Recycling: Comeback der Getränkedose

Recycling: Comeback der Getränkedose

Bild vergrößern

Klassischer Getränke-Dosendeckel im Supermarkt

Staatlich geächtet, als primitiv und umweltfeindlich verhöhnt – die Getränkedose avanciert trotz aller Anfeindungen zu einem Exportschlager Deutschlands.

Großes Gedränge in Haßloch:  Als strebten sie in Panik dem Ausgang zu, stauen sich die halbfertigen Dosen silbrig-metallisch glänzend, nach oben offen. Gerade erst sind sie auf Länge gezogen und messen nun etwa 18 Zentimeter. Noch verraten die Gefäße aus haarfeinem Weißblech nichts über ihren Verwendungszweck. Vier Maschinen weiter ist in dicken Buchstaben „Becks“ auf den Halbliterbüchsen zu lesen. Laut ist es in der fußballgroßen Halle der Dosenfabrik von Ball Packaging Europe am Rand der pfälzischen Gemeinde Haßloch, so laut, dass die Arbeiter gelbe Ohrenstöpsel tragen. Das Klappern der Dosen mischt sich mit Rattern der Presse, die pro Stunde 135.000 Dosen aus dem dünnen, in Riesenrollen gelagerten Blech stanzt.

Eine Halle weiter laden Gabelstapler Gebinde von etwa 6000 leeren Halbliterbüchsen auf Speziallaster. Jeden Tag verlassen 70 bis 80 dieser Laster das Werk, bringen jährlich rund 1,3 Milliarden Dosen zu den Abfüllern.

Anzeige

Krise der Dosenindustrie? Abschied von der Getränkedose? Sieht so eine sterbende Industrie aus? „Wir wachsen; im vergangenen Jahr hat der Markt in Europa um zehn Prozent zugelegt“, sagt Michael Herdman, Vorsitzender der Geschäftsführung von Ball Packaging Europe. Die Dose lebt, gerade in Deutschland. Der jährliche Ausstoß ist seit 2003 nach Branchenhochrechnungen von 7,5 Milliarden auf 8,8 Milliarden Büchsen gestiegen.

Dabei galt noch vor wenigen Jahren das Ende der deutschen Dosenproduzenten für so gut wie besiegelt. Denn im Januar 2003 hatte die damalige rot-grüne Bundesregierung die Getränkedose mit einer Verschärfung der Verpackungsverordnung ins umweltpolitische – und geschäftliche – Abseits befördert. Binnen weniger Monate sank der Umsatz der Hersteller um über 90 Prozent. Deutschland führte damals mit 25 Cent das höchste Dosenpfand weltweit ein. Zum Vergleich: In den USA müssen die Verbraucher, wenn überhaupt, nur fünf bis zehn Cent zahlen; im umweltstrengen Schweden nur rund fünf Eurocent.

Viele Händler, darunter Ketten wie Lidl und Aldi, stellten den Verkauf von Dosengetränken ein. In anderen Läden lagen die Getränkebüchsen wie Blei in den Regalen, weil die Verbraucher nur dort ihr Pfand – unter Vorlage des Kassenbons – einlösen konnten, wo sie die Dose gekauft hatten.

Die Industrie hatte sich ganz darauf verlassen, mit juristischen Tricks die Verordnung zu kippen – obwohl schon Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) 1991 die erste Verpackungsordnung auf den Weg gebracht hatte und die Warnungen des späteren Amtsinhabers Jürgen Trittin in den Monaten vor dem Inkrafttreten der neuen Verordnung im Januar 2003 immer deutlicher wurden. „Keiner von uns hatte gedacht, dass so ein lebensfremdes Gesetz durchkäme“, bekennt ein Manager.

Die Hinhaltetaktik verfing nicht. Zu lange war die Dose als das Umweltübel verteufelt worden. Die Verordnung überwand alle politischen und richterlichen Hürden. Auch ein vom Umweltministerium bestelltes Gutachten des Basler Institutes Prognos – es kam zum Schluss, dass die Bepfandung ökologisch Unsinn und „ökonomisch eine Fehlleitung von Ressourcen“ darstelle – konnte das Einwegpfand nicht mehr verhindern. Fakten wie die Tatsache, dass eine Dose nur 23 Gramm wiegt oder dass sich Metalldosen leicht recyceln lassen, spielten in der aufgepeitschten Diskussion keine Rolle mehr. Warnungen von Bürgermeistern und Großveranstaltern, denen leere Büchsen lieber waren als Glasscherben, verhallten ungehört.

