Wenn das Modem piept und knarrt, freut sich der Kartoffelkönig. „Früher war es fürchterlich aufwendig, meine Ware zu verkaufen“, erzählt Kartoffelgroßhändler He Qingji aus der Provinz Gansu, in der es für den Reisanbau zu kalt ist. „Es war kaum möglich, herauszufinden, wer schnell eine Lieferung braucht.“ Doch seit kurzem geht das über das World Wide Web ganz einfach. Prompt sprang Hes Umsatz auf fünf bis sechs Millionen Euro hoch.
Das hat der Großhändler „Xinnongwang“ zu verdanken, dem „neuen Bauernweb“ der Provinzregierung. Das Portal bietet sowohl aktuelle Marktinformationen als auch neue Methoden für Anbau oder Schädlingsbekämpfung an. „Seitdem wir das Internet haben“, sagt He, „mache ich mir keine Sorgen mehr.“
Solche Zuversicht ist bei den 800 Millionen Landbewohnern eher selten. Das Problem: Die Bauern produzieren zu teuer, denn die Familienbetriebe haben nur kleine Parzellen und meist veraltete Anbaumethoden. Vor allem die Produktion von Grundnahrungsmitteln wie Soja und Weizen liegt weit über Weltmarktpreisen.
Vor allem wenn infolge des WTO-Beitritts jetzt die billigeren Produkte der effizienteren ausländischen Großagrarbetriebe auf den chinesischen Markt drängen, droht Hunderten von Millionen Bauern das Aus. Sie können von dem bescheidenen Ertrag, den viele von ihnen schon jetzt nur erzielen, ohnedies kaum leben. In der Industrie können aber, so sehr sie boomt, in wenigen Jahren nicht Hunderte von Millionen Bauern einen Job bekommen.
So wächst die Gefahr, dass die Wohlstandskluft zwischen den reichen Küstenstädten und Zentral- und Westchina unaufhaltsam größer wird. Mit weniger als 300 Euro pro Jahr muss ein Landbewohner im Schnitt auskommen; Städter verdienen mehr als das Dreifache.
Premierminister Wen hat die Verbesserung der Lebensumstände der Bauern denn auch zu seiner Hauptaufgabe erklärt. Wen will die Bauern jetzt mithilfe einer Steuer- und Sozialreform entlasten; günstige Kredite der Staatsbanken und erhöhte Subventionen sollen ihnen zudem die Modernisierung ihrer Betriebe erleichtern und bessere Schulbedingungen ihren Kindern eine Perspektive jenseits der Scholle geben.
Ein unhaltbarer Zustand, der nach Reformen schreit. Vorbilder der chinesischen Agrarreformer ist die neuere EU-Landwirtschaftspolitik. China will künftig nicht mehr die Produktpreise regulieren und damit die Märkte verzerren, die Bauern sollen vielmehr direkt Einkommensbeihilfen beantragen können.
Damit bekommen diejenigen das Geld, die es wirklich brauchen. Die vom Staat künstlich erhöhten Preise kamen in der Praxis meist gar nicht bei den Bauern im Geldbeutel an, weil lokale oder regionale Bürokraten sie durch allerhand Tricks und Schikanen zuvor selbst abschöpften.
Damit die staatlichen Einkommenshilfen aber die öffentlichen Kassen nicht zu sehr belasten, versucht China zugleich, mit nichttarifären Handelshemmnissen Zeit zu gewinnen: Importeure von Nahrungsmitteln müssen zum Beispiel Importlizenzen beantragen und beweisen, dass ihre Produkte gentechnisch unbedenklich sind.
Dabei hat China selbst die Gentechnik zum Hoffnungsträger ihrer Landwirtschaft gemacht. Da nur ein Drittel der Landesfläche landwirtschaftlich nutzbar ist, investiert das Land jährlich 500 Millionen Euro in die Zucht ertragreicherer und widerstandsfähigerer Pflanzen.
„China spielt in der Genforschung auf Weltklasseniveau mit“, so Professor Qiang Boqin, Chef des nationalen Prioritätsprojekts „Programm 863“. Seinem Team gelang es im vergangenen Jahr, noch vor der ausländischen Konkurrenz das Reis-Genom zu entschlüsseln.
Doch trotz Protektionismus, Gentechnik und staatlicher Hilfe – für die meisten Bauern birgt die Scholle wenig Zukunftschancen. Nicht viele haben das Glück von Yang Peiyan. 1974 entdeckte er in der Nähe der ehemaligen Kaiserstadt Xian die über 2000 Jahre alte Terrakottaarmee von Chinas erstem Kaiser Qin Shihuang.
Xian hat das zu einer internationalen Touristenattraktion und Yang zum berühmtesten Bauern des Landes gemacht. Auf der Scholle ackert er seitdem nicht mehr. Von berühmten Kalligrafen hat sich der Illiterat acht chinesische Zeichen beibringen lassen und signiert seitdem Ausstellungskataloge.













