RWE-Chef Jürgen Großmann : "Wir sehen in der Kernkraft eine Zukunft und wollen neue Kraftwerke bauen"

RWE-Chef Jürgen Großmann : "Wir sehen in der Kernkraft eine Zukunft und wollen neue Kraftwerke bauen"

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RWE-Chef Jürgen Großmann

RWE-Chef Jürgen Großmann spricht über sein Interesse an der Atomkraft und die Besonderheiten der deutschen Energiepolitik. Er gesteht eigene Irrtümer ein und sagt, warum der Preisverfall bei Emissionsrechten nichts nutzt.

WirtschaftsWoche: Herr Großmann, Sie krempeln RWE völlig um, schaffen eine Deutschland-Gesellschaft, neue Unter- und viele internationale Tochtergesellschaften. War der Konzern schlecht aufgestellt?

Großmann: Die Herausforderungen ändern sich. Wir müssen nicht mehr den Energiehunger der Fünfzigerjahre stillen. Heute geht es um erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Energie für Mobilität und Stromverkauf über das Internet. Um sich diesen Geschäften zu stellen, bedarf es einer schlagkräftigen Organisation.

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Wieso gründen Sie dann aber zugleich so viele eigenständige Auslandsgesellschaften?

Wir gründen keine neue Auslandsgesellschaft. Richtig ist: In der gegenwärtigen Krise wendet sich die Bevölkerung in allen Ländern stärker als früher an ihre nationalen Regierungen. Wenn wir etwa Engländern sagen, euer neues Kraftwerk baut RWE von Essen aus, können wir das Geschäft vergessen. Wir müssen in England ein Unternehmen mit britischem Gesicht sein und als solches gegenüber der Regierung und der Regulierungsbehörde auftreten. In regulierten Märkten wie Strom und Gas müssen wir auch national agieren.

Gleichzeitig heuern Sie Leute an, die RWE noch vor 10, 15 Jahren als weltfremde Spinner bezeichnet hätte, zum Beispiel den Windenergie-Manager Fritz Vahrenholt oder den ehemaligen Ökoinstitut-Mitarbeiter Stephan Kohler.

Man muss offen sein für Neues. Wer sagt, ich kann nur Großkraftwerke betreiben oder an RWE-Großkraftwerken soll die Welt genesen, wird scheitern. Wir müssen uns Trends stellen. RWE braucht kritische Denker. Wir legen jetzt den Grundstein für unseren Erfolg in 20 bis 30 Jahren.

Dazu muss RWE jetzt prüfen: Was bringt eine dezentrale Energieversorgung wirklich, wie können wir erneuerbare Energien in unsere Stromerzeugung integrieren, oder wie müssen wir unsere konventionellen Kraftwerke im Zusammenspiel etwa mit Windanlagen fahren? Vahrenholt und Kohler werden uns helfen, neue Geschäftsfelder zu entwickeln.

Trotzdem scheint uns, dass Ihnen dieses Anliegen kaum jemand abnimmt. Wie erklären Sie sich das?

Nirgendwo werden Meinungsänderungen so als Schwäche interpretiert wie in der deutschen Energiepolitik. Ja, ich sage, wir ändern uns. Ich gebe zu, RWE hat Anfang der Neunzigerjahre behauptet, der mögliche Anteil erneuerbarer Energien in Deutschland sei auf wenige Prozent begrenzt. Ich gebe auch zu, die deutsche Energiewirtschaft war in den Achtzigerjahren der Meinung, durch die Rauchgasentschwefelung werde ganz Deutschland mit Gips zugeschüttet. Wir haben uns geirrt und daraus gelernt. Jetzt verlange ich aber, dass auch andere ihre früheren Einsichten hinterfragen und revidieren.

Woran denken Sie in erster Linie?

Erstens sollten die Verbraucher zugeben, dass vielen von ihnen der Preis letztlich wichtiger ist als die reine Umweltfreundlichkeit. Unsere Befragungen zeigten, dass Kunden bei Atomstrom zugriffen, wenn wir ihn billiger als anderen Strom anboten. Zweitens sollten die Gegner etwa der Braunkohlekraftwerke einsehen, dass bei Gaskraftwerken weniger als 30 Prozent der Wertschöpfung in Deutschland bleiben, bei der Braunkohle fast 100 Prozent.

Sie wollen den niederländischen Energiekonzern Essent übernehmen, der ein Kernkraftwerk betreibt, dessen Laufzeit die Regierung gerade auf 60 Jahre verlängert hat. Das ist doppelt so lang wie in Deutschland. Ist das Ihr Weg, die Kernkraft bei RWE auszubauen?

Die Kernkraft spielt für diese geplante Übernahme keine große Rolle. Gleichwohl sehen wir in der Kernkraft eine Zukunft für uns und wollen im Ausland, zum Beispiel in Großbritannien, neue Kernkraftwerke bauen und betreiben. Dabei hilft uns sehr, dass wir durch unsere Kernkraftwerke hier ein Betreiber-Know-how nachweisen können...

...das durch den Ausstiegsbeschluss in Deutschland auf Dauer verlorenzugehen droht. Kalkulieren Sie damit, dass bei einem Sieg von Union und FDP bei der Bundestagswahl im Herbst die Laufzeit der Kernkraftwerke verlängert wird?

Ich kalkuliere mit überhaupt nichts. Wir halten uns strikt an die Regeln des Landes, in dem wir tätig sind. Diese Regeln ändern sich allerdings zurzeit. Niemand hätte gedacht, dass England 16 neue Kernkraftwerke bauen will oder Italien den Ausstiegsbeschluss kippt. Ich hoffe, dass in einer wirtschaftlichen Krisensituation die Kernenergie in Deutschland als preiswerteste Stromerzeugung erhalten bleibt. Das ist doch selbstverständlich.

Ich habe nie verstanden, weshalb Kernkraftwerke aus rein politischen Gründen zu einem bestimmten Zeitpunkt abgeschaltet werden sollten. Wenn sie unsicher wären, müssten sie doch sofort abgeschaltet werden. Andernfalls gibt es keinen Grund für ein bestimmtes Abschaltdatum. Die Entsorgung muss so oder so geklärt werden.

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