Rheinmetall: Zweikampf im deutschen Rüstungsgeschäft

Rheinmetall: Zweikampf im deutschen Rüstungsgeschäft

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Rheinmetall Konzernzentrale in Düsseldorf

Der Rüstungskonzern Rheinmetall schluckt einen kleinen Panzerbauer. Das heizt den Zweikampf mit dem Erzrivalen Krauss-Maffei Wegmann an.

Klaus Eberhardt fand große Worte. Dies sei ein Expansionsschritt von „großer strategischer Bedeutung“, posaunte der Chef des Düsseldorfer Rüstungskonzerns Rheinmetall heraus, als er kurz vor Ostern mit Aplomb die Übernahme des niederländischen Panzerbauers Stork PWV bekannt gab.

Das Unternehmen zählt nicht gerade zu den Berühmtheiten der internationalen Waffenschmieden. Für Rüstungskenner indes hat der No-Name aus dem Nachbarland einen gewissen Charme. Denn Stork ist zu 50 Prozent an der Münchner Firma Artec beteiligt, an der Rheinmetall 14 Prozent und der ebenfalls in München residierende Panzerbauer Krauss-Maffei Wegmann (KMW) 36 Prozent halten. Artec erhielt von der Bundeswehr und dem niederländischen Heer den Auftrag zum Bau von 472 gepanzerten Transportfahrzeugen vom Typ Boxer – Gesamtauftragsvolumen: 1,2 Milliarden Euro.

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Durch Stork hält Eberhardt nun 64 Prozent von Artec und wird Systemführer beim Transportpanzer Boxer. Der Rheinmetall-Chef kann sich außerdem im Gefühl sonnen, erstmals KMW überrundet zu haben, jenen Erzrivalen, der in die Kriegsgeschichtsbücher einging mit Produkten wie dem Panzer Leopard II oder der Panzerhaubitze 2000, der größten Kanone seit der „Dicken Berta“ aus Wilhelms Zeiten.

Damit befeuert der Rheinmetall-Chef einen Machtkampf zweier deutscher Rüstungskonzerne um die Vorherrschaft im hiesigen Panzerbau, der in den vergangenen Jahren zum Stillstand gekommen zu sein schien. Hier das börsennotierte Unternehmen Rheinmetall, das sich bisher vor allem als Komponentenlieferant verstand. Dort die Kasseler Familie Bode, die mit ihren Panzern und ihrer Tradition glänzt. Mit dieser Rollenverteilung schienen sich beide Parteien abgefunden zu haben.

Doch ob die formale Mehrheit an Artec, die Rheinmetall durch die Übernahme des holländischen Panzergeschäfts zufällt, den Düsseldorfern nun zur Überlegenheit verhilft, ist fraglich. Umso mehr dürfte der Coup die schon etwas älteren Fusions-fantasien in der deutschen Rüstungsindustrie neu beflügeln: dass Rheinmetall und KMW irgendwann einmal unter ein gemeinsames Dach schlüpfen könnten.

Außerhalb Deutschlands gelten die beiden als Waffenlieferanten von Weltrang. Beide stellen vor allem schweres und gepanzertes Gerät für Bodentruppen her, ob für die arabischen Staaten, die USA oder andere Nato-Staaten. Ihre gepanzerten Fahrzeuge kurven am Hindukusch und auf dem Balkan durchs Gelände. Beide verdienen prächtig am weltweit wachsenden Bedarf an Militärtechnologie. Doch auch auf deutschem Boden spielen sie Krieg auf besondere Weise – Krieg um die Vorherrschaft in der deutschen Rüstungsindustrie.

Immer wieder versuchte Rheinmetall-Chef Eberhardt, das jahrelange Hickhack zwischen beiden Rivalen zu beenden und einen mächtigen Schulterschluss zu wagen, um auf ganzer technologischer Breite in die obere Weltliga vorzustoßen, die vor allem vom britischen Rüstungskonzern BAE und dem amerikanischen Gegenspieler General Dynamics beherrscht wird. Eberhardts unverhohlen geäußerter Wunsch lautete stets, mit KMW zu fusionieren. Doch seine Avancen („Wir sind zu Fusionsgesprächen bereit. Unsere Tür bleibt offen.“) prallten stets am Stolz des Krauss-Maffei-Clans ab. Niemand will der Unterlegene sein, jeder die Führung übernehmen.

