Schon besucht?: Fotografin Rheims über den Tod und die Frauen

Schon besucht?: Fotografin Rheims über den Tod und die Frauen

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Fotoreporate von Diana Arbus, erschienen in der britischen Zeitschrift "Nova" (1969)

Fotografin Bettina Rheims über ausgestopfte Kühe, gemalte Knie und Angst vor dem Tod. Die 56-Jährige Französin wurde durch provokant-erotische Foto-Inszenierungen bekannt.

Manchmal finde ich das, was ich tue, selbst ein wenig merkwürdig. Warum mache ich diese Fotos, vornehmlich von Frauen? Gut, ich liebe ihre Körper, schon immer. Aber ist das eine befriedigende Antwort? Ich bin keine Intellektuelle, will nicht lange theoretisieren, bevor ich ein neues Projekt beginne. Wenn ich morgens aufwache mit diesem gewissen Gefühl im Bauch – „das musst du machen“ –, dann lege ich einfach los. Habe ich eine Idee vor meinem geistigen Auge, werde ich zum Kontroll-Freak, lege die Umstände eines Shootings bis ins kleinste Detail fest: wo und mit wem ich fotografiere, welches Licht nötig ist, welche Accessoires ich vor Ort brauche, welche Frisuren die Models tragen sollen.

Ich erstelle sogar eine Einkaufsliste, bis hin zur Coladose und lege die Musik fest, die während der Arbeit laufen soll. Diese äußere Perfektion verschafft mir die Sicherheit, den nötigen Freiraum für meine Gedanken. Wenn ich dann am Set bin, befinde ich mich wie in einer Art Schwebezustand, Höhenangst inklusive – ich bin mir dann oft gar nicht wirklich bewusst, was passiert. Ich bin chaotisch, singe, führe Selbstgespräche. Bis ich spüre: „Jetzt bin ich fertig.“ Und selbst wenn ich die Abzüge meiner Aufnahmen sehe, könnte ich auch rückwirkend nicht im Detail beschreiben, wie die einzelnen Motive zustande gekommen sind. Offenkundig aber kehren einige Motive immer wieder: Eine gewisse Angst vor dem Tod, aber auch eine Todesnähe, die ich in jedem Bild spüren kann, ganz egal, ob es auf den ersten Blick fröhlich oder traurig wirkt. Aber auch dieses fantastische Vergnügen, eine Frau zu sein.

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Tod und die Frauen prägen meine Arbeit

Dass diese beiden Themen – der Tod und die Frauen – meine Arbeit prägen würden, hat sich wohl schon früh angedeutet. Als Jugendliche war ich ständig in der Dunkelkammer, weil mir die Einsamkeit gefiel. Ich lernte damals viel über Fotografie, aber auch über mich. Entwickelte mich vom scheuen, unsicheren Mädchen, das sich selbst nicht ausstehen konnte, zu einer leidlich selbstbewussten Frau. Ich startete als Porträtfotografin, war aber genervt von der Hektik – vor allem berühmte Menschen hatten selten mehr als ein paar Sekunden Zeit, waren nie zufrieden mit den Bildern. Zufällig kam ich zu dieser Zeit bei einem berühmten Tierpräparator in Paris vorbei und sah eine ausgestopfte Kuh vor dessen Schaufenster stehen.

Bettina Rheims, 56, gehört zu den erfolgreichsten Fotografinnen. Bekannt wurde die Franzosin durch provokant-erotische Foto-Inszenierungen. Zuletzt erschien "The Book of Olga", ein opulenter Bank mit freizügigen Aufnahmen einer Moskauer Milliardärsgattin (Taschen, 500 Euro)

Bettina Rheims, 56, gehört zu den erfolgreichsten Fotografinnen. Bekannt wurde die Franzosin durch provokant-erotische Foto-Inszenierungen. Zuletzt erschien "The Book of Olga", ein opulenter Bank mit freizügigen Aufnahmen einer Moskauer Milliardärsgattin (Taschen, 500 Euro)

Ich stand an einer roten Ampel, die Kuh glotzte mich an und ich wusste: Das ist die Lösung! Ich begann also, ausgestopfte Tiere zu fotografieren. Und merkte bald, dass ich über die Aufnahmen irgendwie versuchte, diese toten Tiere wieder zum Leben zu erwecken. Diesen kurzen Moment des Übergangs festzuhalten – ob vom Tod zum Leben, vom Jungen zum Mädchen, vom Mann zur Frau, vom Menschen zur Gottheit, vom fixen Plan zum völlig Ungeplanten: Immer geht es um diesen schmalen Grat, der meist nicht länger als eine Sekunde besteht. Das Bedürfnis, genau diesen Moment mit der Kamera festzuhalten, treibt mich an. Es gibt kein Zurück, auch nicht durch nachträgliche Manipulation. Wenn ich den entscheidenden Moment nicht treffe, ist es zu spät.

Deswegen könnte ich zwar nie als Malerin arbeiten – dennoch ist mein Leben von der Malerei nicht zu trennen. Schon als Kind war ich umgeben von ihr, habe Gemälde gesehen, seit ich laufen kann – mit meinen Eltern besuchte ich früh Kirchen und Museen. Neben den klassischen Porträts der Renaissance und Gemälden von Jean-Auguste Ingres und Edgar Degas, der Ingres bewunderte und wie dieser viele weibliche Rückenakte gemalt hat, neben den Arbeiten von Jan Vermeer oder Eugène Delacroix, die ich für ihren Umgang mit dem Licht bewundere, haben mich besonders die Bilder des Malers Balthus beeindruckt – diese Knie (Washington, Hirshhorn Museum, bis 2010)! Wäre ich, wie mein Vater, selbst Sammlerin, hätte ich gern ein Bild von Lucian Freud.

Weil die Frage, welche Art von Haut ich zeigen will – den glamourösen, verführerischen Hollywoodtyp oder die graufahle Oberfläche einer traurigen Person –, meine Bildideen grundlegend prägt, beeindruckt mich an Freuds Arbeiten vor allem die Darstellung der Haut. Seine Bilder sind von erbarmungsloser Schönheit (Osnabrück, Felix-Nussbaum-Haus, bis 19. April).

Als Fotografin aber hat mich am nachhaltigsten Diane Arbus beeindruckt (Paris, Kadist Art Foundation, bis 8. Februar). Die Dichte, die Menschlichkeit, die in ihren Bildern liegt, hat mich immer tief bewegt. Bevor ich ihre Arbeiten zum ersten Mal sah – eine Ausstellung in München, ich war 23 – wusste ich gar nicht, dass man Fotos überhaupt an die Wand hängen kann.

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