Schon besucht?: Tafelschmuck für Paris Hilton

Schon besucht?: Tafelschmuck für Paris Hilton

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Markus Lüpertz, Rektor der Kunstakademie Düsseldorf

Markus Lüpertz über Genialität und Scheitern, das Boxen und Kunst als Provokation.

Künstler zu sein, bedeutet scheitern. Ob es die Farbe ist, zu der man keinen Zugriff hat. Die Leinwand, die falsch reagiert. Oder der Pinsel, der nicht die richtige Konsistenz hat: Diese Widerstände machen mich oft zornig. Als Künstler gibt es nichts Brutaleres als den Kampf mit dem Material. Dieses Duell ist schlimmer als beim Boxen – während man den Kampf mit den Fäusten wenigstens ab und an mal gewinnen kann, verliert man das Duell mit dem Material zwangsläufig. Sonst hätte man ja keinen Grund, ein neues Bild zu malen.

Ich schaffe ja ein neues Werk nicht, weil ich es verkaufen will. Sondern weil ich auf der Suche bin – nach der reinsten, am wenigsten verstellten Verbindung von Handwerk und Geist. Nichts anderes ist die Kunst. Und ich erwarte, dass der Künstler alles kann. Der Künstler ist ein Genie, die Kunst ein Fingerzeig Gottes. Eine Atmosphäre, gestaltet wie ein Bühnenbild. Ein Interieur, gebaut aus der Ästhetik und dem stolzen Habitus des Künstlers. Ein Zustand der Abgrenzung gegen die Verhätschelung und Verdummung der Welt, gegen die Vernachlässigung des Geistigen, gegen den Verlust der Poesie und die Zweckmäßigkeit der Allgemeinbildung.

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Kunst ist etwas, was man nicht begreift. Kunst lebt nicht vom Verstehen – also dem Bemühen, hinter bestimmte Geheimnisse zu kommen. Das kann der Künstler nicht mal selbst. Gelingt es ihm doch einmal, interessiert seine Erkenntnis niemand. Kunst, sagte Nietzsche zu Recht, ist die Sprache des Genies. Für mich ist sie wie Luft holen, wie Blumen gießen – einmal vergessen, stirbt die Blume. Der bildende Künstler ist die Crème de la Crème. Der Maler steht ganz oben, alle anderen sind Zwerge. Darüber habe ich mich vor Kurzem mit Hermann Nitsch unterhalten – ein großartiger Künstler, vor dessen Integrität ich große Achtung habe. Sein Werk ist von hinreißender Alterslosigkeit, er hält die Zeit an in seiner Arbeit (Mistelbach, Hermann-Nitsch-Museum, bis 11. Januar 2009). Viele halten Nitsch ja noch immer für einen Provokateur – ein Irrtum, Quatsch, Kinderkram. Ein Künstler will nicht provozieren, er will sein Metier erweitern.

Provokation ist kein Kriterium der Kunst, genauso wenig wie Geld und hohe Verkaufspreise. Das sind allenfalls nicht beeinflussbare Begleiterscheinungen, wie gerade etwa bei Peter Doig zu beobachten, dessen Bilder im Moment für horrende Summen gehandelt werden. Aber anders als Leute wie Jeff Koons oder Damien Hirst, die sich als Event-Meister verstehen, mit überdimensionierten roten Herzen oder diamantbesetzten Totenköpfen eine Tagesästhetik bedienen und nichts weiter als Tafelschmuck für Leute wie Paris Hilton produzieren, will Doig nichts mit den Marktmechanismen zu tun haben.

Er ist ein großer Künstler, der sich nicht in eine immer gleichgeartete Produktion begibt, sondern experimentell bleibt, die Kontrolle über sein Werk behält, sich verneint (Paris, Musée d´Art Moderne de la Ville de Paris, 30. Mai bis 7. September). Das gilt auch für Albert Oehlen. Er entwickelt eigene Lösungen, geht eigene Wege. Genau das, was mich an einem Künstler interessiert (San Francisco, John Berggruen Gallery, bis 17. Mai). Ob auch Jonathan Meese auf Dauer diese Substanz hat, muss er noch beweisen. Momentan zumindest ist er eine spannende Figur, was er macht, ist aufregend, ich verfolge seinen Werdegang durchaus mit Vergnügen und Begeisterung (Frankfurt, Städel, bis 1. Juni).

Was vielleicht auch daran liegt, dass er sich an den Verrücktheiten eines Georg Baselitz orientiert, von dem auch ich viel gelernt habe. Ich habe selten einen Künstler gesehen, der Bildung und Handwerk so wunderbar verbindet wie er. Dass er sich noch heute selbst infrage stellt, all seine frühen Bilder, von denen einige ja mittlerweile als Ikonen der Kunstgeschichte gelten, versucht, zu zerstören, dass er nichts auf sich beruhen lässt, das ist eine hohe Qualität. Eine bewundernswerte künstlerische Haltung, die beweist, dass der Mann sich nicht schont. Fantastisch. Mit ihm fühle ich mich auf innigste Weise verbunden (Dresden, Staatliche Kunstsammlungen, 20. Juni bis 25. August).

Wie im Übrigen auch mit Jörg Immendorff (Kaufbeuren, Kunsthaus, bis 18. Mai). Wir waren wie Brüder, haben uns totgelacht, waren voller Leichtsinn. In meiner Zuneigung zu ihm habe ich sein Werk voll und ganz akzeptiert, bis zuletzt zum Unbegreiflichen: Dass er, als er körperlich schon nicht mehr dazu in der Lage war, mit seinem Genie gegen seine furchtbare Krankheit angekämpft hat und über Dritte noch immer seine Sachen machen konnte. Er hat bewiesen, dass es geht.

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