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Schon besucht?: Eine Idee anders

von Aufgezeichnet von manfred.engeser@wiwo.de

Gary Hill über die Kunst des Surfens und die Poetik der Vergänglichkeit.

Vielleicht hat es ja mit meinem Faible für bewegliche Bretter zu tun: Als Jugendlicher habe ich meine Freizeit entweder auf dem Skateboard verbracht oder am Strand, beim Wellenreiten. Besonders faszinierte mich beim Surfen immer der „Green Room“. So nennen wir Surfer den Bereich innerhalb einer Welle, in dem man auf seinem Brett steht und wie angegossen für Sekundenbruchteile auf den Moment wartet, in welche Richtung die Welle rollt. Ein reinigender Vorgang – so, wie Martin Heidegger vom Heben des dunklen Schleiers der Dinge schreibt. Dessen philosophisches Werk, ja die gesamte philosophische Landschaft des 20. Jahrhunderts hätte vermutlich auch eine andere Entwicklung genommen, hätte er am Meer und nicht im Schwarzwald gelebt. Nicht, dass ich mich als Philosophen bezeichnen würde – eher bin ich ein Mann der Provinz, war als junger Mann gerade mal zwei Wochen auf der Kunsthochschule, um dem Militärdienst zu entgehen. Und bin statt von der aktuellen Kunst- eher von der Drogenszene beeinflusst. Doch sie begeistern auch mich, diese Momente der Offenbarung. So wie der, als ich entdeckte, dass meine Skulpturen eine Art Melodie in sich trugen. Ich begann, ein bisschen herumzuspielen. Ich verstand mich noch immer als Bildhauer – nur dass ich das Material gewechselt hatte. Statt mit schwerem Stahl arbeitete ich nun mit Sound und Bildern und erforschte die wechselseitige Beziehung dieser Medien. Ich beschäftigte mich mit linguistischen und elektronischen Phänomenen und der Materialität von Gegenständen. Deshalb verstehe ich mich auch nicht als Video-, sondern als Sprachkünstler. Ich bewege mich innerhalb eines linguistischen Raums, in dem ich mich über elektronische Signale, Geräusche oder Texte ausdrücke und eine Antwort in Echtzeit erwarte – auf Fragen zu Themen wie Konstruktion und Dekonstruktion, Katastrophe und Vergeblichkeit, Wahrnehmung und Erkenntnis, die Körperlichkeit von Sprache und Bedeutung. Dabei bin ich immer auf der Suche nach flüchtigen Zwischenzuständen, deren wahre Identität nicht zu fassen ist und die ich oft im Chaos des täglichen Lebens finde. Das sehen offenbar auch andere Künstler so – zum Beispiel Bruce Nauman. Mit „Stairway“ etwa hat er eine brillante Arbeit geschaffen, die direkt Bezug nimmt auf den Ort, an dem sie steht: eine Treppe, deren Stufen zwar alle gleich tief, aber unterschiedlich hoch sind, weil sie sich völlig an die natürliche Steigung des Geländes anpassen. Man muss das vor Ort ausprobieren, um zu verstehen, wie wunderbar diese Arbeit ist. Das Gefühl für den Maßstab verschwindet, man findet nie wirklich einen Rhythmus, wenn man die Stufen abläuft. Auch auf die Gefahr, dass man sich den Knöchel bricht. Eine spezielle Erfahrung. (Bonn, Kunstmuseum, 29. November 2007 bis 17. Februar 2008). So wie bei Tim Hawkinson. Immer wenn ich Arbeiten von ihm sehe, merke ich, dass sie eine Idee anders sind als vieles, was man sonst an Kunst zu sehen bekommt. Hawkinsons Werk ist sehr inspirierend, es verströmt kreative Energie, arbeitet mit allen denkbaren Materialien – bis hin zu seinen abgeschnittenen Fingernägeln, aus denen er mithilfe von Superkleber schon mal ein Vogelskelett formt (Philadelphia, ICA, bis 16. Dezember). Den eigenen Körper zum Ausgangspunkt ihrer Kunst macht auch Marina Abramovic. Ihr Werk ist Auseinandersetzung mit Extrem- und Grenzerfahrungen und deren Überschreitung. Ihr Körper braucht die Welt. Und umgekehrt. Großartig (Wien, Kunsthalle, 5. Oktober 2007 bis 8. Februar 2008). Eine ganz spezielle Art von Poetik verströmt auch das Frühwerk von Jeff Koons. Ich mag Arbeiten wie „Puppy“, seine mehrere Meter hohe florale Skulptur in Form eines West Highland Terriers, oder „Three Ball Total Equilibrium Tank“ von 1985 – drei Basketbälle, die in einem gläsernen Wassertank schweben. Wahrscheinlich, weil ich mir da sofort überlege: „Was soll das?“ (London, Gagosian Gallery, bis 10. November 2007). Eine Frage übrigens, die ich mir beim Besuch von Museen, Galerien oder Ateliers immer seltener stelle. Leider. Man sieht kaum mehr Kunst von Künstlern, sondern Strategie von Strategen. Ich habe sogar Kuratoren erlebt, die haben Kunstwerke schlicht falsch herum aufgehängt. So wird jeder Museumsbesuch zur Zeitverschwendung. Da entspanne ich lieber zwei Stunden am Strand. Beim Surfen.

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