Schon besucht?: Unter die Haut

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Luc Tuymans, 50, lebt und arbeitet in Antwerpen

Der Maler Luc Tuymans lebt und arbeitert in Antwerpen. Hier spricht er über die Verwandtschaft von Film, Polaroids und Malerei.

Polaroid-Fotos faszinieren mich. Wahrscheinlich, weil sie mich daran erinnern, wie ich male. Ich beginne mit der hellsten Farbe und gehe dann zu stärkeren Kontrasten über – so wie diese Instantbilder auch. Nicht wie Fotos kommen sie mir vor, eher wie eine Flüssigkeit, in der die Motive dann erscheinen. Unikate, deren Ergebnis an extreme Zufälle gebunden ist – man weiß nie genau, wie sich ein Polaroid entwickelt. Diesen Aspekt von Verlust und möglichem Scheitern schätze ich sehr.

Der Bezug aufs Ephemere findet sich auch in meinen Filmen, für die ich Ende der Achtzigerjahre das Malen vorübergehend aufgegeben hatte. Meine Gemälde hatten begonnen, mich zu ersticken, mir fehlte die nötige Distanz beim Sehen. Als mir ein Freund eine Super-8-Kamera schenkte, drehte ich drauflos, später auch auf 16- und 35-Millimeter-Kameras – alles vom Kurzfilm bis zum unvollendeten Spielfilm. Natürlich hatte ich mich schon vorher mit den Filmen professioneller Regisseure beschäftigt. Mit Hans-Jürgen Syberberg, der mit seiner Trilogie Ludwig II-Karl May-Hitler als erster Deutscher die kulturellen Wurzeln des Faschismus angepackt und mich gelehrt hat, dass man Geschichte träumen soll. Oder mit David Lynch, der wie Alfred Hitchcock eine physische Intelligenz fürs Filmemachen hat, mit dem Understatement spielt – auf der Suche nach dem, was unter der Haut liegt. Als würde man einem Maler bei der Arbeit zusehen – was er auch war, bevor er Filmregisseur wurde.

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Auch für mich sind die Parallelen zwischen beiden Genres groß: Wie beim Filmen nähert man sich auch bei der Malerei dem Bild Schritt für Schritt an. Ich brauche lange, bis ich überhaupt mit dem Malen beginne. Und dann oft übermale, wegmale. Ein Prozess fast wie beim Filmschnitt. Das Filmen hat mich auch Vorsicht gelehrt – vor der Macht des Bildes, vor der Macht, die Bilder produziert. Ich empfehle grundsätzliches Misstrauen gegenüber Bildern. Oft findet man dadurch einen Widerhaken, der einem einen guten Einstieg beim Betrachten bietet.

Der Amerikaner Christopher Williams etwa versucht mittels seiner Fotografien, Strukturen und Phänomene der sichtbaren Welt in ihrer Essenz zu erfassen. Sieht man genauer hin, werden Störelemente offensichtlich, die Williams bewusst einfügt und unsere Wahrnehmung subtil verändern (New York, Museum of Modern Art, bis 12. Mai). Auch der belgische Maler Jan van Imschoot mischt in seinen Arbeiten verschiedene Schichten und Referenzen – von der religiös motivierten Anbetung des menschlichen Körpers bis hin zu Erotik in Reinkultur. Bilder, die unaufhörlich um die vier Pole Religion, Irrsinn, Imagination und Verwandlung kreisen (Herford, MARTa, bis 27. Juli).

Dass diese Wandlungsfähigkeit auch für das eigene Überleben von großer Bedeutung sein kann, beweist der Chinese Ai Weiwei. Als Sohn eines der wichtigsten Nachkriegsdichter Chinas litten er und seine Familie sehr unter der Kulturrevolution. Er ist im Laufe seines Lebens schon unglaubliche Risiken eingegangen, etwa als Organisator der ersten Ausstellung zeitgenössischer chinesischer Kunst in Shanghai und Peking. Halb illegal war das damals und ein Schock für die Leute. Heute ist Ai Weiwei nicht nur einer der wichtigsten Vertreter der chinesischen Gegenwartskunst, sondern auch als Immobilienentwickler, Architekt und Kurator wichtig. Eine sehr intelligente Person voller Energie – so wie seine Kunst (New York, Mary Boone Gallery, bis 26. April). Obwohl eigentlich schon tot, weil 1000-fach gezeigt und gesehen: Die Bilder von Mark Rothko begeistern mich immer noch. Ich setze mich einfach davor, befrage und genieße sie (München, Hypo-Kunsthalle, bis 27. April).

Und manchmal gehe ich – egal, was gezeigt wird – einfach in Museen, weil mich interessiert, wie Künstler auf Räume reagieren. Etwa den Palais des Beaux Arts in Brüssel, entworfen von dem belgischen Jugendstil-Architekten Viktor Horta. Oder das Museum der Schönen Künste in Gent, ein Werk von Charles Van Rysselberghe, eines Bruders des Malers Theo. Er hat Ausstellungsräume auf Menschenmaß geschneidert, Anordnung und Schnitt öffnen immer wieder neue, interessante Blickwinkel. Nicht zu vergessen das Pergamonmuseum in Berlin, die Mutter aller Museen. Da geht es nicht mehr nur ums bloße Ausstellen der Antike – hier wird eine Epoche zelebriert.

Und wenn ich es einmal nicht ins Museum schaffe? Auf keinen Fall lasse ich dann Musik laufen – ich habe noch nie eine Platte gekauft. Auch Radio höre ich nie. Lieber gehe ich ins Kino oder lese ich ein Buch. Ich will ja nicht total verblöden.

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