Rhetorik-Ranking 2017: Heinrich Hiesinger eröffnet Redner-Wettstreit

Rhetorik-Ranking 2017: Heinrich Hiesinger eröffnet Redner-Wettstreit

, aktualisiert 27. Januar 2017, 17:27 Uhr
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Der Vorstandschef von Thyssen-Krupp spricht zu seinen Aktionären auf der Hauptversammlung in Bochum. Noch immer überfordert er Zuhörer mit Wortungetümen.

von Claudia ObmannQuelle:Handelsblatt Online

Welcher Dax-Chef hält die verständlichste Rede? Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger hat die Hauptversammlungssaison 2017 eröffnet. Zu den Favoriten im Rhetorik-Wettstreit zählen allerdings andere.

DüsseldorfDen Auftakt als erster Redner der diesjährigen Hauptversammlungssaison machte heute Heinrich Hiesinger in der Ruhr-Kongresshalle in Bochum. Der Thyssen-Krupp-Chef, der sich in den Vorjahren im Rhetorik-Ranking stets leicht verbessert hat, schaffte es diesmal nicht, eine deutlich verständlichere und prägnantere Rede zu halten. Mit dem sechsten Auftritt vor den Aktionären scheint er seinen Platz im letzten Drittel des Gesamtklassements zu festigen.

Weiter an seinem Manuskript zu feilen, hätte sich für den promovierten Ingenieur durchaus gelohnt: kürzere und klarere Sätze, eine insgesamt aktivere Sprache, weniger Fachbegriffe – und seine Aufgabe, die Eigner um Verständnis und Geduld zu bitten, dass sich die Gesundung des Traditionsunternehmens und die geplante Fusion im Stahlbereich verzögert, wäre einfacher zu bewältigen gewesen.

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Schon 2016 stammte das Wortungetüm des Jahres „Transrapid-Linearmotor-Technologie“ mit insgesamt 34 Buchstaben aus Hiesingers Rede. „Und auch in diesem Jahr ist er in puncto sperrige Begriffe wieder ein Anwärter auf den Negativrekord“, sagt Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim. Der Experte mahnt außerdem: „Die goldene Rhetorik-Regel, 'ein Gedanke pro Satz' könnte Heinrich Hiesinger häufiger befolgen.“

Der Kampf um die Redner-Krone, die das Handelsblatt gemeinsam mit der Universität Hohenheim jedes Jahr für die verständlichste Rede eines Dax-Chefs auf der Hauptversammlung vergibt, ist damit eröffnet. Mit Spannung wird erwartet, welcher Chef von Deutschlands 30 größten börsennotierten Unternehmen beim inzwischen sechsten Wettbewerb die beste Rede vor seinen Aktionären hält.

Und das wird spannend. Denn zum einen liegen die vier Spitzenredner des Vorjahres, angeführt von Telekom-Chef Timotheus Höttges, ganz eng beieinander. Lediglich eine geringfügige Differenz trennt Höttges von seinen Verfolgern, die sich aufgrund von Punktgleichstand zu dritt Platz zwei teilen: Die beiden erfahrenen Hauptversammlungsprofis Fresenius-SE-Chef Ulf Schneider und Post-Chef Frank Appel dürften mit BMW-Chef Harald Krüger als Rivalen zwar nicht gerechnet haben, sich dem Neuling aber auch nicht kampflos geschlagen geben. Der katapultierte sich nämlich bei seiner Premiere im Redner-Ring quasi aus dem Stand mit zu Schneider und Appel aufs Treppchen.

Kurz und knackig gelangen ihm Worte und Sätze, klipp und klar erläuterte er dem Publikum Unternehmensziele und seine Strategie. Der ehrgeizige Autochef aus Bayern eifert offenbar auch in dieser Disziplin seinem Vorgänger Norbert Reithofer nach, der 2015 und 2014 das Handelsblatt-Redner-Ranking anführte. Zum anderen betreten insgesamt fünf Newcomer unter den DAX-Chefs zum allerersten Mal die große Rednerbühne. Dazu kommt noch Kaspar Rorstedt, der bis zum vergangenen Jahr noch für Henkel auftrat, inzwischen aber als Adidas-Chef einen neuen Anlauf nimmt.

Ob Antritts- oder Abschiedsrede, Durchhalte-Aufruf oder Kampfansage – bis Anfang Juni 2017 wird das exklusive CEO-Rhetorik-Ranking dann erneut eine wissenschaftlich fundierte Einschätzung geben, welcher DAX-30-Chef sein Publikum mit den meisten Worthülsen langweilt oder mit Satzungetümen überfordert. Und wer dagegen am anschaulichsten vorträgt. Dazu ermittelt wieder ein spezielles Computerprogramm von Kommunikationswissenschaftler Brettschneider, wie verständlich die Reden der Vorstandschefs der DAX-30-Unternehmen ausfallen.


