Rumänien: Die deutsche Autoindustrie entdeckt Siebenbürgen

Rumänien: Die deutsche Autoindustrie entdeckt Siebenbürgen

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Continental-Werk in Hermannstadt. Nokia war gestern, der nächste Großinvestor könnte Daimler heissen

Die rumänische Region Siebenbürgen wird zur Exklave der deutschen Autoindustrie. Nokia war gestern, der nächste Großinvestor könnte Daimler heißen.

Mit seinem runden Gesicht, seiner Körperfülle und dem schwäbischen Akzent wirkt Klaus Materna überhaupt nicht wie ein Abenteurer. Behutsam lenkt der 52-Jährige seine silbergraue Mercedes-M-Klasse mit Stuttgarter Kennzeichen über einen müllgesäumten Feldweg am Rand der rumänischen Stadt Sibiu, die bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Hermannstadt hieß. Seine Hand deutet ins Tal: „Da unten, das war früher der Stadtteil der Deutschen, der Siebenbürger Sachsen. Und hinter uns im Gewerbegebiet West sitzen sie heute wieder, die deutschen Unternehmen.“ Für gute Kunden aus der Heimat spielt der quirlige Stuttgarter schon mal den Fremdenführer. Im Hauptberuf aber ist Materna Pionier. Wo die Straßen voller Schlaglöcher und schrottreifer Autos sind, wo niedrige Löhne und hohe Profite winken, da ebnet er deutschen Investoren den Weg. In den Achtzigerjahren im Irak, in den Neunzigern nach China, anschließend nach Ungarn – und jetzt nach Rumänien. Im Auftrag des Stuttgarter Beratungsunternehmens TMG plant und baut der Ingenieur Fabrik auf Fabrik: für die Autozulieferer Continental und Marquardt im einstigen Hermannstadt, für INA Schaeffler und Stabilus im früheren Kronstadt, das heute Brasov heißt, für den Kolbenhersteller Mahle in Temeswar, auf Rumänisch Timisoara.

Als Nokia im Januar ankündigte, sein Werk in Bochum zu schließen und die Produktion ins Dorf Jucu bei Klausenburg, dem heutigen Cluj Napoca zu verlagern, erntete der Handykonzern wütende Proteste. Dabei ist der finnische Konzern überhaupt keine Ausnahme. Deutsche Unternehmen haben in den vergangenen Jahren begonnen, im großen Stil Standorte in dieser Gegend aufzubauen – ohne dass irgendjemand dagegen protestierte. Längst ist hier eine Art deutsche Exklave entstanden, in den ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten Siebenbürgen und Banat, die zu Transsylvanien gehören, bekannt als Heimat der blutsaugenden Gruselfigur Graf Dracula.

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Maternas Pionierarbeit bedeutet Stress. 30 Stunden pro Woche kämpft er sich über die zerklüfteten, engen Landstraßen des malerischen Karpatenbogens, dribbelt sich durch Kolonnen rumpelnder Lastwagen mit Fracht für den Westen. Neulinge aus Deutschland begrüßt er mit einem Rat: „Sag’ zu einem Rumänen niemals Prost, und fahr’ nicht bei Nacht.“ Denn Prost heißt auf rumänisch Depp, und auf den Straßen lauert Gefahr: Immer wieder rasen Autos auf die Carute – die grob gezimmerten, unbeleuchteten Pferdefuhrwerke, die in Rumänien noch häufig sind. Bei einem Autounfall vor einigen Jahren ließ der Sohn eines mittelständischen Unternehmers aus Baden-Württemberg sein Leben.

In dieses wilde, teils noch bettelarme Land würde Materna als guter schwäbischer Lokalpatriot nun am liebsten auch noch den Daimler-Konzern holen. Und tatsächlich schwirren durch die Amtsstuben und die deutsche Wirtschaftsgemeinde schon die Gerüchte: Daimler, heißt es, stehe bereits in Gesprächen über eine Fläche gleich neben dem Nokia-Werk bei Klausenburg, um dort mit 4000 Arbeitern A- und B-Klasse-Modelle zu produzieren.