Das zeigte sich auch beim Bau des Boxers, jenes so mächtig armierten achträdrigen Gefährts, das über eine explodierende Mine so sicher hinwegrollen soll wie ein Ford Transit über eine Bordsteinkante. Der Boxer ist speziell für die sichere Fahrt durch unübersichtliches Feindesland wie in Afghanistan geeignet. Dass diese Sicherheit auch trügerisch ist, zeigte der Dingo-Panzer, auf den am Donnerstag in Nordafghanistan ein Anschlag verübt wurde. Dabei wurden zwei Soldaten schwer verletzt. Armierung ist nicht alles. Dennoch: 200 Fahrzeuge vom Typ Boxer haben die Niederländer bestellt. Nachfolgeaufträge winken. Für Rheinmetall stellte die bisher 14-prozentige Beteiligung an der Produktion eine ideale Ergänzung des Paradepferds der Düsseldorfer dar – des Spürpanzers Fuchs, der mit seiner Sensorik jedes Husten des Feindes aus großer Entfernung erfasst.

Ob die Übernahme des holländischen Teils am Transportpanzer Boxer nun den großen Durchbruch bringt, ist ungewiss. Denn die Dominanz der Rheinmetaller bei Artec, die bei künftigen Fusionsgesprächen eine Führungsrolle, vielleicht auch die Mehrheit an einer gemeinsamen Gesellschaft mit KMW sichern könnte, besteht eigentlich nur auf dem Papier. Die Panzerabteilung von Stork, die Rheinmetall übernahm, besteht nur aus 50 Mitarbeitern. Stork ist ein Mischkonzern, der in vielen Industrien mitmischt.

Die Militärsparte ist ein reines Blaupausengeschäft, von dem vor allem Subunternehmer profitieren. So wird das gesamte Chassis des Boxers bei der holländischen Firma Dutch Defense Vehicle Systems (DDVS) mit Sitz in Helmond bei Eindhoven gefertigt. Die DDVS jedoch ist, Pech für Rheinmetall, eine 100-prozentige Tochter des Rivalen KMW, der zumindest auf diese Weise am holländischen Boxer-Geschäft eine Wertschöpfung von 60 Prozent hält. Der Großteil der Einnahmen fließt also weiterhin nach München, nicht nach Düsseldorf.

Wie schwer die Gespräche mit KMW sind, zeigen die unterschiedlichen Bewertungsansätze beider Unternehmen. Denn die Angabe von holländischen Boxer-Insidern über die hohe Wertschöpfung von KMW wird bei Rheinmetall glatt bestritten. Nur 20 Prozent sei dieser Anteil des Rivalen aus München, heißt es bei Rheinmetall. Hier sind viele erbost darüber, dass KMW-Chef Frank Haun kalt lächelnd das Triumphgefühl am Rhein beobachtet. Holländische Regierungskreise schätzen den Zulieferanteile der KMW am Boxer „auf über 50 Prozent“ und können sich die Rheinmetall-Rechnung nicht erklären.

Die Münchner können sicher sein, dass Rheinmetall-Boss Eberhardt kein trojanisches Pferd erworben hat, das ihm eine Dominanz bei Fusionsverhandlungen über einen künftigen gemeinsamen Rüstungskonzern Rheinmetall KMW bringen könnte – nicht einmal eine trojanische Maus.

Im Gegensatz zum Rheinmetall-Konzern, der einem breiten Streubesitz ohne einflussreichen Einzelaktionär gehört, befindet sich die KMW-Rüstungsschmiede fest in der Hand des Kasselers Manfred Bode. Deutschlands unbekanntester Großunternehmer hält mit seinem Clan 51 Prozent von KMW. Der Rest liegt bei Siemens. Die zurzeit schwer gebeutelten Siemensianer haben aber wenig Freude an ihrer einflusslosen Beteiligung. Sie fiel ihnen zu, als sie Teile des einstigen Mannesmann-Konzerns erwarben, der Ende der Neunzigerjahre vom britischen Mobilfunker Vodafone filetiert worden war. Siemens könnte sich schnell von seiner ungeliebten KMW-Beteiligung trennen – wenn es Käufer gäbe.

Solche sind zurzeit weit und breit nicht in Sicht. Da KMW auf einen Unternehmenswert von mindestens drei Milliarden Euro geschätzt wird, ist der Siemens-Anteil so teuer, dass diesen zumindest Rheinmetall wegen fehlender Finanzkraft nicht stemmen und übernehmen könnte.

