Schmiergeldskandal: Goodwill der Sheriffs für Siemens

KommentarSchmiergeldskandal: Goodwill der Sheriffs für Siemens

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WirtschaftsWoche-Reporter Andreas Wildhagen

Der Technologiekonzern kommt in den USA aus der Schmäh-Ecke heraus. Mit einer Milliarde Euro wird das Korruptionskapitel wohl geschlossen.

Die Nachricht kam am Tag der Obama-Wahl in den USA wie eine Art Versöhnungsgeste daher.

Siemens-Chef Peter Löscher und Aufsichtsratschef Gerhard Cromme erwarten nur eine Strafzahlung von einer Milliarde Euro wegen der Korruptions-Verfehlungen, die sich der Konzern in den vergangenen Jahren unter der Ägide des damaligen Siemens-Chefs Heinrich v. Pierer zuschulden hat kommen lassen.

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1,3 Milliarden Euro sind in schwarze Kassen geflossen, die strafrechtliche Bewertung dieses Schurkenstücks ist zumindest in Deutschland noch längst nicht abgeschlossen.

Aber von der amerikanischen Börsenaufsicht SEC droht dem in den USA börsennotierten früheren Musterunternehmens offenbar nur eine Sanktion, die zwar hart ist – aber wie die Wiedergutmachung eines größeren Betriebsunfalls aussieht, der bald in den Geschichtsbüchern versunken sein könnte.

Intern hatte man in den vergangenen Monaten bei Siemens mit bedrohlichen Geldbußen in Höhe von mehreren Milliarden Euro gerechnet. Man sah sich schon einem Wirtschaftskrieg ausgesetzt, der von gnadenlosen Moral-Sheriffs in den USA gegen einen erbitterten deutschen Konkurrenten auf den Weltmärkten ausgefochten wurde.

Es sieht in diesen Tagen fast so aus, als ob in Amerika die harte Linie gegen alles, was bisher nach unamerikanischen Verhalten aussah oder so definiert wurde, nun langsam aufgegeben wird zugunsten einer kooperationsbereiten Kultur, die Siemens wegen unbestreitbar skandalösen Geschäftsgebahrens unnachgiebig in die Mangel nimmt, aber leben lässt.

Wenn Siemens jetzt Rückstellungen in Höhe von einer Milliarde Euro wegen erwartbarer Strafzahlungen vornimmt, dann resultiert diese Summe allerdings aus Detailverhandlungen von Löscher und Cromme mit der Aufsichtsbehörde SEC, die lange vor der Obama-Wahl in wochenlangen Gesprächen stattgefunden haben.

Aber die Nachricht hat eine gewisse gefühlte Obama-Komponente. Die Botschaft einen Tag nach der Wahl wirkt eben auch für Siemens fast schon wie ein euphorisches Aufbruchssignal, das jetzt überall grassiert.  In einem Jahr schon, so die Erwartung, wird eine der größten Korruptionsaffären der Welt, in die Akten eingegangen sein.

Die möglicherweise vor deutschen Gerichten erscheinenden Siemens-Pensionäre, die für die Geschäftspraktiken zur Rechenschaft gezogen werden, wirken dann wie Figuren aus einer längst abgehakten Siemens-Welt, die es nun nicht mehr gibt.

Dass der Bruch mit dem Mauschel-Management so brutal wie glaubhaft ausfiel, ist einem Mann zuzuschreiben, bei dem es so aussah, als ob er alles auf eine Karte gesetzt hatte. Gerhard Cromme lief noch vor einigen Monaten durch Berliner Politiker-Salons wie ein Künder von Transparenz und Ehrlichkeit herum.

Als Regierungsbeauftragter für gute Unternehmensführung („corporate governance“) hatte er, der neben dem Aufsichtsratsvorsitze bei ThyssenKrupp auch den Vorsitz im Kontrollgremium bei Siemens übernahm, einen Ruf zu verlieren. Schließlich gab es die schwarzen Kassen bei Siemens schon, als er Vorsitzender des Prüfungsausschusses bei Siemens war.

Ergo sah er fast schon wie ein Mitwisser aus – oder ein Fahrlässiger, der nicht hart genug beim damaligen Siemens-Vorstand nachgefragt hatte. Cromme warf sich bei Siemens so hart in die Bresche, dass sein entschlossenes Handeln des Aufräumens von vielen schon als Flucht nach vorn interpretiert wurde. Wenn Cromme nicht einen Mann wie Löscher gefunden hätte, den er zum neuen Siemens-Chef machte, wenn er nicht eine glimpfliche Einigung mit der SEC hinbekommt – so wie es jetzt aussieht – dann wäre sein Ruf auch in seiner Funktion als kommender ThyssenKrupp-Verweser und Berthold-Beitz-Nachkomme zerkratzt worden.

Cromme hat sich da nicht nur mit Ruhm bekleckert

Also konzentrierte sich Cromme fast nur noch auf den Siemens-Job, warf das Regierungskommissions-Gedöns über Bord, zog sich aus diversen Aufsichtsräten zurück und mied die Öffentlichkeit mit Reden so gut er konnte.

Der harte Ritt, amerikanischen Privatermittlern vom Schlage der Debevoise&Plimpton-Anwälte bei Siemens Befugnisse von deutschen Staatsanwälten einzuräumen und Verdächtige in Privatverhören schutzlos auszuliefern, hat Cromme angreifbar gemacht. Wenn dieser Ritt jetzt zum glimpflichen Erfolg für Siemens führt, wird das Novum, verdächtige Manager quasi mit Hilfe einer investigativen Unternehmensführung dazu zu bringen, sich selbst zu belasten, mit negativem Beigeschmack in die deutsche Rechtsgeschichte eingehen.

Cromme hat sich da nicht nur mit Ruhm bekleckert. Er hat Manager in die Ecke gedrängt, die sich vor lauter Angst vor Schadensersatzforderungen von Siemens in firmeninternen Verhören ohne ausreichenden Rechtsschutz selbst bezichtigten und sich damit zu Objekten deutscher Strafverfolgung machten. Sie müssen die Suppe nun möglicherweise vor deutschen Gerichten bis zum Grund auslöffeln – auch dann, wenn die Moral-Sheriffs von der SEC den Vorgang Siemens längst in den Aktenkeller getragen haben und sich Siemens in den USA wieder mit neuen, öffentlichen Aufträgen sonnt. 

Für Cromme und Löscher bleibt jetzt allerdings eines zu tun – Siemens nach einer Schamfrist in den USA so schnell wie möglich zu delisten, das heißt vom amerikanischen Börsenzettel zu nehmen.

Nicht etwa um die Verfolgung von möglicher Korruption in Zukunft der strengen SEC zu entziehen und das Leben einfacher zu machen, sondern um amerikanische Strafverfolgungsmethoden mit Hilfe von Privatermittlern auf deutschem Rechtsgrund – so wie bei Siemens in den vergangenen Monaten geschehen -  künftig unmöglich zu machen. Dann hätte Jurist Cromme der deutschen Rechtskultur, zumindest in den Grenzen von Siemens, zum Schluß noch einen Dienst erwiesen.

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