Schneekoppe: Der Provokateur vom Niederrhein

Schneekoppe: Der Provokateur vom Niederrhein

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Raubein und Provokateur: Schneekoppe-Chef Wagener neben einem "Mitbringsel" aus alten Tagen: einer Lenin-Fahne

von Mario Brück

Ein Unternehmer mit Hallodri-Qualitäten will die altbackene Diabetiker-, Saft- und Müslimarke auf Trab bringen.

Für manche Menschen mag Gerald Wageners Humor gewöhnungsbedürftig sein. Mal rammt er rund um sein Gestüt im gediegenen Krefelder Ortsteil Verberg Schilder in den Boden mit dem Warnhinweis „Kein Durchgang! Eindringlinge werden erschossen“. Mal notiert er auf seiner Facebook-Seite unter der Rubrik Arbeitgeber „Hilfsschließer, Justizvollzugsanstalt Verberg“.

Der 49-jährige Unternehmer vom Niederrhein gefällt sich in der Rolle des Provokateurs und Raubeins. Darum hält er sich einen Furcht einflößenden American Bullmastiff namens Otto. Darum trägt sein Gestüt mit Reithallen und 66 Pferdeboxen den Namen „Gut Auric“. Und darum hat er auch seine dort ansässige Firmenholding Auric benannt – nach Auric Goldfinger, dem Prototypen aller James-Bond-Bösewichte, gemimt von Gert Fröbe im dritten Bond-Abenteuer Goldfinger von 1964.

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„Erwarten Sie von mir, dass ich rede?“ „Nein, Mr. Bond, ich erwarte von Ihnen, dass Sie sterben!“ Das sind die Dialoge, die Wagener gefallen. Der Seltsame vom Niederrhein, der mit Pferden lebt, aber nicht reiten kann, wäre kaum weiter von Belang, hätte er nicht vor gut drei Jahren das Traditionsunternehmen Schneekoppe gekauft.

Wagener will Staub wegfegen

Sechseinhalb Jahrzehnte stand der stilisierte weiße Gipfel auf Gläsern gesunder Marmeladen und auf Packungen fruchtiger Riegel und Müslis für die gleichnamige höchste Erhebung des Riesengebirges, das einstmals zum deutschen Schlesien gehörte und nach dem Zweiten Weltkrieg an Polen und Tschechien fiel. In den Siebzigerjahren wurde das bekannte Schneekoppe-Echo erfunden und machte das Label so zu der bekanntesten Marke für gesunde Ernährung. Das alles hatte der deutsche Krämer namens Fritz Klein begründet, der 1945 aus Schlesien vertrieben worden war, die Firma in Bremen wieder aufgebaut und damit Millionen Landsleuten ein Stück Heimat hinübergerettet hatte. Doch mit jedem Jahr, das ins Land ging, legte sich immer mehr Staub auf die Erinnerung an Rübezahl und Riesengebirge. Diesen Staub will Unternehmer Wagener jetzt wegfegen. Schneekoppe soll jünger werden, zeitgemäßer, innovativer.

So will der energische Macher mit einem neuen Sortiment aus laktosefreien Produkten auf die wachsende Nachfrage nach milchzuckerfreien Produkten reagieren. Schließlich seien knapp zehn Prozent der Deutschen laktoseintolerant, doziert Wagener, können also Milchzucker nicht oder nur mit Mühe verdauen. Daneben will er Energiegetränke und Kraftriegel in die Supermarktregale, Getränkemärkte und Tankstellen bringen. Und Apotheken möchte er mit der exklusiven Marke Vitasan beglücken.

Anlass für die Frischzellenkur sind auch gesetzliche Änderungen. Denn Schneekoppe muss die herkömmlichen Diabetikerprodukte an die neue Diätverordnung anpassen. Demnach dürfen solche Produkte bald nicht mehr als Diabetiker-geeignet gekennzeichnet werden. Rund 60 Artikel fallen derzeit unter das betreffende Sortiment von Schneekoppe. Damit ist das Unternehmen deutschlandweit Marktführer. Nur die Top 20 dieser Produkte werden künftig weitergeführt, alle anderen fliegen raus.

Finanzieren will Wagener Neustart und Verjüngung mit den Einnahmen aus einer Inhaber-Teilschuldverschreibung, mit der er vor wenigen Wochen problemlos zehn Millionen Euro einsammelte. Ja, sogar Börsenpläne ließ er im Verkaufsprospekt der Anleihe spinnen. Schon kommendes Jahr könnte es so weit sein. Was ist das für einer, der nun den letzten muffig romantischen Schauer aus den deutschen Supermarktregalen fegt?

Wagener empfängt Besucher in einem Büro auf seinem Reiterhof. Er trägt Jeans, ein kariertes Baumfällerhemd und Outdoor-Stiefel so, als käme er direkt aus den Pferdeställen. Dabei hat er mit dem Gestüt fast nichts am Hut. Es wird von seiner Frau Susanne geleitet, einer Hals-Nasen-Ohren-Ärztin mit eigener Praxis.

Der gebürtige Niedersachse nimmt Platz in einem braunen Ledersessel im Kolonialstil. Kampfhund Otto – „ein ganz lieber Familienhund“, wie er sagt – trottet über ein Bärenfell auf dem Boden. An der Wand hängen Schwarz-Weiß-Bilder des Starfotografen Helmut Newton, der bekannt ist für seine harten erotischen Porträts. Die Frauen hinter Wagener und Otto tragen nichts weiter als hochhackige Schuhe. An Wageners Zeiten als Unternehmer in Russland erinnert eine Fahne an der Wand, mit kyrillischen Buchstaben und einem Bild von Lenin. Im alkoholgeschwängerten Übermut habe er die Fahne mal aus einem Sitzungssaal mitgehen lassen.

Der Fast-Fünfziger, blond, sportlich, mit kurz-getrimmtem Vollbart, erklärt, wie er zu Schneekoppe kam. „Wie die Jungfrau zum Kind“, sagt er. Die Investition sei weder gewollt noch gesucht gewesen, nun sei es aber „Liebe auf den zweiten Blick“. Die Romanze mit Anlaufzeit begann 2007 als reine Finanzbeteiligung, um einem Freund zu helfen, der Schneekoppe gekauft hatte. Kurze Zeit später übernimmt Wagener alle Anteile.

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