red dot design award: Design: Hören und Fühlen

23. Juni 2008
reddot design awardBild vergrößern
reddot design award
von Lothar Schnitzler und Thomas Katzensteiner

Heute Abend wird in Essen der Designpreis red dot award 2008 vergeben. Gutes Design ist mehr als schönes Aussehen. Die Unternehmen entdecken zunehmend die Bedeutung des Fühlens, Hörens und Riechens. Oft bringen die unsichtbaren Merkmale eines Produktes erst den entscheidenden Vorsprung auf den Märkten.

Zentimeter um Zentimeter senkt sich der Bohrer in den Beton. „Weniger Druck!“, ruft Bosch-Entwickler Ulrich Bohne, „die Hälfte reicht.“ Tatsächlich: Als der Mann am Bohrer sich weniger stark vorbeugt, eine Hand von der Maschine nimmt und sich der Zeiger des Druckmessers senkt, frisst sich der Bohrer ebenso schnell in den etwa 50 Zentimeter dicken Betonblock wie zuvor.

Anzeige

Stuttgart-Leinfelden, im Bosch-Entwicklungszentrum für Elektrowerkzeuge. Es riecht nach frischem Beton, Reinigungsmittel und Metall. Zwischen den sogenannten Normblöcken aus Holz, Beton, Aluminium und Stahl haben Bohne und sein Kollege, der Bosch-Designer Hans-Peter Aglassinger, auf einem Tisch ein Dutzend Plastikmodelle des soeben getesteten Werkzeuges ausgebreitet. „Fühlen Sie mal die Oberfläche“, sagt Bohne und streicht über den Griff des Elektrowerkzeugs, „harte Partien wechseln mit gummierten Flächen ab, das verhindert das Abrutschen.“ Uneo heißt das neue Kombiwerkzeug aus Akku-Schrauber, Bohrmaschine und Bohrhammer, das in einigen Wochen auf den deutschen Markt kommt.

„Wir haben mit diesem Gerät integratives Design verwirklicht“, sagt Aglassinger, „Aussehen, Gewicht, Haptik und der Klang der Maschine waren für uns Aspekte des gleichen Themas.“ Tatsächlich wiegt die Maschine nicht viel mehr als ein Kilogramm und passt auf ein DIN-A4-Blatt. Auch der sonor-gedämpfte Klang der Maschine hat nichts mehr mit dem früher gewohnten Kreischen leistungsstarker Heimwerkergeräte gemein.

Zum neuen, nonvisuellen Design gehört eine ausgefeilte Haptik: In monatelanger Arbeit haben Aglassinger und sein Team die Maschine von Modell zu Modell zum Handschmeichler verfeinert. Die gummierten Partien sowie millimeterpräzise Mulden für Zeigefinger und Daumen machen die dunkelgrünen Geräte so griffig, dass auch kleinere Anwender das Gerät spielend mit einer Hand halten können.

Die optisch wenig auffälligen Oberflächendetails und das Tuning am Sound des Bosch-Werkzeugs sind Beleg für ein allmähliches Umdenken in der industriellen Formgebung. Das unsichtbare Design jenseits der bloßen Formgestaltung gewinnt rapide an Bedeutung. „Heute spielen Fühlen, Hören und Riechen im Design eine zunehmend größere Rolle“, sagt Peter Zec, der als Leiter des Design Zentrums Nordrhein Westfalen den international führenden Designpreis red dot verleiht. „Auch deshalb, weil in gesättigten Märkten jedes kleine Detail des Produktes stimmen muss.“ So wecke ein hochwertig aussehender Lichtschalter, dessen Oberfläche sich billig anfühle und dessen Schaltgeräusch fipsig klinge, eine falsche Erwartung: Der Schalter klingt einfach nicht nach viel Geld – warum sollte der Kunde es dann dafür ausgeben?

red dot design award

Die Erkenntnis setzt sich in den Designabteilungen der Unternehmen durch. Zwar hatte die Oberliga der Designer schon vor über Hundert Jahren Funktion und Ergonomie mitbedacht – zumindest in der Theorie. „Form follows function“, gab der amerikanischen Architekt Louis Sullivan schon vor 1900 Baumeistern und Designern vor. Die Wirklichkeit sah anders aus. Allzuoft waren formschöne – und am Markt erfolgreiche – Produkte haptisch, funktionell und akustisch eine Zumutung, etwa der gleichermaßen legendäre wie lärmende VW-Käfer oder der Supersportwagen Lamborghini Countach, dessen Fahrer am durchgeschwitzten Polohemd erkennbar waren, weil die flache Heckscheibe und der Motor direkt hinter der Rückenlehne für brütende Hitze in der Fahrerkabine sorgten.

Derartige Unvollkommenheit mag für hingebungsvoll treue Kunden und Fans einer Marke noch verzeihlich sein, im Einzelfall sogar Teil ihres Markenerlebnisses. In den meisten umkämpften Märkten können sich Unternehmen so etwas nicht leisten. „Der Verbraucher fühlt sich unwohl, wenn das Sehen mit dem Hören und Fühlen nicht übereinstimmt“, sagt Zec, „für die Vermarktung eines Produktes ist das nicht gerade hilfreich.“

