Russland: Kremltreue Unternehmer kaufen Wettbewerber auf

Russland: Kremltreue Unternehmer kaufen Wettbewerber auf

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Stahl

von Florian Willershausen

Wie sich mächtige Unternehmer mithilfe der Justiz ihre Wettbewerber einverleiben und so das Investitionsklima belasten.

Normalerweise macht Nikolai Maximow einen großen Bogen um Moskau. Er mag die russische Hauptstadt nicht, sie ist ihm zu laut, zu hektisch, die Luft ist schmutzig. Vor allem aber riskiert der 53-Jährige mit jeder Reise nach Moskau, dass er festgenommen wird. Enteignet haben sie ihn ja schon, sagt er, ein Teil seines Vermögens steht unter Arrest. Und damit es ihm nicht genauso ergeht, lebt er meist in England oder Tschechien.

Maximow war einmal sehr erfolgreich in Russland, ein kleiner Oligarch. Seine Maxi-Group kaufte sowjetische Stahlhütten und sanierte sie, bis sie Gewinne abwarfen. Dann aber holte er sich einen Teilhaber ins Haus, den Stahlbaron Wladimir Lisin, der mit einem geschätzten Vermögen von 15,8 Milliarden Dollar als derzeit reichster Russe gilt. Lisin schaffte es mit List und Justizias Segen, die Stahlwerke unter seine Kontrolle zu bringen, ohne Maximow auszubezahlen.

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Schlimmer traf es Michail Chodorkowski. Der frühere Yukos-Chef kam dem früheren Präsidenten und heutigen Premierminister Wladimir Putin politisch in die Quere. Darum wurde er inhaftiert, sein Ölkonzern zerschlagen und verstaatlicht (Kasten rechts). Chodorkowski und Maximow sind nicht die einzigen Fälle, die nach „Raiderstwo“ riechen. Vorigen Dienstag stürmten maskierte und bewaffnete Männer des Innenministeriums das Büro des Immobilienhais Sergej Polonski. Vor einem Monat durchsuchten Fahnder Räume des Kreml-kritischen Oligarchen Alexander Lebedew.

Die Hintergründe sind in beiden Fällen unklar: Waren die Razzien begründet, oder handelte es sich um behördlichen Druck auf Bestellung? In einem Staat, den käufliche Beamte steuern und verwalten, sind die Grenzen zwischen Recht und Unrecht fließend. Willkürlicher Behördendruck, dubiose Enteignungsfälle und -versuche sind eine schwere Hypothek für das Investitionsklima. Auch für deutsche Unternehmen ist nicht ausgeschlossen, dass ihre Partner in Russland oder lokale Tochterfirmen Opfer staatlichen Drucks werden.

Wer in Russland erfolgreich ist, riskiert, enteignet zu werden. Das ist auch das Schicksal des Unternehmers Maximow. Immerhin hat er sich nie mit der Politik angelegt, weshalb er sich zumindest gelegentlich noch nach Moskau traut. Wie sich mächtige Unternehmer mithilfe der Justiz ihre Wettbewerber einverleiben und so das Investitionsklima belasten.

„Mein grösster Fehler“

Zum Beispiel heute. Es ist Montag, das Telefon klingelt. Maximow ist dran und will reden. Er wartet neben dem WirtschaftsWoche-Büro im „Jolki-Palki“ – -einem Schnellrestaurant mit russischer Küche, in das sich selten ein Mann verirrt, der laut US-Magazin „Forbes“ immer noch 950 Millionen Dollar schwer ist. -Maximow kokettiert nicht mit seinem Reichtum; in grauer Strickjacke über olivgrünem Shirt wirkt er unprätentiös – zumal er eine Gemüsesuppe für 3,90 Euro löffelt.

Dann erzählt er vom November 2007, als das Unheil seinen Lauf nahm. Damals bestand die Maxi Group aus 70 Provinz-Stahlwerken. Rechnungsprüfer von PriceWaterhouseCoopers schätzten den Wert von Maximows Imperium auf drei Milliarden Dollar. Über die Jahre hatte er allerdings einen Schuldenberg von 1,8 Milliarden Dollar angehäuft. „Ich stand plötzlich vor der Wahl: Entweder ich trage die Schulden ab und kann fünf Jahre lang nicht investieren, oder ich suche mir einen Investor“, sagt Maximow. Also verkaufte er ein Kontrollpaket von 50 Prozent plus eine Aktie an Stahlbaron Lisin – heute für ihn der „größte Fehler meines Lebens“.

Der 54-jährige Lisin ist der Haupteigentümer von Russlands drittgrößtem Stahlkonzern NLMK, der bis zur Krise mehr als elf Milliarden Dollar Jahresumsatz erzielte. Bei so viel Marktmacht versteht es sich von selbst, dass Lisin den Vertrag diktierte, den Sanierer Maximow unterschrieb. Beide vereinbarten, dass die Maxi Group drei Milliarden Dollar minus Schulden wert ist, NLMK also 600 Millionen Dollar an Maximow überweist – die Hälfte sofort, die andere Hälfte nach einer detaillierten Prüfung der Unternehmenszahlen (Due Diligence). Außerdem verpflichteten sich beide Partner, unabhängig vom Kaufgeschäft je 300 Millionen Dollar zu investieren.

Im Januar 2008 überwies Lisin Maximow die erste Rate von 300 Millionen Dollar. Dann sollten die Investitionen folgen. Maximow zahlte seinen Anteil von 300 Millionen Dollar in Form eines Darlehens, zog wenig später aber 250 Millionen Dollar aus dem Unternehmen ab.

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