Sabbatical: Raus, rein, rauf?

Unternehmen: Sabbatical: Raus, rein, rauf?

Aus Kostengründen drängen immer mehr Unternehmen ihre Mitarbeiter zu unbezahltem Urlaub. Wer die Auszeit richtig nutzt, fördert damit sein berufliches Vorankommen.

Über Jahre hatte Petra Zenker Urlaub angespart, im November 2001 schlug sie zu. Die 39-Jährige sagte dem Controlling ihres Arbeitgebers Hewlett-Packard für ein Jahr „Adios“ und flog nach Guatemala. Dort lernte sie an einer Schule Spanisch, anschließend reiste sie kreuz und quer durch Mittel- und Südamerika. „Ich wollte möglichst viel sehen, eine andere Kultur kennen lernen, abschalten“, sagt Zenker. Seit zwei Monaten ist sie zurück, hat sich wieder eingewöhnt, fühlt sich „viel entspannter“. Ihr erworbenes Wissen könnte ihr schon bald nützlich sein: In einem Jahr will sie in die HP-Niederlassung in Barcelona wechseln. Auf sich allein gestellt sein, Zeit für eigene Dinge haben, tun und lassen, was man will und davon sogar im Job profitieren? Viele würden Petra Zenker gerne folgen. Einige taten es in diesem Jahr auch, allerdings nicht immer freiwillig. Hohe Personalkosten und die schwache Auftragslage zwangen die Unternehmen zu kreativen Personalkonzepten. Ein paar Monate un- oder geringbezahlter Urlaub – das so genannte Sabbatical – waren eine häufige Lösung. Die Siemens-Mobilfunksparte ICM zum Beispiel startete das Projekt „Time Out“, bei der Unternehmensberatung Accenture hieß es „Flexleave“, andere Unternehmen bauten ähnliche Programme auf oder aus. Auch 2003 werden einige ins Sabbatical gehen. Sie können von den Erfahrungen ihrer Vorgänger profitieren. Das Gros der Arbeitnehmer bleibt jedoch skeptisch, das Programm von Siemens wurde mittlerweile mangels Beteiligung wieder eingestellt. Was die meisten schreckt, sind nicht in erster Linie die finanziellen Einbußen. „Viele bangen um ihr Image und damit um die weitere Karriere“, sagt Erika Regnet, Professorin für Personalführung an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt. Wer aussteigt zeigt, dass er im Job nicht mehr motiviert ist. Gerade in Zeiten von Krise und Stellenabbau kann das fatal sein: Wer eine Weile weg ist, ohne dass es auffällt, dokumentiert seine Entbehrlichkeit – und ist vielleicht bei der nächsten Entlassungswelle dabei. So die gängige Befürchtung. Ganz unbegründet ist sie nicht. Auch wenn derart drastische Konsequenzen schon rechtlich kaum möglich sind, kann die vorübergehende Abwesenheit dennoch zum Bremsklotz für den weiteren Erfolg werden. „Personalverantwortliche reagieren immer noch irritiert, wenn sie im Lebenslauf eine Auszeit entdecken. Eine solche Lücke ist zumindest erklärungsbedürftig“, sagt Andreas Halin, Partner der Personalberatung Spencer-Stuart in Frankfurt. Durchaus vorhandene, aber eher vage Vorteile wie bessere Motivation, größere allgemeine Zufriedenheit oder die Erweiterung des persönlichen Horizonts reichen oft nicht aus. Sie sind nicht nur wenig messbar, sie können auch leicht als Zeichen für fehlenden Spaß an der Arbeit oder mangelnde Belastbarkeit ausgelegt werden. Wichtig ist es deshalb, die Auszeit so zu nutzen, dass keine Zweifel an ihrem Sinn aufkommen und der Personalchef sofort einsieht, wie das Unternehmen von ihr profitiert – so unterschiedlich die Motive des Einzelnen auch sein mögen. Wer sich direkt für den Job weiterbildet, promoviert oder einen MBA-Abschluss macht, hat es da relativ einfach. Auch steuerlich ist er im Vorteil: Kosten für derartige Weiterbildungen sind voll absetzbar. Lernen, lernen, lernen – diese drei Inhalte der Auszeit schaden beruflich nicht. Viele wollen das Sabbatical jedoch nutzen, um ihr Leben besser auszubalancieren und Abstand zum Joballtag zu gewinnen. Eine zu einseitige Perspektive: „Sie sollten sich immer überlegen, wie Sie später im Job konkret von diesen Erfahrungen profitieren können und sich möglichst früh mit ihrem Chef und den Kollegen darüber verständigen“, rät die Wiesbadener Managementtrainerin Barbara Hess, die kürzlich ein Buch über Sabbaticals veröffentlicht hat. Eine gute Vorbereitung der Auszeit ist wichtig, eine gute Organisation innerhalb der selben auch. Gerade bei den derzeit modernen Sabbaticals auf die Schnelle hapert es daran oft. Einfach in den Tag zu leben ist auf Dauer aber wenig befriedigend. Der Effekt: Wer sich keine Ziele steckt, keinen Zeitplan macht, kehrt vorzeitig in den Job zurück. So ist es in diesem Jahr oft geschehen. Doch auch wer in der Auszeit zufrieden ist, kann beim Wiedereinstieg Probleme bekommen. Die Unternehmen entwickeln sich weiter; es entstehen neue Strukturen, neue Positionen, alte persönliche Netzwerke bekommen Löcher. Deshalb ist es wichtig, am Ball zu bleiben. Sonst kann es geschehen, dass der Heimkehrer überrascht feststellt: Die eigene Abteilung ist anders aufgeteilt, er selbst soll sich in Zukunft ganz anderen Aufgaben widmen. Experten empfehlen deshalb, eine Auszeit von maximal drei Monaten zu nehmen und diese intensiv zu nutzen. Wer dennoch länger wegbleiben will, sollte regelmäßig in Kontakt mit dem Arbeitgeber bleiben. Und das nicht nur, indem er sich in der Zeitung über die neuesten Geschäftszahlen informiert. Wer mit den Kollegen telefoniert, Mails austauscht oder mal in der Kantine essen geht, bleibt auch über die neuesten Interna informiert. Wenn der Arbeitsalltag dann wieder beginnt, kann man ruhig einige Angewohnheiten aus der Auszeit übernehmen. Wer im Sabbatical zwei Mal pro Woche ins Fitness-Studio gegangen ist, sollte dies beibehalten. So lassen sich Zufriedenheit und Motivation dauerhaft steigern. Nur eines ist die Auszeit nicht: ein Allheilmittel. „Wer grundsätzlich unzufrieden mit seinem Job ist, wird darin im Sabbatical nur bestärkt“, sagt Beraterin Hess. Die Folge: Der Ausstieg auf Zeit wird zum Abschied auf Dauer. Buchtipp: Barbara Hess: „Sabbaticals“. FAZ-Verlag 2002, 204 Seiten, 24,90 Euro

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