Das Unternehmen äußert sich dazu nicht, räumt aber ein, Osteuropa sei im Rennen, falls zusätzliche Produktionskapazitäten gebraucht würden. Die Entscheidung soll innerhalb der nächsten sechs Monate fallen. Ganz konkretes Interesse an der Wiese neben Nokia hat nach Aussage Klausenburger Behörden dagegen bereits General Motors für seine Marke Opel.

Für Daimler ist Rumänien kein Neuland: Zwei Autostunden südlich von Klausenburg stellt das Joint Venture Star Transmission Getriebeteile für die Konzernmutter her. Industrie-Fachkräfte für ein Autowerk böte der Standort Cugir genug. Rumäniens einstiger Diktator Nicolae Ceausescu ließ hier Kriegswaffen produzieren.

Praktisch für Daimler: Viele seiner Zulieferer fertigen schon in der Umgebung. Dräxlmaier etwa liefert Holz-Innenverkleidungen, von Marquardt und Continental kommen High-Tech-Türschließsysteme. Hinzu kommt, dass Siebenbürgen längst keine verlängerte Werkbank mehr ist: Continental forscht und entwickelt hier sogar. 300 der 900 Conti-Mitarbeiter am Standort Hermannstadt sind Ingenieure.

Deutsche Industriemanager pilgern zu den rumänischen Arbeitskräften wie einst in den Sechzigerjahren nach Süditalien oder Griechenland. Im verarbeitenden Gewerbe sind die rumänischen Arbeitskosten pro Stunde gerade mal halb so hoch wie die polnischen und entsprechen damit einem Achtel der deutschen. Besonders die nordwestliche Region Siebenbürgen, im 12. Jahrhundert auf Einladung des ungarischen Königs schon einmal von Handwerkern und Bauern aus Deutschland besiedelt, entwickelt sich zum Siedlungsgebiet des deutschen Produktionsgewerbes.

„Die zweite Fremdsprache, die junge Rumänen in dieser Gegend lernen, sollte Deutsch sein“, sagt Viorel Gavrea, Direktor des Klausenburger Industrieparks Tetarom. In den größeren Städten gibt es deutsche Schulen, die technische Universität von Klausenburg bietet einen deutschsprachigen Mechanik-Studiengang an und schickt ihre Studenten zum Praktikum nach Baden-Württemberg. Rund 50 deutsche Industrieunternehmen haben sich binnen weniger Jahre in der Region niedergelassen, viele davon stammen aus Süddeutschland, die meisten sind Autozulieferer. Errichten nun auch noch Daimler und General Motors ihre neuen Werke hier, führen sie fort, was Ford und Dacia/Renault in Rumänien begonnen haben: Nicht mehr die Zulieferer folgen den Autokonzernen in Niedriglohngebiete, sondern die Konzerne ihren Zulieferern. Die Deutsch-Rumänen aus Siebenbürgen haben wesentlichen Anteil an dieser Wanderung: „Viele Kontakte zu deutschen Autozulieferern entstanden über ausgewanderte Siebenbürger Sachsen im Raum Stuttgart“, sagt Detlef Barthmes, der mit 21 Jahren selbst nach Deutschland emigrierte, um Jura zu studieren und 2000 in Hermannstadt das Beratungsunternehmen ILC für deutsche Investoren gründete.

Im selben Jahr wählten die Hermannstädter den Lehrer Klaus Johannis, einen Siebenbürger Sachsen, zum Bürgermeister. Johannis erkannte die Chancen, die der Kostenvorteil in Rumänien seiner Stadt eröffnete und legte sich ins Zeug, um möglichst viele nach Hermannstadt zu lotsen. „Wer hier investieren will, kann sich inzwischen bei Behörden auf Deutsch verständigen, von deutschsprachigen Rechtsanwälten beraten und von deutschen Bauunternehmen die Werkshallen errichten lassen“, sagt Barthmes, der den Deutschen Wirtschafts-club von Hermannstadt leitet.

