Schon besucht?: Ai WeiWei über die Pflichten guter Künstler

Schon besucht?: Ai WeiWei über die Pflichten guter Künstler

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Der chinesische Künstler Ai WeiWei

Der chinesische Künstler Ai WeiWei über die Pflichten guter Künstler und seine Abneigung gegen Sport.

Mit meinem Stift, schrieb einmal der französische Schriftsteller Guillaume Apollinaire, „erreiche ich Regionen, in welche die Seele Napoleons niemals gelangt“. Ein Satz, den mein Vater, der Dichter Ai Qing, immer wieder gerne zitierte – schon als ich noch Kind war. Auch mir gefällt er sehr gut, bis heute. Er betont die Würde des Menschen, die Kraft seiner Seele, seines Verstands – keine Selbstverständlichkeit in unserer Situation Ende der Fünfziger-, Anfang der Sechzigerjahre. Unsere Familie wurde kurz nach meiner Geburt an einen sehr entlegenen Ort in der Wüste Gobi verbannt.

Wir lebten in einem engen Raum unter der Erde, schliefen auf dem Boden, nachts kamen die Ratten. Mein Vater musste als Kloputzer arbeiten. Aber fehlender materieller Wohlstand – auch in New York habe ich lange in einem Keller gelebt – ist für mich kein Problem. Ich brauche nicht viel. Wenn ich nicht arbeite, reicht mir ein Bett. Das Haus, in dem ich lebe, habe ich selbst entworfen – ein illegaler Bau. Aber ich mag diesen Zustand der Unsicherheit. Er gibt mir ein Gefühl von Freiheit, und darauf möchte ich auf keinen Fall verzichten.

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Noch heute mangelt es in unserem Land vielfach an grundlegenden Menschen- und Bürgerrechten. Das ist ein Grund, warum es mir als Künstler vor allem darum geht, Objekte zu produzieren, die nicht einfach praktisch oder ästhetisch sein sollen, sondern moralisch, philosophisch richtig. Was aber ist richtig? Ein relativer Begriff, der heute, im Zeitalter von Globalisierung und Internet ganz andere Antworten, ganz andere Ausdrucksformen ermöglicht und einfordert als früher. Leider zeigt die Mehrheit der chinesischen Künstler daran kein Interesse.

Sie bekommen eine Menge Aufmerksamkeit, die vor allem von neureichen Sammlern und Galerien getrieben ist – vermutlich gibt es davon schon mehr als Künstler selbst. Mein Ideal sieht so aus: Jeder Künstler kommuniziert durch sein Objekt, reagiert damit auf die sozialen und politischen Bedingungen, unter denen seine Arbeit entsteht. Er bezieht Position durch seine Kunst.

"Die Olympischen Spiele werde ich nicht besuchen"

Zu den wenigen Ausnahmen, die das tun, zählt etwa Li Dafang. Er erinnert mich an jemanden, der lange durch die Dunkelheit der Nacht gewandert und nun ins Licht getreten ist. Li greift in seinen großformatigen Gemälden ganz bewusst Themen wie Umweltzerstörung oder das Entstehen städtischer Brachlandschaften auf – er übt Kritik auf hochemotionaler Ebene. Auch Wang Xingwei thematisiert in seinen Arbeiten chinesische Zeitgeschichte und aktuelle Bedingungen in unserer Gesellschaft, womit er schon mal Ärger mit der staatlichen chinesischen Zensurbehörde bekommt. Außerdem beschäftigt er sich stark mit der Kunstgeschichte, die er in seinen Arbeiten konzeptionell reflektiert. Ein sehr interessanter Künstler (Galerie Urs Meile, Peking, 8. November bis 7. Dezember 2008).

Wie auch der Belgier Wim Delvoye. Er macht sich in seinen Arbeiten immer wieder Gedanken über die grundsätzlichen Bedingungen, unter denen Kunst entsteht. Er hat schon Maschinen gebaut, mit denen er die menschliche Verdauung imitiert hat. Und er hält Schweine auf einer Farm in der Provinz von Peking, deren Haut er tätowiert und später als eine Art haptische Gemälde ausstellt. Wir sind einmal während der Documenta im vergangenen Jahr nachts durch Kassel spaziert, er hat dabei an jeden Baum gepinkelt, an dem wir vorbeikamen. Sehr lustig, ich mag ihn. Er ist ein verrückter Kerl – aber auch ein cleverer Stratege.

Das gilt in gewisser Weise auch für Marcel Duchamp, an dem ich mich in meiner Zeit in New York orientiert habe. Er hat die Kunstwelt von vielen Fesseln befreit, mit seiner so wunderbar entspannten Einstellung zur Kunst und seinen Arbeiten der Kunst von heute den Weg bereitet. Großartig (München, Haus der Kunst, 19. September bis 11. Januar 2009).

Auch die Arbeiten von Gerhard Richter gefallen mir außerordentlich gut. Gerade waren einige seiner Bilder in Peking zu sehen – eine der wenigen Ausstellungen, die ich zuletzt besucht habe. Auch, weil ich mich grundsätzlich sehr für Kunst aus Deutschland interessiere, wenngleich ich, was nach einem Widerspruch klingt, Galerien, Museen und Vernissagen nicht besonders mag. Das gilt übrigens auch für Sportveranstaltungen. Die Olympischen Spiele werde ich nicht besuchen. Da bleibe ich lieber zu Hause in meinem Atelier und arbeite. Oder spiele mit meinen Katzen.

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