Sabine Lautenschläger: BaFin-Chefin: Kind, Karriere, Krisenherd

Sabine Lautenschläger: BaFin-Chefin: Kind, Karriere, Krisenherd

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Die BaFin prüft derzeit das Engagement deutscher Banken im US-Immobilienmarkt

Seit Ausbruch der Finanzmarkt-Turbulenzen im vergangenen Sommer war der Posten des obersten deutschen Bankprüfers unbesetzt. Jetzt soll Sabine Lautenschläger zur Leiterin der Bankenaufsicht befördert werden.

Ministerialbeamten und Wirtschaftsprofessoren, die mitten in der Finanzkrise gefragt wurden, war der Job vermutlich zu heiß. Bankvorstände, die sich in Zukunft von ihr auf Augenhöhe befragen lassen müssen, kassieren locker zehnmal so viel wie sie, die jetzt in die für Beamte respektable Besoldungsgruppe B 8 (rund 8500 Euro plus Zuschläge) aufsteigt. Doch die 1964 in Stuttgart geborene Juristin weiß, worauf sie sich einlässt. Seit 13 Jahren arbeitet sie für die Aufsicht, zuletzt als Leiterin der wichtigen Abteilung für Großbanken. Die Personalie ist ganz im Sinn von Jochen Sanio, Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Nach einem Korruptionsskandal in der Behörde stellte die Bundesregierung Sanio vier ihm gegenüber formal gleichberechtigte Direktoren zur Seite, darunter seine Vertraute Lautenschläger. 290 Aufseher kann sie in Zukunft auf die rund 2200 deutschen Institute ansetzen. Das ist nicht gerade üppig. In der Bonner Behörde wird aufmerksam registriert, dass die US-Aufsicht SEC allein für die Citibank permanent 60 Bankenprüfer abgestellt hat. Genutzt hat das nichts: Die Citi wurde von der Finanzkrise viel stärker erfasst als die bisher von Lautenschläger kontrollierten deutschen Großbanken. Doch die von miesen US-Hypotheken ausgelöste Finanzkrise hat auch hierzulande Schwächen aufgedeckt. Die Fast-Pleiten von IKB und Sachsen LB konnten weder die BaFin noch die ebenfalls mit Bankenaufsicht befasste Bundesbank verhindern, genau so wenig wie die Finanz-Desaster mehrerer Landesbanken. Sanio, der den Banken-Job übergangsweise mit übernahm, konnte oft nur noch den Krisenmanager geben. Ein grundlegender Umbau der Bankenaufsicht ist nach der Reform der BaFin-Spitze und kleineren Bereinigungen zwischen BaFin und Bundesbank vom Tisch. „Weitere Reformen wird es nur auf internationaler Ebene geben“, verlautet aus Berlin. Lautenschläger sieht für Streitereien mit der Bundesbank um Kompetenzen keinen Grund: „Es gibt doch für uns alle genug Arbeit.“

Ihre Förderer & Gegner Zwei Männer förderten die Karriere der ehrgeizigen Juristin Lautenschläger nachhaltig: Wolfgang Artopeus, Chef des Berliner Bundesaufsichtsamts für das Kreditwesen, das 2002 in der BaFin aufging, machte sie 1999 zu seiner Pressesprecherin. Nah dran am Chef bekam sie einen guten Einblick in alle Felder der Bankenaufsicht. Noch wichtiger war Jochen Sanio, dessen „strategischen Sachverstand“ Lautenschläger nach wie vor bewundert. Ehemalige Kollegen beschreiben sie als eher kumpelhaften Typ, der sich nicht unterbuttern lasse und auch Sanio bisweilen Paroli biete. Kein Banker wagte es bisher, sich als Gegner der neuen Chefaufseherin zu outen – obwohl es sicher welche gibt, die sich ungerecht behandelt fühlten. Es gebe „nicht nur nette Gespräche mit Bankvorständen“, sagt Lautenschläger, „grundsätzliches Misstrauen ist gut für diesen Job“. Trotzdem nennt sie ein deutscher Bankenchef „nett und kompetent“, Letzteres habe sie diversen anderen BaFin-Mitarbeitern voraus. Allgemein gilt sie als umgänglicher als der bisweilen als raubauzig verschriene Sanio. Ob so viel Lob der von ihr Geprüften für zu viel Milde steht, dürfte sich noch zeigen.