So macht es auch Frank Bittighofer, Vorstandschef des Neulinger Elektronik-Produzenten ROB. Zwischen zwei Terminen in der adrett herausgeputzen Altstadt fährt er mit Berater Barthmes hinaus ins Gewerbegebiet nahe dem seit Kurzem in Stahl und Glas gehüllten Flughafen. Zäher Matsch klebt an den eben noch blitzsauberen Schuhen, als der smarte Manager vom Baugrund zurückkehrt. Wer im harten Geschäft der Zulieferer überleben will, muss dorthin gehen, wo die Kunden sind. Bittighofer plant ein Werk für 120 Mitarbeiter direkt neben Continental. „Unsere Kunden werden hier Werke bauen, deshalb kommen auch wir“, sagt Bittighofer. Produktion aus Deutschland verlagern will er nicht: Ihm gehe es „ausschließlich um Expansion“, denn die osteuropäischen Märkte werden interessant.

Mit einem subventionierten städtischen Grundstück kann ROB allerdings nicht mehr rechnen, allenfalls noch mit Hilfe bei der Erschließung und bald mit einer für Frachtflugzeuge verlängerten Landebahn des Flughafens. Der Sog Hermannstadts ist so stark, dass sein Bürgermeister keine Begrüßungsgeschenke mehr verteilen muss.

Ganz anders empfängt Klausenburg seine Investoren: Nokia erhielt von der Bezirksregierung ein Grundstück weit unter Marktwert, noch dazu brauchen die Finnen 30 Jahre lang keine Immobiliensteuer zu zahen. Mit solchen Nettigkeiten kann auch der nächste Großinvestor in Klausenburg rechnen. Hermannstadt dagegen ist voll: Eingesessene Unternehmen beschwören Bürgermeister Johannis, nicht noch mehr Betriebe zu holen, die den Kampf um qualifiziertes Personal weiter anheizen würden. Offiziell herrscht unter den deutschen Unternehmen ein Ehrenkodex: Abgeworben wird nicht. Die Realität aber ist längst eine andere, wie hitzige Diskussionen im schweizerischen Restaurant Max, der Hermannstädter Oase für  Expats, wie die Expartriierten auf Englisch heißen, zeigen. Die Kleinen fühlen sich von den Großen ausgebeutet, schimpfen dort über die Personalwilderei besonders ruchloser Konkurrenten. Nicht der Verlust von Arbeitern schmerzt, sondern der Raub Deutschland-erfahrener Mittelmanager oder von Sekretärinnen mit guten Deutschkenntnissen. „Um diese Leute zu ersetzen, brauchen Sie locker ein halbes Jahr“, sagt Materna.

Max-Wirt Patric Hadorn genießt die nachmittägliche Ruhe. Der Abend wird anstrengend. Dann findet in der stilvoll zu einem Restaurant mit offener Küche umgebauten Gerberei in der verwinkelten Unterstadt eine Veranstaltung des Maschinenbaukonzerns ABB statt. Oft sitzen auch die Deutschen hier zusammen und lassen die Treffen des Wirtschaftsclubs bei Bier und Rostbraten ausklingen. Hadorn kennt die Szene von Hermannstadt wie kein Zweiter: „Die meisten sind mit ihrem Beruf sehr zufrieden, aber beim Sozialen, da hapert es.“

Rund 100 deutsche Manager haben sich – teils mit Familie – in Sibiu niedergelassen, viele andere pendeln. Im Freitagabend-Flieger nach München sieht man sich. Und im Max: „Viele führen sich hier deutscher auf als zu Hause“, sagt Hadorn. Manchmal schallt deutsche Schlagermusik aus bierseligen Expat-Kehlen so laut durch das Restaurant, dass Hadorn die Sänger aus Rücksicht auf andere Gäste ins Separé bittet. Der Schweizer Hadorn hat Weißwürste mit Händlmaier-Senf ins Menü aufgenommen. Die gibt es jetzt immer sonntags, wenn das Heimweh kommt.

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