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Russen-Einstieg bei Infineon: Der Sicherheitstechnik droht der Ausverkauf

von Jürgen Berke

Mit dem geplanten Einstieg des russischen Mischkonzerns Sistema beim Chiphersteller Infineon droht ein Ausverkauf bei deutschen Firmen für IT-Sicherheit.

Fahnen mit dem Logo von Quelle: AP
Fahnen mit dem Logo von Infineon Quelle: AP
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Es klingt wie ein Anachronismus in einer zunehmend globalisierten Welt. Egal, welches ausländische Unternehmen seine Fühler nach einem deutschen IT-Unternehmen ausstreckt, das Verschlüsselungssysteme an Regierungsstellen und Behörden liefert, der Konzernchef muss zuerst bei Angela Merkel anklopfen. Die Bundeskanzlerin entscheidet zusammen mit dem Bundeswirtschaftsminister, ob deutsche Sicherheitsinteressen gefährdet sind. Wenn ja, legt die Bundesregierung ihr Veto ein. Das Unternehmen bleibt in deutschem Besitz, und der Schlüssel für die in Regierungsnetzen eingesetzten Geheimcodes fällt nicht in ausländische Hände.

Normalerweise findet das unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Doch jetzt sickern Details einer pikanten Anfrage durch. Russlands größter Mischkonzern AFK Sistema geht auf Shopping-Tour und hat den Münchner Chiphersteller Infineon ganz oben auf seine Einkaufsliste gesetzt. Der russische Präsident Dimitri Medwedew will Merkel dafür begeistern, dass Sistema 29 Prozent der Anteile übernehmen (Wert: 1,6 Milliarden Euro) und zum Großaktionär von Infineon aufsteigen kann.

Der Halbleiterhersteller soll die Keimzelle einer sehr engen deutsch-russischen Kooperation im IT-Sektor werden. Dass die beiden Unternehmen gut zusammenpassen, ließ der in die Sistema-Führungsriege gewechselte Ex-Telekom-Chef Ron Sommer bereits im März im WirtschaftsWoche-Interview durchblicken.

Infineons Aktienkurs gehört heute mit einem Kursgewinn von 4,8 Prozent zu den Tagesgewinnern des deutschen Aktienindex Dax. Grund dafür ist aber nicht der geplante Einstieg der Russen, sondern der optimistische Konzernausblick und ein Anaylstenkommentar.

Der Vorstoß der Russen entfacht eine neue Debatte: Braucht Deutschland eine eigene IT-Sicherheitsindustrie? Aus Angst vor ausländischen Geheimdiensten, die ihre engen Kontakte zu den Sicherheitsfirmen im eigenen Land nutzen, um Hintertüren einzubauen, subventioniert die Bundesregierung heimische, hoch spezialisierte Anbieter von Verschlüsselungstechniken und schützt sie vor einem Ausverkauf ins Ausland. Ein Einstieg von Sistema bei Infineon, das mit einem Umsatz von 341 Millionen Euro (2009) zu den Top-Adressen im Geschäft mit Sicherheitschips zählt, könnte so den Präzedenzfall für einen Politikwechsel schaffen.

Die Aufregung in der IT-Sicherheitsbranche ist groß. Rainer Brüderle hat die wichtigsten Branchenvertreter zu einem IT-Sicherheitsgipfel nach Berlin eingeladen. Am 8. Juli will der Bundeswirtschaftsminister mit den Chefs der überwiegend mittelständisch geprägten Unternehmen diskutieren, wie sie ihre Konkurrenzfähigkeit verbessern und sich gegen die in diesem Geschäft fast übermächtigen US-Giganten wie Symantec, Cisco, McAfee, Trend Micro und Checkpoint behaupten wollen. Ein Maßnahmenpaket soll geschnürt werden, damit sich „die Exportchancen deutscher IT-Sicherheitsunternehmen nachhaltig verbessern“, heißt es im Ministerium.

13 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 07.07.2010, 19:00 UhrAnonymer Benutzer: Hägar Schmidt

    @Aslan: hmm, was ist schon "rational". ich stimme ihnen zu,
    ob USA jetzt in jedem Falle bevorzugt werden sollten, hängt von der jeweiligen Problemstellung ab. ich beobachte jedoch in meinem Umfeld (Unternehmen, Dax-Vorstände, MDAX-Manager, etc.) einen ungesunden Hang zu Diktaturen. beim Thema "China" werden manche zappelig vor begeisterung. Putin ist "lupenreiner Demokrat", und mit reichen Russen (also mit Putin's Mafia, um es brutalst zu formulieren) will jeder ins Geschäft kommen (zum eigenen Verderben, in der Regel). Mir kommen diese ungesunden Emotionen ebenfalls irrational vor. inzwischen hat es sich eingebürgert, bei jeder Russland-Kritik direkt auf die USA zu verweisen mit der begründung "die machen es doch auch". ich behaupte aber nicht, die USA seien ein Land voller frommer, friedlicher Ur-Christen. inzwischen sogar weniger als je zuvor. Andernfalls kenne ich das Leben in Osteuropa vor der Wende, und wenn die USA nicht da gewesen wären, würden Sie und alle anderen auch genau wissen, wie es war: nämlich unbeschreiblich bescheiden. Wie gesagt, womöglich haben sich die Gewichte inzwischen verschoben, aber dass Russland aus der bösewicht-Ecke herauskommt und jemals eine wirklich faire Partnerschaft anbieten, das glaube ich nicht im Geringsten. Die russische Elite denkt nicht im "business" - sie denkt in der Dimension geopolitischer Machtstrategien und ausbeuterischer Eroberungen. Warum die gleiche Garde, die diese Denke in der Sowjetunion verherrlichte, sich nun auf einmal "weiterentwickelt" haben soll, entzieht sich einfach meiner Vorstellungskraft.
    Da letztens Na7i-Vergleiche populär sind: stellen Sie sich vor, G0ebbels und H1mmler haben den Krieg überlebt und arbeiten nun im innen- bzw. Außenministerium auf höchsten Posten. Würden Sie dem Pack trauen?

  • 07.07.2010, 14:05 UhrAnonymer Benutzer: Aslan

    Egal wie man es betrachtet, die Klischees bleiben noch lange haften. Man möchte auch nicht betreiten - in Russland herrschen zum Teil andere Konditionen wenn es um business-Launching geht. Trotzdem mit so einer Skepsis wird man nichts erreichen. Die Russen modernisieren sich wieder, und wollen entsprechend wahrgenommen werden. ich stehe weder auf Russland's seite noch auf der Seite von Amerika, muss aber gestehen, finde diese Aussagen, dass man Amerika als businesspartner oder auch als Reisedestination eher vorzieht, einfach nur obsolet und nicht gerade rational.

  • 07.07.2010, 11:20 UhrAnonymer Benutzer: Hägar Schmidt

    @Aslan: "mmer wieder ließt man Negatives, über die Länder, die östlich von Deutschland liegen." Gerade diese Aussage wirft alle Länder in einen Sack. Da muss man aber unbedingt differenzieren. Russland ist aus völlig anderen Gründen (und in vielen Fällen eben zurecht) in Verruf als Polen oder Tschechen. Wir reden hier generell über RUSSLAND und nicht über Osteuropa, und das möchte ich gerne hervorheben.

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