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Ihre Aufgabe

Angst vor der Finanzkrise habe sie nicht, nur „Respekt vor der Aufgabe“, sagt Lautenschläger. Sehr schwierig seien die Marktverhältnisse, „aber das habe ich ja nun schon die letzten neun Monate mitbekommen“. Leicht wird der neue Job nicht: Wann immer jetzt eine deutsche Bank Probleme mit außerbilanziellen Vehikeln, Abschreibungen auf Kredite oder Fehlspekulationen bekommt, wird das auch ihr angekreidet werden. Dass noch etwas passiert, kann wohl kein Aufseher der Welt ausschließen. Nur dagegen anarbeiten, vor allem indem die Aufsicht die Instrumente checkt, mit denen Banken ihre Risiken kontrollieren. Lautenschläger weiß, was machbar ist: „Ich will den Banken kein System vorgeben, das ich im Kopf habe“, sagt sie. Vorstände müssten aber der Aufsicht zeigen, wie sie Risiken steuern. Die Aufseher könnten Benchmarking betreiben, sagt sie im schönsten Berater-Slang, also die Bank mit anderen vergleichen. „Wir lassen Individualität zu. Aber wenn der Vorstand nicht für angemessenes Risikomanagement sorgt, hat es ein Ende mit der Toleranz.“

Beruf & Familie

Wie schafft man als Mutter diesen Spitzen-Job? Mit Planung, einem Netz aus Familie und Freunden, und, am wichtigsten, einem Ehemann, der seine eigene Karriere hintanstellt. „Wir haben eine ganz klassische Rollenverteilung – nur umgekehrt“, sagt die neue Chef-Bankenaufseherin. Ihre Tochter brachte sie exakt nach dem ersten Staatsexamen auf die Welt. Der Ehemann, heute für das Beladen von Flugzeugen verantwortlicher Ramp-Agent am Flughafen Köln- Bonn, ging nach der Geburt in den Erziehungsurlaub. Wenn ein Umzug anstand, gab er seinen Job auf und zog mit, auch ins Ausland. „Er hält mir den Rücken frei“, sagt Lautenschläger. „Mit einem kleinen Kind konnte ich nicht in der Gegend herumreisen.“ Als die Bankenaufsicht von Berlin nach Bonn übersiedelte, baute das Paar in Neunkirchen-Seelscheid, 30 Kilometer von Bonn, ein Eigenheim. In dem 20.000-Einwohner-Städtchen im Bergischen leben ihre Eltern, in der Grundschule lernte sie ihren Mann kennen. „Hier gerate ich nicht in Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren“, sagt sie.

Ihre Vorlieben

Früher segelte sie. Heute ist Freizeit knapp – wie sollte es anders sein, in Zeiten der Finanzkrise – und gehört Tochter und Ehemann, mit dem sie gelegentlich per Motorrad durch Eifel und Bergisches Land tourt. Anders als im Job lenkt sie hier nichts und niemanden, sondern begnügt sich mit dem hinteren Platz auf der Kawasaki. In ihrer sportlichen Bilanz stehen ein halbherziger Anlauf, Pilates zu lernen, eine Trainingsmethode, bei der es darum geht, die Muskeln mithilfe des Geistes zu kontrollieren, und Schwimmen. Noch lieber liest sie, zum Beispiel englischsprachige Krimis, zurzeit „The Lighthouse“ von P.D. James. Und sie reist – nach Hongkong und quer durch die Vereinigten Staaten, aber auch ins beschauliche Limone am Westufer des Gardasees. Von ihrem Schreibtisch schaut sie auf drei Strandfotos: „Die sind so schön beruhigend“; und auf ein metergroßes Plakat, das am Ende gar einen Sinn für subversiven Humor verrät: „Die Solvabilitätsverordnung auf einen Blick“ steht da über einem verwirrenden Chaos von Kästen, Zahlen, Pfeilen und Linien.

Ihr Aufstieg Im öffentlichen Dienst muss, wer nach oben will, auch Glück haben. Zum Beispiel, dass zur richtigen Zeit auch die richtige Planstelle frei wird. Im vergangenen Sommer kündigte Chef-Bankenaufseher Helmut Bauer und wechselte wenig später zur Deutschen Bank, die er kurz zuvor noch beaufsichtigt hatte. Lautenschläger, Abteilungsleiterin unter Bauer, war für die Nachfolge prädestiniert. Schon Ende 2004 profitierte sie davon, dass der damalige Großbanken-Aufseher Uwe Traber die BaFin verließ. Lautenschläger übernahm von ihm die prestigeträchtige Abteilung BA 1 („Aufsicht über Großbanken und ausgewählte Kreditbanken“).

Damals war sie noch Sanios Pressechefin, allerdings eine mit viel Erfahrung im operativen Geschäft. Direkt nach dem Jurastudium in Bonn hatte sie 1995 beim BAKred als Referentin in der Bankenaufsicht angefangen, prüfte Commerzbank und Dresdner Bank. Karrierefördernd war ihre internationale Ausrichtung. Als Schülerin lernte sie auf der Highschool in St. Louis „wie wichtig Toleranz ist“ – weil ihr im Mittleren Westen der USA viel Intoleranz begegnete. Im Referendariat ging sie nach dem ersten Staatsexamen fürs Auswärtige Amt nach Chicago, und als Aufseherin absolvierte sie ein Förderprogramm bei der US-Finanzmarktaufsicht SEC, in Aufsichtskreisen das Maß aller Dinge — jedenfalls bis zum Ausbruch der Finanzkrise.

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