Robert Stevens im Interview: "Eine Generation hinterher"

Robert Stevens im Interview: "Eine Generation hinterher"

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Lockheed-Martin-Chef Robert Stevens

Lockheed-Martin-Chef Robert Stevens über den Schwenk vom Rüstungs- zum Sicherheitskonzern und die Gefahren für deutsche Waffenhersteller.

WirtschaftsWoche: Herr Stevens, Sie haben gerade zum ersten Mal in Ihrem Leben mit Vertretern der deutschen Bundesregierung gesprochen. War es sehr frustrierend?

Stevens: Überhaupt nicht, wieso?

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Weil in Deutschland der Verteidigungshaushalt stagniert und die großen Rüstungsprojekte vom europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS beherrscht werden.

Wir lieben Herausforderungen und stellen uns dem Wettbewerb. Aber vergessen Sie nicht: Wir haben eine lange Geschichte in Deutschland. Seit Jahrzehnten pflegen wir gute Beziehungen zu den staatlichen Institutionen ebenso wie zu unserer Branche.

Aber viel Geschäft machen Sie derzeit nicht.

Wir sind am taktischen Luftverteidigungssystem MEADS beteiligt, liefern das MLRS-Artilleriesystem, Radaranlagen und weitere Systeme. Es könnte natürlich mehr sein. Aber wir wissen, wie schwer es Regierungen fällt, parallel zur Haushaltskonsolidierung oder zu sozialpolitischen Forderungen sicherheitspolitischen Aufgaben gerecht zu werden. Ich habe großen Respekt, wie die deutsche Regierung dies trotzdem versucht. Dabei helfen wir gerne.

Was müssen wir uns unter Ihrer Hilfsbereitschaft vorstellen?

In wenigen Bereichen wachsen die Ansprüche so sehr wie in Sicherheitsfragen, etwa durch die wachsende Terrorgefahr oder weil Armeen wie die Bundeswehr vermehrt außerhalb Europas eingesetzt werden. Hier verhelfen unsere Produkte zu einer höheren Einsatzbereitschaft und Leistungsfähigkeit bei niedrigeren Kosten.

Im Klartext: Sie wollen mehr Waffen verkaufen.

Das war gestern. Heute bieten wir Systeme mit komplettem Service an, und das auf weltweiter Basis. Die Bedrohung durch Terrorismus ist allgegenwärtig, und sie wächst. Unsere Kunden sind Behörden im Sicherheitssektor und anderen Bereichen. Drahtlos vernetzte Computer dominieren; das birgt eine neue Art der Verletzlichkeit. Genau hier bietet Lockheed Martin die Möglichkeit, stabile Umgebungen durch höhere innere Sicherheit zu schaffen.

Das klingt, als sei Lockheed Martin bald kein Rüstungsunternehmen mehr.

Wir sind in der Tat längst ein weltweit tätiges Sicherheitsunternehmen. Die Definition von Sicherheit ändert sich ständig; dem passen wir uns an. Am offensichtlichsten ist das bei den Streitkräften. Quasi aus dem Stand sollen sie humanitäre Einsätze leisten oder ein Mandat im Rahmen einer Friedensmission erfüllen. Dabei sehen sie sich vor Ort einer wachsenden Zahl relativ moderner Waffen gegenüber. Dagegen müssen wir sie mit intelligenten und zuverlässigen Abwehrsystemen schützen.

Dann verdienen Sie doppelt – an den modernen Raketen und dem Schutzsystem?

Unsere Rolle ist es, die Partnerstaaten der NATO und deren Verbündete darin zu unterstützen, ihre wichtigsten nationalen Sicherheitsaufgaben zu erfüllen. Alle unsere Aktivitäten beruhen auf Einzelfallentscheidungen, die nach strenger Prüfung und Freigabe durch die US-Regierung getroffen werden.

Was bietet Lockheed Martin denn auf diesem Feld, das nicht auch Konkurrenten wie Boeing oder EADS im Programm haben?

Wir sind kein Mischkonzern, wir haben kein großes Zivilgeschäft. Unser Fokus liegt auf den Interessen unserer Regierungskunden. Dafür arbeiten wir mit gesunden, aktiven Partnern in aller Welt, die unsere Produkte aufwerten.

Was soll das sein, „aktive Partner“, die Ihre Produkte „aufwerten“? Zulieferer oder Unternehmen, die Sie aufkaufen wollen?

Ich sehe deutsche Unternehmen nicht als Übernahmeziele. Das ist nicht unsere Philosophie. Wir suchen Partner. Doch da habe ich wirklich große, große Sorgen.

Weshalb Sorgen, deutsche Rüstungsgüter haben doch international einen guten Ruf?

Das weiß keiner besser als Lockheed Martin. Schließlich integrieren wir ein deutsches Radar auf Küstenkampfschiffen für die US-Küstenwache oder fertigen auf den besonders präzisen deutschen Werkzeugmaschinen. Aber viele der Unternehmen, mit denen wir in Deutschland zusammenarbeiten, sind in Gefahr.

Inwiefern?

Deutsche Firmen haben herausragende Ingenieure, aber ihre technologischen Arbeitsmittel hinken dem Weltstandard um mindestens eine Generation hinterher. Nun drohen diese Unternehmen noch weiter zurückzufallen, weil ihnen das Geld für erforderliche Investitionen fehlt. Vielen fällt es immer schwerer, sich unseren Entwicklungsprogrammen anzuschließen, weil sie sich die notwendigen Computer oder die Software nicht leisten können.

Was ist die Lösung, mehr Geld für Rüstung?

Keine Frage, die deutsche Rüstungsindustrie braucht mehr große Aufträge und eine langfristige Perspektive. Da ist die öffentliche Hand gefordert. Dann finden sich auch Privatinvestoren, die zum wirtschaftlichen Erfolg beitragen. Die Verteidigungsindustrie unterscheidet sich nicht von anderen Branchen: Wenn ein Unternehmen bei seinen Kunden keinen hinreichenden Absatz mehr erzielen kann, ist ihm die Existenzgrundlage entzogen. Irgendwann ist die Kluft zu den Anforderungen, die sich uns und anderen Auftragnehmern stellen, nicht mehr zu überbrücken.

Fürchten Sie nicht, dass eine Regierung, bevor sie dies zulässt, zu protektionistischen Mitteln greift, um die Rüstungsindustrie in ihrem Lande mit Aufträgen zu versorgen?

Davon kann ich nur abraten. Protektionismus ist kein Ersatz für Wettbewerbsfähigkeit. Mit jedem verpassten Wettbewerb werden die geschützten Unternehmen schwächer, bis sie wortwörtlich zu Tode geschützt werden...

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