Das Überlegenheitsgefühl der KMWler kommt auch aus einer langen Tradition. KMW steht für 178 Jahre deutsche Industrie- und Rüstungsgeschichte. Die Unternehmer Georg Ritter von Krauss und Joseph Anton von Maffei begannen 1830 mit dem Bau von Dampflokomotiven, später auch mit der Montage von Panzern. Sie fusionierten Anfang 1931 zur Krauss-Maffei AG. Die Elektronik bezogen die beiden vom Kasseler Unternehmen Wegmann der Familie Bode. Vor knapp zehn Jahren fusionierten die Unternehmen.

Fast zur selben Zeit begann beim treuen Leopard-Komponentenlieferanten Rheinmetall ein Erosionsprozess bei den Aktionären. Die Familie Röchling, die der Größe und dem Glanz der Krupps viel eher entsprach als die Bodes aus Kassel, zog sich in den Folgejahren aus Rheinmetall zurück. Ende 2004 stieg sie schließlich ganz aus und überließ Rheinmetall den Kleinaktionären und Fonds.

So lenkt Rheinmetall-Chef Eberhardt seitdem ein Schlachtschiff, das quasi ganz von ihm dominiert wird. Eberhardt will die Bodes zwar an Bord holen, aber nur als Großaktionäre, die vielleicht 20 Prozent von Rheinmetall halten und bis auf einen Achtungserfolg als stärkster Großaktionär nur wenig bei Rheinmetall ausrichten könnten. So berichten es jedenfalls Brancheninsider. Diesem Beteiligungsmodell, so heißt es auch, hat Bode schon früh eine Absage erteilt.

Panzer Leflasys des Quelle: AP

Panzer Leflasys des Duesseldorfer Ruestungskonzerns Rheinmetall

Bild: AP

Die KMW-Strategen hatten auch noch eine andere Variante geprüft – das Zusammengehen der Heerestechniksparten beider Unternehmen. Rheinmetall ist im Gegensatz zu KMW ein Mischkonzern mit einer starken Automobilsparte, die Motorenkomponenten produziert. In einem solchen Konzern wollen die Nachfolger von Krauss, Maffei und Wegmann ihre Panzertechnik nicht versickern sehen.

Sollten beide Unternehmen jedoch ihre Heerestechnik herauslösen und zusammenlegen, will KMW mindestens 51 Prozent der Anteile halten. Damit würde wiederum Rheinmetall auf Einfluss verzichten, obwohl sie viel mehr im Programm haben als die Münchner. Denn die Düsseldorfer sind im Rüstungsgeschäft breiter aufgestellt als KMW. Mit der Produktion von Munition, Pulver und Zünder macht Rheinmetall einen Umsatz von 700 Millionen Euro und ist drittgrößter Munitionshersteller der Welt. Hier will Rheinmetall sogar wachsen.

Die Mehrheit der südafrikanischen Munitionsfabrik Denel und der Kauf eines schweizerischen Herstellers für Zünder komplettierten gerade das Programm von Rheinmetall. Mit dem Munitionsgeschäft haben die Düsseldorfer in den USA bereits einen Marktanteil von neun Prozent. Das ist in der stark umkämpften, weltweiten Rüstungsbranche ein wichtiger Zugang zum amerikanischen Markt. Auf diesem Feld hat KMW nichts zu bieten.

Bliebe noch eine dritte Variante, die KMW ermöglichte, das Gesicht zu wahren. Mit dem Bau des Boxers wäre ein gemeinsames Unternehmen für gepanzerte Fahrzeuge denkbar. Da KMW hier die meiste Wertschöpfung erbringt, könnte das Unternehmen die Führung einer Gemeinschaftsfirma übernehmen. Neben dem Boxer würden die Münchner noch den Spähwagen Fennek einbringen, der ideal zum Spürpanzer Fuchs von Rheinmetall passen würde.

Viel Zeit zum Überlegen bleibt den beiden Kontrahenten aber nicht. Denn der deutsch-französische Luftfahrt- und Rüstungsriese EADS, der den Eurofighter baut und bei Abwehrraketen führend ist, hat ein Auge auf Rheinmetall und KMW geworfen. Zwar kann EADS schlecht bei beiden Unternehmen einsteigen, weil deutsche Gesetze die Rüstungsindustrie schützen. Aber mit einem raffinierten Netz von Satelliten- und Kommunikationssystemen wollen die EADS-Manager Rheinmetall und KMW doch noch unter ihre Kontrolle bekommen. Man muss sich nicht so bekriegen wie die Deutschen untereinander. Technische Abhängigkeit von EADS reicht doch auch, sagen sich die Franzosen.

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