Schon besucht?: Die besten Orte der Kunst

Schon besucht?: Die besten Orte der Kunst

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Installation des italienischen Künstlers Emilio Vedova in der Berlinischen Gallerie in Berlin.

Fotograf Timm Rautert über den Wert der Arbeit, den Zwang zum Sehen und besondere Orte der Kunst.

Was ist Zeit? Was ist Schwarz-Weiß? Was ist Farbe? Was kann Fotografie leisten? Für mich auch eines: Kontakte schaffen. Ich verstehe die Kamera als Kommunikationsmittel, über das ich mir die Welt erschließe. Eine Welt, die vor allem durch eines geprägt wird: Arbeit. Sie ist die elementare Bestimmung des Menschen, ohne Arbeit geht es nicht. Aber wer weiß schon, wie ein Auto zusammengeschraubt oder ein Rechnerkopf produziert wird? Kaum einer macht sich davon ein realistisches Bild – ich will zeigen, was nicht für jeden sichtbar ist. Also auch, wie sich das Verhältnis zwischen Mensch und Technik gewandelt hat. Ein Prozess, in dem der Mensch überflüssig wird.

Besonders deutlich wird dies durch meine Besuche der Produktion bei Porsche, die ich in den vergangenen 40 Jahren immer wieder mit der Kamera festgehalten habe. Während sich die Optik der Modelle – das ist wohl eines der Erfolgsgeheimnisse des Unternehmens – über die Jahrzehnte kaum verändert hat, verschwanden die Menschen zunehmend aus meinen Bildern. Wurde etwa der Wagen bei meiner ersten Werkreportage 1968 noch von Hand weitergeschoben, bewegte er sich später auf Bändern alleine weiter. Mit Sozialromantik aber hat das nichts zu tun. Ich verkläre nichts. Ich möchte Veränderungen zeigen – denn auch das kann Fotografie leisten. Ein Prozess, ähnlich dem, den Marcel Proust in seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ vollzieht. Denn was in meinen alten Schwarz-Weiß-Bildern zu sehen ist, bleibt nur mehr Erinnerung.

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Ob diese Fotos bloße Dokumentation oder schon Kunst sind? Diese Frage stellt sich mir nicht. Eines aber ist klar: Kunst ist Arbeit, und zwar intensive. Das Werk muss ja entstehen. Deswegen habe ich Künstler in meinen Porträts nie beim Grübeln gezeigt. Die Berliner Philharmoniker sehe ich da nicht anders als Arbeiter in einer Fabrik. Oder Gerhard Richter : Ihn habe ich in der Düsseldorfer Stadthalle fotografiert, beim Malen seiner riesigen abstrakten Gemälde „Victoria I und II“. Da hat er die Farbe mit Verlängerungsstäben und Quasten aufgetragen – wie ein Bühnenmaler (Baden-Baden, Museum Frieder Burda, bis 27. April). Doch selbst bei Größen wie Richter ist es schwer, Kunst in Worte zu fassen. Da geht es mir wie Augustinus, der auf die Frage, was Zeit sei, sagte, er kenne die Antwort nur, solange ihn niemand danach frage. Eines aber kann ich sagen: Zu guter Kunst gehört auch ein besonderer Ort. Etwa das Kunsthaus Bregenz. Ein wunderbares Museum, das es einem aber nicht leicht macht. Spannend, zu sehen, wie Künstler mit dieser Architektur-Ikone umgehen – derzeit versucht sich Maurizio Cattelan (bis 24. März).

Eine ganz besondere Stimmung umgibt auch Gut Selikum in der Nähe von Neuss. Der Maler Gerhard Hoehme hatte den früheren Kuhstall des ehemals bewirtschafteten Bauernhofs zu seinem Atelier ausgebaut. Nach seinem Tod 1989 stand es einige Zeit leer und wird heute als privater, nicht kommerzieller Ausstellungsraum genutzt. Man spürt sofort, dass da nicht irgendein Architekt etwas zurechtgefummelt hat. Die Aura des Künstlers wirkt bis heute nach. Schon deswegen lohnt ein Besuch.

Sehr beeindruckt bin ich seit jeher von Emilio Vedova. Er war neben Oskar Kokoschka einer meiner Lehrer an der Salzburger Sommerakademie Anfang der Sechzigerjahre. Schön, wie er versuchte, mit seinen Bildern aus der Leinwand heraus- und in den Raum hineinzutreten (Berlinische Galerie, bis 20. April).

Immer wieder gehe ich in Berlin in die Alte Nationalgalerie. Im ersten Stock gibt es einen Raum mit Bildern von Caspar David Friedrich. Manchmal bin ich nur für 20 Minuten dort, um ein einziges Bild zu sehen: „Der Mönch am Meer“. Die geistige Einsamkeit dieser Figur ist beeindruckend. Da geht es mir wie Heinrich von Kleist, der sich beim Betrachten dieses Bildes fühlte, als wären ihm die Augenlider weggeschnitten. Diesen Zwang zum Sehen löst bei mir auch Hiroshi Sugimoto aus. Ein großer Künstler. Seine Arbeiten durchdringen die Welt, lassen einen das Einmalige der Fotografie begreifen: die Fragmentierung von Wirklichkeit, den Schnitt durch Raum und Zeit. Jedenfalls, solange er seine alten Bilder nicht zu riesigen Formaten aufbläst. Das wirkt dann, als würde man einem austrainierten Rennpferd eine Kamelhaardecke überwerfen. Das taugt nur zum Geldverdienen (Kunstmuseum Wolfsburg, bis 24. März). Ein zuverlässiges Rezept für Erfolg in der Kunst gibt es eben nicht. Das Einzige, was ich mit Gewissheit sagen kann: Zwei Pfund Rindfleisch ergeben eine gute Suppe.

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