Riskante Expansion: Billigriese Netto lehrt die Discounter das Fürchten

Riskante Expansion: Billigriese Netto lehrt die Discounter das Fürchten

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Das Netto-Logo trotz Brutalo-Management und Preisschlachten hat es das Unternehmen zu einem festen Platz unter Deutschlands Dicountern gebracht

von Henryk Hielscher

Innerhalb weniger Jahre hat es der Lebensmitteldiscounter Netto vom Provinzkrämer zur nationalen Billigmacht gebracht. Doch die schwindelerregende Expansion der Edeka-Tochter steht auf brüchigem Fundament: Preisschlachten, Brutalo-Management und interne Grabenkämpfe gefährden das Wachstum. Fährt der Billigheimer den richtigen Kurs?

Es war kurz vor Ladenschluss an einem Samstag im Juni, als der 1,85 Meter große Mann die Netto-Filiale im Kölner Stadtteil Porz betrat. Der korpulente Herr im hellen Trenchcoat stellte sich als Revisor aus der Zentrale vor und forderte das Personal auf, an einer unangekündigten Überfallübung teilzunehmen. "Zum Test", wie er sagte, zückte er eine Waffe und kommandierte alle Mitarbeiter zum Tresor. Dort kauerten sich die Filialkräfte weisungsgemäß auf den Boden, während der Fremde in Seelenruhe den Geldschrank leerte und mit den Tageseinnahmen von dannen zog. Inzwischen hängt zwischen Hochglanzbildern von Rinder-Saftbraten und Stellenangeboten in etlichen Filialen auch eine Phantomzeichnung des bärtigen Räubers. Mindestens neun Märkte soll der Mann geplündert und dabei mehr als 200.000 Euro erbeutet haben – netto, versteht sich.

Kritik - Eine nicht geförderte Tugend

Egal, ob in Köln oder Düsseldorf, im niedersächsischen Bomlitz oder im baden-württembergischen Ditzingen, überall hielten die Mitarbeiter der Netto-Filialen den Revisor von der Zentrale, seinen Auftritt und seinen Kommandoton für echt – und fügten sich widerstandlos. Keine kritische Frage, nicht einmal eine Bitte, einen Firmenausweis vorzuzeigen – Kritik, selbst leises Infragestellen von Anweisungen gehören einfach nicht zu den geförderten Tugenden bei Netto.

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Dabei braucht der Discounter eigentlich nichts so dringend wie Widerspruchsgeist, Kreativität und Mut bei den Mitarbeitern. Denn das Unternehmen steht an einem Wendepunkt. Mit der Übernahme von mehr als 2300 Filialen des Tengelmann-Discounters Plus Anfang 2009 spielt Netto inzwischen klar in der Champions League des deutschen Einzelhandels. Die frühere Randerscheinung mit Sitz im Industriepark Ponholz bei Regensburg stieg vom Krämer aus der Oberpfalz zur nationalen Discountmacht auf.

Gerade wurde der Umbau der letzten Plus-Filialen abgeschlossen. Der gelb-rote Schriftzug Netto Marken-Discount prangt jetzt an 4000 Verkaufsstellen in Deutschland – das sind mehr Läden als Lidl hierzulande betreibt. Nettos Mitarbeiterzahl rangiert auf Aldi-Niveau. Nur beim Umsatz liegen Aldi und Lidl deutlich vorn. Doch mit dem Supermarktimperium Edeka als Haupteigentümer im Rücken verfügt Netto über eine gewaltige Einkaufsmacht.

Das Ziel ist klar: "Wer gibt sich mit der Position drei zufrieden?", fragt Edeka-Chef Markus Mosa bereits in Richtung Lidl. Eine Antwort scheint überflüssig: Die weitere Expansion und der Angriff auf Lidl sind die Richtung, in die Netto in den kommenden Jahren marschiert. Den Auftakt dürfte in den nächsten Monaten eine breit angelegte Werbekampagne machen.

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