„Fakten und gesellschaftliche Wahrnehmung driften auseinander“

Es analysiert dazu jeweils Satzbau, Fremdwortanteil, Abstraktheitsgrad, Wort- und Satzlängen und bewertet dann jede Rede auf einer Verständlichkeitsskala. Diese reicht von Null – der Vortrag ist etwa so unverständlich für den Durchschnittsbürger wie eine Doktorarbeit – bis 20. Ein Spitzenwert, wie ihn besonders verständliche Radionachrichten erzielen.

Zum Vergleich: Wirtschaftszeitungen wie das Handelsblatt erreichen in puncto Verständlichkeit zwischen 12 und 14 Punkte. Diese A-Note bewertet sozusagen die „Pflicht“. Ergänzend dazu hat Brettschneider eine Checkliste entwickelt, mit der der jeweilige Redestil bewertet wird. In der „Kür“ können die Dax-Chefs in zwei Teilbereichen „Relevanz und Aufbau“ sowie „Präsentationsform“ insgesamt 100 Punkte für ihre B-Note holen.

Besonders gespannt sein darf man auf die rhetorische Leistung der Novizen in der obersten Börsen-Liga, wie Stefan Oschmann, der an der Merck-Spitze Karl-Ludwig Kley abgelöst hat, und Martin Zielke, neuer Commerzbank-Chef. Als erster unter den Neulingen tritt am 6. April der neue Henkel-Chef Hans van Bylen an. Der bisherige Kosmetik-Vorstand versammelt die Aktionäre wie üblich im Düsseldorfer Congress Center. Dort muss sich zeigen, wie sich der hausinterne Nachwuchsmann, der sich die vergangenen zehn Jahre völlig unauffällig im Hintergrund gehalten hat, nun das erste Mal im Rampenlicht schlägt. Sein Vorgänger, der Däne Rorstedt jedenfalls, hat für die blitzsaubere Bilanz seiner Arbeit von den Henkel-Aktionären nach seiner Abschiedsrede auf der letztjährigen Hauptversammlung mehr als nur höflichen Applaus geerntet. 

Aber auch wie verständlich und souverän der neue RWE-Chef Rolf Martin Schmitz rüberkommt, bleibt abzuwarten. Er folgt Rednertalent Peter Terium an der Spitze des Energieriesen. Der Niederländer Terium, der mittlerweile Chef der abgespaltenen Einheit Innogy ist, fast akzentfrei Deutsch spricht und für unkonventionelle Rede-Einstiege bekannt ist, belegte zuletzt Rang fünf unter den Dax-Chefs. Der gelernte Steuerprüfer war besonders bekannt für seine stoische Ruhe, mit der er randalierenden Umweltaktivisten begegnete, die regelmäßig seine Veranstaltungen in der Essener Gruga-Halle störten. Ob Nachfolger Schmitz es zudem genauso geschickt und mit persönlichen Worten versteht, die Anteilseigner in schwierigen Zeiten des Konzernumbaus bei der Stange zu halten, muss sich am 27. April zeigen.    

Am kritischsten beäugt werden dürfte allerdings Werner Baumann. Der neue Bayer-Chef ist mit einer Riesen-Bugwelle gestartet. Schon kurz nach seinem Amtsantritt als CEO hat Bayer für 59 Milliarden Euro den umstrittenen US-Saatguthersteller Monsanto gekauft. Ein Deal, den der studierte Wirtschaftswissenschaftler noch immer rechtfertigen muss. Wenn er am 28. April in Köln dann zum ersten Mal persönlich in den Redner-Ring steigt, wird er auch manchen Anteilseigner erst noch von seinen ambitionierten Expansionsplänen überzeugen müssen.

„Die Welt wird immer komplexer, gleichzeitig driften Fakten und gesellschaftliche Wahrnehmung mitunter auseinander“, weiß der 54-Jährige. Von Naturschützern hat er jüngst den Negativpreis „Dinosaurier des Jahres“ erhalten. In diesem Umfeld bedeute Führung auch Mut zum Dialog: „Es geht darum, auch in emotional geführten Debatten Flagge zu zeigen und mit Fakten und Haltung zu überzeugen“, lautet die Maxime des gebürtigen Krefelders. Es dürfte interessant sein zu verfolgen, ob ihm das tatsächlich gelingt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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