Die Branche hat für ihre Naivität einen hohen Preis gezahlt. Es dauerte über zwei Jahre bis ein flächendeckendes Pfandrücknahmesystem, bei dem unabhängig vom Einkaufsort das Leergut entsorgt werden kann, installiert war. Bis dahin hatten allerdings Handel und Verbraucher gelernt, ohne Dose zu leben. Heute beträgt der Verbrauch in Deutschland mit rund 600 Millionen Dosen (Schätzung 2007) nur noch ein Zwölftel des Verbrauchs von 2002.

Doch jetzt gehen die Absatzzahlen in Deutschland wieder hoch. Der Dosenabsatz hat im vergangenen Jahr um rund fünf Prozent zugelegt. In Tankstellen steckt inzwischen wieder jedes fünfte verkaufte Getränk in einer Büchse. Allerdings profitieren die deutschen Fabriken vor allem vom Geschäft in den Nachbarländern.

Wenn die Zahl der Abfüllungen in Deutschland inzwischen wieder 40 Prozent des Niveaus von 2002 erreicht hat, liegt das vor allem an der Ausfuhr deutscher Bier- und Limomarken. „80 Prozent der hier gefüllten Dosen gehen über die Grenze“, sagt Ball-Packaging-Chef Herdman. Noch besser läuft allerdings der Export von Leerdosen. Vor allem Mittel- und Osteuropa boomen – jährliche Wachstumsraten von über 30 Prozent sind in Polen, Tschechien & Co. nicht selten.

Nur dank des Booms in Europa konnten Rexam und Ball Packaging ihr in Deutschland ansässiges Know-how und die modernen Anlagen nach dem Dosenpfanddebakel halten. „Deutschland ist für uns ein wichtiger Standort“, sagt Bill Barker, Chef des Dosengeschäftes beim weltweiten Marktführer Rexam, „nicht zuletzt, weil die Fabriken wegen der qualifizierten Mitarbeiter äußerst effizient sind.“ Mit vier Produktionsstätten unterhält der britische Verpackungsriese in Deutschland mehr Fabriken als in jedem anderen europäischen Land. Das Gleiche gilt für Ball Packaging, das in Deutschland ebenfalls vier Werke, aber auch ein Entwicklungszentrum für Getränkeverpackungen betreibt. Jüngster Coup der in Bonn ansässigen Forscher ist die wieder verschließbare Dose.

An Rückzug denken weder Ball Packaging noch Rexam. „Wir waren wie alle in der Branche nach der Einführung des Pfandes sehr betroffen“, sagt Barker, „aber wir haben keine Sekunde an Werksschließungen gedacht.“ Deutschland war für Rexam bis dahin der wichtigste europäische Markt. „Über Nacht ging der inländische Absatz praktisch auf null“, erinnert sich Baxter.

Noch schlimmer traf es Ball Packaging. Der amerikanische Verpackungskonzern erwarb Ende 2002 den deutschen Traditionshersteller Schmalbach-Lubeca – wenige Wochen vor der Einführung des Dosenpfandes. „Wir hatten die Auswirkungen vorher geprüft und waren zu der Meinung gekommen, den Kauf weiter zu betreiben“, sagt ein Ball-Packaging-Controller. Ihr Vertrauen zu der Neuerwerbung stellten die Amerikaner drei Jahre später unter Beweis als das Haßlocher Werk abbrannte. Die Katastrophe wäre für die Konzernleitung im fernen Colorado eine wunderbare Gelegenheit gewesen, Produktionskapazitäten ohne großes Theater aufzugeben.

Doch Ball-Packaging-Chef David Hoover entschied, die pfälzische Fabrik wieder aufzubauen. Nur ein Jahr nach dem Brand weihten Hoover und der rheinland-pfälzische Landesvater Kurt Beck mit viel Konfettiregen das neue Werk ein. „Die zentrale Lage, das Know-how der Mitarbeiter – es sprach zu viel dafür, die Fabrik wieder zu errichten“, sagt Europa-Chef Herdman, der sein Büro im rheinischen Ratingen hat.

Der Kater nach dem Dosenpfanddebakel ist vergangen. Die Hersteller haben sich arrangiert. Jetzt hoffen Rexam, Ball Packaging und der US-Verpackungsriese Crown, die fast 90 Prozent des europäischen Marktes beherrschen, dass sich das zarte Wachstum des deutschen Marktes fortsetzt. „Früher oder später entdecken die Deutschen die Getränkedose wieder, und der deutsche Markt wird wieder stark“, sagt Barker, „das ist nur eine Frage der Zeit.“

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%