Auch beim Designpreis red dot, der heute Abend verliehen wird, entscheiden unsichtbare Eigenschaften von Objekten oft über Nominierung oder Nichtnominierung. „So gut wie alle Juroren streichen bei der Begutachtung instinktiv über die Objekte“, sagt Zec, „etliche Preisrichter schnüffeln sogar daran oder prüfen das Betriebsgeräusch.“ Für Zec eine konsequente Anwendung der Leitsätze multisensueller Gestaltung: „Geruch ist – ebenso wie Geräusch – ein Warnsignal, wenn ein Gerät nach Chemie stinkt oder klappert, kann es noch so schön sein, der Nutzer wird es nicht akzeptieren.“

Gestank, so ergaben die Forschungen des Münchner Ergonomen Heiner Bubb, ist für die Nutzer eines Produktes ohnehin das entscheidende Kriterium – weit vor Lärm, Hitze oder Kälte. „In Räume, in denen es schlecht riecht, geht kein Kunde hinein“, sagt Elke Kies. Die Neusser Architektin lebt davon, schlechte Gerüche zu vertreiben oder Verkaufsräume und Messestände mit völlig neuen Duftnoten zu versehen. Dabei geht es nicht nur um das Wohlbefinden der Besucher. Duftdesign, so weist eine Studie der Universität Paderborn nach, treibt den Umsatz in Verkaufsräumen im Durchschnitt um sechs Prozent nach oben und verlängert die Verweildauer von Besuchern um 16 Prozent.

Zu den Kunden von Designerin Kies gehören Unternehmen wie Vodafone, die ihre Messestände beduften lassen, der Kosmetikhersteller Wella oder das Kulturkaufhaus Dussmann in Berlin. Die olfaktorische Note dauerbedufteter Räume sollte nach Meinung von Kies an der Wahrnehmungsschwelle bleiben und mit Naturtönen wie Wald- oder Meeresaromen korrespondieren. „Zu starker Duft provoziert Abwehrhaltung“, sagt Kies.

Vor allem die Autobauer haben das Duftdesign zu einer Wissenschaft entwickelt. So lässt VW von seinem Riechteam mehrere Hundert Teile allein aus dem Innenraum beschnüffeln – und das nicht nur im Normalzustand. Dabei werden die Materialien sowohl bei Zimmertemperatur als auch im erwärmten und im feuchtwarmen Zustand untersucht.

"So muss eine Autotür klingen"

Bislang legten die Hersteller Wert auf einen markenspezifischen Geruch, der im Innenraum des Wagens ähnlich duftete wie in den Räumen des Händlers. Beispielsweise galt ein leichter, kaum wahrnehmbarer Gummigeruch als typisch für BMW. Neuer Trend ist jedoch das fast geruchsneutrale Auto. Das, was früher einmal bei allen Herstellern als der klassische Neuwagenduft durchging, ein mehr oder weniger angenehmer Mix aus Kunststoff-, Klebstoff- und Dichtmasse-Ausdünstungen, fehlt fast vollkommen. „Wir wollten ein geruchsneutrales Umfeld schaffen, das allenfalls nach Leder riecht, wenn der Wagen eine Lederausstattung hat“, erklärt Peter Schwarzer, Leiter der Analytik und des Geruchsteams im Zentrallabor von VW.

Den Richtungswechsel erklärt Schwarzer mit wechselnden Ansprüchen der Nutzer. „Natürlich gibt es immer noch Kunden, die einen kräftigen Neuwagengeruch wünschen, es gibt aber auf der anderen Seite immer mehr Menschen, die einen solchen Geruch mit Allergenen oder schädlichen Chemikalien verbinden, obwohl es sachlich keinen Grund dafür gibt“, sagt Schwarzer. Hinzu komme, dass ein neutraler Raum es dem Kunden auch erleichtere, dem Auto selbst seinen Wunschgeruch zu geben.

Plopp...pft. „So muss eine Autotür klingen“, sagt Martin Winterkorn. „Hören Sie das?“ Der VW-Konzernchef zieht die Tür des künftigen VW Golf noch einmal auf und wirft sie sanft wieder zu. Das Geräusch erinnert an eine Panzerschranktür, dumpf und schwer. Winterkorn öffnet die Tür des Wagens, der hier hochglanzpoliert auf dem Dach des Wolfsburger Designzentrums steht, erneut, streicht über die Armaturentafel und die Türverkleidungen. „Hier, fassen Sie das mal an! Das ist Teil unserer Strategie, die Hochwertigkeit unserer Fahrzeuge für den Kunden regelrecht fühlbar zu machen und das können unsere Techniker besser als andere“, beteuert der 61-jährige Ingenieur, der sich schon bei Audi einen Ruf als Qualitätsfanatiker erworben hat. Winterkorn weiß: Autos verkaufen sich längst nicht mehr nur über ihre äußere Form, sondern auch darüber, wie sie sich anfühlen, wie sie klingen und wie sie riechen.

Anzeige

Mehr zum Thema

Kommentar | 1Alle Kommentare
  • 24.06.2008, 17:45 UhrPatrick Schelauske

    im Artikel fehlt der Hinweis, dass die ausgezeichneten Hersteller sich in das Teilnehmerfeld fuer diesen Award erstmal einkaufen muessen. So haelt man unliebsame Konkurenz fern und kommt garantiert zum gewuenschten (und bezahlten) Ergebnis.

Alle Kommentare lesen

WiWo Guide Unternehmenssuche

Finden Sie weitere Unternehmen aus der für Sie relevanten Branche. z.B.

  • Branchenführer: BW PARTNER
  • Branchenführer: BENKERT + PARTNER
  • Branchenführer: Allen & Overy LLP

WiWo Guide Personensuche

Finden Sie weitere Spezialisten auf dem für Sie relevanten Fachgebiet, z.B.

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.