Rosskur für Handyhersteller: High Noon bei Nokia

Rosskur für Handyhersteller: High Noon bei Nokia

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Nokia-Geschäft

Nokia steht vor drastischen Einschnitten. Der neue Chef Stephen Elop kann den weltgrößten Handy-Hersteller nur retten, wenn er den halben Vorstand feuert. Damit alleine ist es aber nicht getan. Elop plant weitere Aktionen.

Ein kalter Wind zieht durch das Industriegebiet in Espoo. Die gläsernen und stählernen Fassaden der Unternehmen hier, in dem Vorort von Helsinki, stemmen sich nicht nur gegen den harten Winter. Sie schrecken auch jeden ab, der fremd hier ist und nicht hierhingehört.

Es ist kurz vor neun, vor dem Hauptportal des finnischen Handyherstellers Nokia, einer mächtigen Glas-, Holz- und Stahlkonstruktion, herrscht geschäftiges Treiben. Wie die Stimmung ist? Ein kurzer Blick hoch, dann schüttelt der Mitarbeiter den Kopf. „Wir dürfen nichts sagen“, sagt der knapp 30-Jährige – nicht die kleinste Andeutung, jedes Wort könnte zu viel sein.

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Bei Nokia, dem nach Stückzahlen noch immer größten Handyhersteller der Welt, herrscht Ausnahmezustand. Der neue Konzernchef Stephen Elop, der am 21. September vom US-Softwareriesen Microsoft hierher stieß, hat seinen 132.000 Mitarbeitern in aller Welt absolute Schweigepflicht auferlegt, zumindest bis zum 11. Februar.

Stephen Elop Quelle: REUTERS

Stephen Elop

Bild: REUTERS

An diesem Tag will der 47-jährige Kanadier, der erste Nicht-Finne an der Spitze von Nokia, sein größtes Geheimnis lüften. Auf seiner ersten Analystenkonferenz in London wird Elop einen umfassenden Rettungsplan für den angeschlagenen Giganten vorstellen und der Finanzwelt erklären, wie er den Niedergang gegenüber der Konkurrenz stoppen und die Wende herbeiführen will. „Die Industrie verändert sich, es ist Zeit für Nokia, sich schneller zu verändern“, zwitscherte Elop nach der Bilanzpressekonferenz Ende Januar über den Kurzmitteilungsdienst Twitter und heizte damit die Spekulationen so richtig an.

Wie auch immer Elop sich den Turn-around vorstellt, fest steht schon jetzt, dass in den Chefetagen die Köpfe rollen werden. Denn zentraler Bestandteil des Rettungsplans sei eine völlig neue Führungsstruktur in dem 145 Jahre alten Traditionskonzern, berichten Insider der WirtschaftsWoche. Vor allem im Executive Board, wie der Vorstand bei Nokia heißt, werde es größere Veränderungen geben, heißt es. Etwa der Hälfte der noch amtierenden Vorstände, in der Mehrzahl Finnen und Gefolgsleute der Elop-Vorgänger Jorma Ollila und Olli-Pekka Kallasvuo, droht der Rauswurf.

Weniger Finnen im Vorstand

Firmensitz von Nokia in Espoo Quelle: dpa

Firmensitz von Nokia in Espoo

Bild: dpa

Damit tastet Elop einen ehernen Grundsatz bei Nokia an. Bislang galt es als ungeschriebenes Gesetz, dass der Vorzeigekonzern aus Finnland auch von Finnen in den höchsten Gremien geführt wird. Doch das wird sich jetzt ändern. „Mit dem Kanadier Elop an der Spitze gibt es diese Karrieregarantie für Finnen nicht mehr“, sagt ein Headhunter, der nicht genannt werden will. „Der neue Vorstand wird viel internationaler besetzt sein.“

Headhunter in aller Welt sind in Elops Auftrag unterwegs, um Top-Leute von der Konkurrenz abzuwerben. „Mit zehn Mitgliedern ist der Vorstand sehr üppig besetzt“, sagt Personalberater Andreas Werb von der gleichnamigen Werb Executive Consulting GmbH in Starnberg bei München. „Elop muss Kompetenzen straffen und sich von den Vorständen trennen, die die Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre zu verantworten haben.“

Und die bedrohen Nokia in der Substanz. Der einstige Branchenprimus steckt in der Krise, die Verantwortung dafür trägt nicht nur Elops glückloser Vorgänger Kallasvuo, sondern der gesamte Vorstand, der sich zu lange auf seinen Lorbeeren ausruhte.

Vorbei sind die Zeiten, in denen nahezu jedes neue Nokia-Handy die Bestsellerlisten stürmte. Der frühere Kult, der die Handys aus dem hohen Norden für die explodierende Zahl der Mobil-Telefonierer weltweit zu „Must-have“-Geräten machte, ist dem Ruf des Austauschbaren und Langweiligen gewichen. Aus dem Trendsetter ist ein Nachzügler geworden, der kaum noch Kunden in seinen Bann zieht. Nokias Weltmarktanteil sinkt kontinuierlich. Zuletzt lag er bei nur noch 31 Prozent.

Elop spannte bei der Ursachenanalyse die gesamte Belegschaft ein. „Was soll ich verändern, damit sich Nokias Erfolgsaussichten verbessern?“, war eine von drei Fragen einer Umfrage im Intranet: „Gibt es ein Thema, das ich übersehen habe?“

Die Hauptschuld an der Misere, das fand Elop nach vielen Gesprächen heraus, trägt offenbar die alte Garde im Vorstand, der Nokia den Aufstieg zum Weltmarktführer in den Neunzigerjahren verdankte. Sie ließ sich vom US-Konkurrenten Apple und dessen iPhone förmlich überrollen. Für die alten Nokia-Chefs konnte nicht sein, was nicht sein durfte: dass ein Branchenneuling dem Quasi-Erfinder des Mobiltelefons zeigt, wo es künftig langgeht. „Apple weiß doch gar nicht, wie man Handys baut“, polterte der kurz nach Elops Berufung zurückgetretene Handy-Chef Anssi Vanjoki vor drei Jahren.

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