Riccardo Chailly im Interview: "Deutschland hat ein großes Erbe"

Riccardo Chailly im Interview: "Deutschland hat ein großes Erbe"

von Thorsten Firlus

Der Chefdirigent des Leipziger Gewandhauses Riccardo Chailly findet, dass es nicht zu viele Einspielungen der Beethoven-Symphonien geben kann und Deutschlands Orchesterlandschaft trotz Sparrunden der Gemeinden und Länder immer noch weltweit einzigartig ist.

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Riccardo Chailly

Herr Chailly, im Foyer des Leipziger Gewandhauses gibt es einen CD-Laden. Wissen Sie, wie viele Versionen des Beethoven-Zyklus mit sämtlichen Symphonien von 1 bis 9 es dort gibt?

Chailly: Nein. Ich habe keine Ahnung.

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Wissen Sie, wie viele Versionen Sie in iTunes herunterladen oder bei Amazon kaufen können?

Chailly: Nein, und es ist vielleicht auch besser, dass ich dies nicht weiß. Es ist eine der populärsten Aufnahmen der Klassik. Ich selber habe das fast 20 Jahre aufgeschoben, da mir klar war, wie populär diese Musik ist und wie sehr die Menschen sie lieben. Aber ich denke, dass es immer wieder einen neuen Ansatz gibt.

Ich habe hier eine Liste mit allen Beethoven-Zyklen, die allein von Ihrer Plattenfirma angeboten werden. Derzeit hat diese mindestens zehn im Programm. Warum brauchte es noch eine?

Chailly: Unglaublich. Ja, ich selber habe auch so lange damit gewartet, um mich mit der Komplexität auseinanderzusetzen und meinen Weg zu finden. Obwohl so populär, sind sie wahnsinnig schwer und kompliziert zu interpretieren. Zudem brauchte ich Zeit, um das nötige Selbstvertrauen zu finden. Je länger ich diese Musik dirigierte, desto mehr kam ich zu der Überzeugung, die Musik genauso spielen zu müssen, wie Beethoven sie aufgeschrieben hat. Exakt in den Tempi, den Geschwindigkeiten, die Beethoven vorgesehen hatte.

Das klingt erst mal nicht so überraschend.

Chailly: Ich bin auch nicht der Erste, der das tut, aber es ist selten mit einem solch modernen, sehr großen Ensemble passiert, wie es das Gewandhausorchester ist. Je mehr Musiker mitspielen, desto größer werden die Schwierigkeiten bei dieser Herangehensweise. Es beweist dafür am Ende umso mehr, wie sensationell Beethoven klingt, wenn er in der Tradition unseres Ensembles gespielt wird, das bereits 1825 – noch zu Beethovens Lebzeiten – erstmals alle Symphonien in Folge spielte. Und das seitdem diese Tradition aufrechterhielt!

Wer soll Ihre Einspielung kaufen? Die, die schon fünf oder mehr haben?

Chailly: Der Kenner der Beethoven-Symphonien wird immer Unterschiede hören – da können Sie 30 oder 40 Boxen haben. Das macht den Genius des Komponisten aus, der immer neue Interpretationen zulässt. Es gibt Orchester mit historischer Aufführungspraxis, die auf Instrumenten aus der Zeit der Komposition spielen, es gibt moderne Orchester – die Bandbreite der Charaktere ist enorm. Das Gewandhausorchester besitzt so eine stark ausgeprägte Persönlichkeit mit typisch deutschem Klang, der aus dunklem Streicherton und den virtuosen Bläsern von Piccoloflöte bis Tuba besteht.

Obwohl es ein international besetztes Orchester ist?

Chailly: Bis zur Wende war es wenig international. Heute haben wir Musiker aus über 15 Nationen – und der Klang ist der gleiche geblieben. Dieses Ideal wird weitergereicht von Generation zu Generation – mittlerweile in der 231. Saison.

Welche Beethoven-Zyklen kennen und schätzen Sie besonders?

Chailly: Ich habe zahlreiche gehört, von denen einige starken Einfluss auf mich hatten. Vor allem die von Arturo Toscanini oder die von Herbert von Karajan aus den Sechzigerjahren.

Beide Aufnahmen sind schon sehr alt.

Chailly: Es gab aber in den vergangenen Jahren auch eine Fülle interessanter Neuaufnahmen wie die von David Zinman mit dem Orchester der Tonhalle Zürich. Er war einer der Ersten, der versuchte zu den ursprünglichen Tempoangaben von Beethoven zurückzukehren. Das brachte mich einen großen Schritt weiter. Ebenso die Einspielung von John Eliot Gardiner mit dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique, das historische Instrumente spielte.

Für die gesammelten Aufführungen der Symphonien in Leipzig haben Sie fünf Komponisten den Auftrag für ein neues Stück gegeben, das thematisch mit jeweils einer der Beethoven-Symphonien zu tun hat. Auf der CD sind die nicht zu hören. Fürchteten Sie, die Käufer mit zeitgenössischer Musik zu verschrecken?

Chailly: Nein. Das war eine lange Diskussion mit dem Plattenlabel. Wir entschieden uns für die Symphonien plus aller Ouvertüren.

Der verkaufsträchtige Weg...

Chailly: ...es sind auch die weniger bekannten Stücke dabei. Es gibt noch vier mehr. Aber mehr passten nicht auf fünf CDs.

Von CD-Einspielungen allein kann ein Orchester wie das des Gewandhauses nicht leben. 48 Prozent Ihres Haushalts trägt die Stadt Leipzig. Der Haushaltsplan für 2012 sieht Einschnitte vor. Ist das für Sie als künstlerischer Leiter ein Problem?

Chailly: Nein.

Es heißt, das Gewandhaus muss unter Umständen geschlossen werden, weil Geld für Brandschutzauflagen fehlt.

Chailly: Das wird nicht passieren. Dieses Haus ist sehr gut geführt. Es gab Notsituationen wie vor anderthalb Jahren, als wir aufgrund eines schadhaften Dachs Wasser im Gebäude hatten. Es war ein sehr gesundes Haus, als es 1981 eröffnet wurde. Aber die Zeit ging nicht spurlos an ihm vorbei.

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