größten deutschen Finanzinstitut hatte im Vorfeld nur die Lufthansa ihre Anleger mit einer Gewinnwarnung verschreckt. Die übrigen Konzerne sahen keinen Anlass, Abstriche an den hochgesteckten Erwartungen vorzunehmen.
"Nach dem starken ersten Halbjahr und hohen Auftragsbeständen werden die Unternehmen ihre Ziele für das laufende Geschäftsjahr größtenteils bestätigen", erwartet Commerzbank-Analyst Andreas Hürkamp. Er beobachtet seit Jahren die Bilanzzahlen der deutschen Firmen. Mit Enttäuschungen rechnet er nicht, allerdings "werden vorsichtigere Ausblicke auf die kommenden Quartale der entscheidende Trend in der jetzt anstehenden Gewinnsaison werden", sagt Hürkamp.Angesichts schwächerer Frühindikatoren in den Industrie- und Schwellenländern haben die Analysten der internationalen Investmenthäuser ihre Gewinnschätzungen für 2012 in den vergangenen zehn Wochen um zehn Prozent gesenkt. Solch einen drastischen Trendwechsel gab es zuletzt 2008. Erstmals seit der Krise 2009 fallen auch die Gewinnerwartungen für die Globalisierungsgewinner: für den Autosektor um zehn Prozent, für die Chemiebranche um zwölf Prozent und für den gesamten Industriesektor um durchschnittlich sieben Prozent.
Starkes drittes Quartal
Die Realität aber ist in der düster prognostizierten Zukunft noch nicht angekommen. SAP verkaufte zwischen Juli und September ein Drittel mehr Lizenzen an Unternehmenskunden als im Vorjahreszeitraum. Ein Ende des Booms sei nicht zu erkennen, stellte Europas größter Softwarehersteller in seinen Quartalseckdaten fest. Der Softwareumsatz und der Betriebsgewinn legten stärker als erwartet zu. Dass SAP seine Gesamtjahresprognose dennoch unverändert ließ, begründete der Vorstand mit dem "anhaltend unsicheren makroökonomischen Umfeld".
"Wir blicken auf ein sehr starkes drittes Quartal zurück", sagte auch der Chef des Pharmaunternehmens Fresenius, Ulf Schneider. Selbst konjunkturempfindliche Unternehmen lassen keine Schwächen erkennen. Die Autobauer setzten zuletzt so viele Fahrzeuge ab wie noch nie. Auf den Geländewagen X3 von BMW müssen die Kunden drei bis vier Monate warten. Daimler meldet für seine wichtigste Sparte Mercedes-Benz das beste dritte Quartal in der Geschichte. Wachstumstreiber bleibt die Nachfrage nach teuren, großen Autos insbesondere in China.
Angesichts des starken ersten Halbjahres dürften 15 der 30 Dax-Konzerne in diesem Jahr so viel verdienen wie noch nie, darunter Siemens, BMW, Daimler und VW, der weltgrößte Chemiehersteller BASF und der Markenartikler Henkel. Laut dem Finanzdienstleister Bloomberg werden die Dax-Konzerne auf einen Nettogewinn von 70 Milliarden Euro kommen. Nur im Boomjahr 2007 waren es mit 78 Milliarden Euro noch mehr.
Dass 2011 kein Rekordgewinnjahr wird, liegt ausgerechnet an den bislang verlässlichsten Gewinnmaschinen: Die Abschaltung von sieben Kernreaktoren setzt RWE und Eon unter Ertragsdruck. Analysten erwarten, dass die Versorger 2011 rund 4,5 Milliarden Euro verdienen. 2010 waren es doppelt so viel.
Ausblick erneut angehoben
Doch abseits der Energiebranche überwiegt die Zuversicht, auch in der zweiten Reihe. Der Maschinen- und Anlagenbauer Dürr hob seinen Ausblick fürs Gesamtjahr zum vierten Mal an. Ursache sind die hohen Investitionen der Autobauer. Die Auftragseingänge für Lackieranlagen und Montagewerke stiegen auf 866 Millionen Euro. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Vorjahresquartal.
Eine Umfrage von Pricewaterhouse Coopers (PwC) unter 239 Führungskräften aus mittelständischen und großen Unternehmen bestätigt den Trend "Gute Lage - Angst vor dem Abschwung". Nur jedes fünfte Unternehmen verzeichnet bislang Auftragsrückgänge. Das ist angesichts des 2009 begonnenen und inzwischen weit fortgeschrittenen Booms bemerkenswert. Aber: Die Hälfte der Führungskräfte fühlt sich durch die Finanz- und Schuldenkrise bedroht - ohne indes damit zu rechnen, dass die Probleme bei den Banken und in den Staatshaushalten Durchschlagskraft auf die Realwirtschaft gewinnen werden.
Der Zustand im Maschinenbau verdeutlicht die Dimensionen zwischen starker Nachfrage auf der einen und Schuldenkrise auf der anderen Seite: In der wichtigsten Branche stiegen die Auftragseingänge im August - neuere Daten gibt es noch nicht - gegenüber dem Vorjahresmonat um 14 Prozent. Spuren der Krise zeigt nur der Detailblick, denn das Geschäft mit den Krisenländern brach ein. Exporte nach Griechenland verringerten sich von Januar bis Juli um 30 Prozent, Ausfuhren nach Portugal um rund 20 Prozent.
Aber: Beide Krisenstaaten stehen zusammen für 0,6 Prozent des deutschen Maschinenexports. Die Ausfuhren nach Frankreich legten dagegen um 18 Prozent zu. Das Nachbarland ist nach China und den USA das wichtigste Absatzland für die deutsche Schlüsselbranche.

























