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Rechtsberatung: Anwälte: Die heimlichen Herrscher in deutschen Unternehmen

von Jürgen Salz

Sie fädeln Milliarden-Übernahmen ein, entscheiden mit über Strategien und Führungskräfte: Eine kleine Riege von Anwälten zieht in Deutschlands Unternehmen an den Strippen. Ihr Rat ist teuer, nützt aber nicht immer. Ihre Macht nimmt zu – die Zahl ihrer Gegner auch.

Shearman & Sterling Quelle: Frank Reinhold für WirtschaftsWoche
Georg Thoma (re), Harals Selzner (li) von der Anwaltskanzlei Shearman & Sterling: Thoma vermittlete Daimler einen neuen arabischen Großaktionär, Selzner beriet die Bundesreguerung bei der geplanten Opel-Übernahme durch Magna Quelle: Frank Reinhold für WirtschaftsWoche

Das Geschäft ist heiß, es geht um Milliarden. Endlich bekommt Georg Thoma, einer der besten Unternehmensanwälte Deutschlands, seinen Kontaktmann im Daimler-Vorstand ans Handy. Aufgekratzt berichtet Thoma, dass er im Hotel Sacher in Wien gerade mit einem Geschäftsmann aus Abu Dhabi zu Mittag isst, der als Großaktionär bei Daimler einsteigen möchte.

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Thoma und der arabische Investor Khadem Abdulla al-Qubaisi sind alte Bekannte. Thomas Kanzlei Shearman & Sterling betreut seit Jahren Mandanten aus der Golfregion. Der Anwalt half etwa dabei, den deutschen Anlagenbauer Ferrostaal an die arabische Staatsfirma Ipic zu verkaufen – al-Qubaisis Arbeitgeber.

Zufällig treffen sich Thoma und Qubaisi – kurz vor dem Lunch im Sacher – in der Lobby des Hotels Grand Central in der Nähe des Stephansdoms. Beim Tee eröffnet Qubaisi, das seine Investorengruppe gerne in die deutsche Automobilindustrie einsteigen möchte. Thoma ist ganz Ohr. Seit Jahren berät der 65-jährige Jurist den Daimler-Konzern.

Al-Qubaisis Idee wird immer konkreter. Noch während des Mittagessens im Sacher schiebt Thoma den Deal an. Ende März 2009 verkündet Daimler-Chef Dieter Zetsche schließlich, dass die Investorengruppe Aabar, eine Tochter der Ipic, mit 9,1 Prozent bei Daimler einsteigt und dafür 1,95 Milliarden Euro zahlt. Thoma, der das Milliardengeschäft eingefädelt hat, hält sich dezent im Hintergrund.

Heimliche Herrscher in deutschen Unternehmen

Der Anwalt zählt zu den mächtigsten Strippenziehern der Wirtschaft. Zu jener Sorte von Top-Juristen, die sich bescheiden Rechtsanwalt oder Kanzleipartner nennen und damit maßlos untertreiben. Denn sie beschränken sich nicht darauf, ihre Mandanten zu Gesellschafts-, Steuer- oder Aktienrecht zu beraten. Den Schattenmännern der Deutschland AG geht es um viel mehr: Längst agiert eine kleine Riege von Anwälten als heimliche Herrscher in Deutschlands Unternehmen, fädelt Übernahmen und Beteiligungen ein, entscheidet mit über Strategien, Investitionen und Führungspersonal.

Hinter der Übernahme des Nivea-Konzerns Beiersdorf durch die Milliardärsfamilie Herz steckte etwa der Münchner Wirtschaftsjurist Reinhard Pöllath. Der Kölner Anwalt Rolf Koerfer wirkte bei der Schaeffler-Attacke auf Continental im Hintergrund. Der Mannheimer Kanzleipartner Christof Hettich wählt für den reichen SAP-Gründer Dietmar Hopp die Biotech-Investments aus.

Viele Karrieren von Wirtschaftsanwälten begannen in den Achtziger- und Neunzigerjahren. Sie wurden gebraucht, weil die Unternehmen nun große Übernahmen wagten. So stand Anwalt Thoma dem Daimler-Konzern bereits 1998 beim Kauf des US-Autobauers Chrysler zur Seite. Die Firmenehe endete allerdings neun Jahre später im Fiasko.

Die juristisch versierten Strippenzieher sind mittendrin, wenn wichtige Entscheidungen fallen, obwohl sie nicht zum Unternehmen dazugehören. Ein wenig erinnert das an die Figur des Tom Hagen, den einflussreichen Consigliere („Ratgeber“) des Mafia-Paten Don Vito Corleone aus dem Roman von Mario Puzo. Auch Hagen gehörte der Organisation nicht an. Der Rechts- und Finanzberater der Mafia war kein Sizilianer, nicht einmal Italiener. Doch Hagen genoss Corleones Vertrauen, seine Kompetenz stand über allem – und er hat sich in der Familie immer mehr Respekt verschafft.

5 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 29.03.2010, 15:58 UhrGustav Gans

    ein wirklicher Fortschritt im Deutschen Recht wäre die Umstellung
    des Vergütungswesens für Anwälte auf eine reine erfolgsoriente
    Honorierung - damit hätten wir wieder mehr Recht und vor allem
    Gerechtigkeit - die bananenrechtler werden aussortiert

  • 20.02.2010, 11:06 UhrAngstkultur

    Vertreter einer Angstkultur.

    Überall werden Rechtsanwälte benötigt, um die Angst vor Rechtsanwälten zu beruhigen.

    Die Vermittlung von "Deals" ist sicher wertschöpfend. Ohne den "Deal" mit Scheich XY wäre der Daimlerkonzern 2009 in die Nassen gegangen. Dass das nicht passiert ist, hat mit Sicherheit auch seinen volkswirtschaftlichen wert.

    Die Frage, aber ob gute Kontaktvermittlung heutzutage nicht einfacher, billiger und effizienter geht, bleibt im Raum stehen.

    Die Denkweise und berufsgruppe gleich abzukanzeln, ist mir zu pauschal.

    Aber man sollte evtl. Auswege aus der Regelungswut und Schutzgeldszene finden. Aussteigerprogramme eben nicht nur für Talibanmitglieder die sich wieder in die Gesellschaft eingliedern wollen.

  • 20.02.2010, 01:18 UhrNonadvocat

    Der wirtschaftliche Erfolg von Anwälten fußt einmal auf ihrem Monopol, das sie durch das NS-Rechtsberatungsgesetz genießen und das RVG, welches man durchaus als indirekte Subvention bezeichnen kann. in Kombination mit der Flut von unnötig komplizierten Rechtsnormen und Steuergesetzen wurden sie unentbehrlich gemacht.
    Wertschöpfung durch Anwälte: Null!
    Ein parasitärer berufsstand.

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