Schon gehört?: Balsam für die Seele

Schon gehört?: Balsam für die Seele

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Truls Mork - norwegischer Cellist

Der norwegische Cellist Truls Mork über die besten Konzerte für sein Instrument – und seine Liebe zu Alter Musik.

Das Konzert für Violoncello und Orchester ist die letzte Komposition, die Antonin Dvorak während seines dreijährigen Aufenthaltes in den Vereinigten Staaten (1892–1895) geschaffen hat: ein Dokument der Sehnsucht und der Wehmut, mit böhmischen Heimweh-Melodien und naturhaften Klangfarben, ein expansives symphonisches Meisterwerk von heroischer Größe, voller Wucht und Intimität, Wärme und Tiefe, sich verströmender Melancholie. „Wenn ich nur gewusst hätte, dass ein solches Violoncellokonzert geschrieben werden kann“, sagte Johannes Brahms, als er es hörte: „Ich hätte selbst versucht, eines zu komponieren.“

Für mich ist das Dvorak-Konzert nicht nur (irgend-)ein Meisterwerk, sondern der revolutionäre Wendepunkt schlechthin in der Geschichte des Cellos als konzertantes Soloinstrument. Tatsächlich hat uns Dvorak eine ganz neue Sicht auf die Möglichkeiten des Instruments geschenkt. Vor ihm galt das Cello als nicht kraftvoll, eigenständig und selbstbewusst genug, um sich einem Orchester gegenüber behaupten zu können, auch klangfarblich, als Streichinstrument der mittleren bis tieferen Lage, wurde ihm keine solistisch herausragende Bedeutung im romantischen Sinne zugetraut. Sicher, Luigi Boccherini und Joseph Haydn haben im 18. Jahrhundert galante Cello-Konzerte geschrieben und Ludwig van Beethoven ein Triple-Konzert für Klavier, Violine und Cello (1805). Aber noch Robert Schumann musste sich selbst attestieren, „kein Konzert für Virtuosen“ verfasst zu haben (1850), und auch Peter Tschaikowsky versuchte sich an einem Cello-Konzert, um dann doch „nur“ die Rokoko-Variationen (1876) zustande zu bringen.

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Erst mit Dvorak änderte sich alles, nicht zuletzt die Zahl der Stücke, die für das Cello geschrieben wurden. Anders als im Falle der Violine, des Klaviers, der Trompete oder Klarinette sind die Klassiker unter den Cello-Konzerten erst im 20. Jahrhundert geschrieben worden, also ohne Dvorak nicht denkbar. Dabei denke ich vor allem an die Werke von Sergej Prokofjew, Dimitri Schostakowitsch, Edward Elgar und Benjamin Britten.

Benjamin Britten ist für mich einer der wenigen ganz großen Meister der musikalischen Moderne. Es ist für mich völlig unverständlich, dass seine Musik, abgesehen vielleicht von den Opern, zumal außerhalb seiner britischen Heimat so stiefmütterlich behandelt wird. Seine Sonaten gehören zum Dichtesten und Wichtigsten, was je fürs Cello geschrieben wurde. Davon war auch Ingmar Bergman überzeugt, der kürzlich verstorbene Meister-Regisseur aus Schweden. Es gibt zwei Szenen in „Fanny und Alexander“, die Bergman mit Ausschnitten aus Brittens zweiter und dritter Sonate unterlegt. In einer Szene sitzt, nach einer sehr emotionalen Passage, eine alte Frau in einem kargen Zimmer, still und bewegungslos, und draußen vor dem Fenster regnet es... Es ist ein Moment ungeheurer Intensität, ein kurzes Innehalten, ein Bild von absoluter Präsenz und totaler Gegenwärtigkeit, bei dem buchstäblich der Ton des Cellos die Musik macht: Ohne ihn ist diese erschütternde Szene nicht denkbar.

Vielleicht, weil ich beruflich so oft in der musikalischen Moderne unterwegs bin, halte ich mich beim privaten Musikhören besonders gerne in älteren Zeiten auf. Die Hamburger Sinfonien von Carl Philipp Emanuel Bach etwa gehören in ihrer erfrischenden Turbulenz, mit ihren schroffen Brüchen und dramatischen Steigerungen zur aufregendsten Musik, die ich kenne – man höre nur die Einspielung des Freiburger Barockorchesters. Ganz im Gegensatz dazu kann ich mich stundenlang in Madrigale aus dem 16. Jahrhundert versenken, mehrstimmige Vokalmusik nichtsakralen Inhalts, von Claudio Montverdi und besonders von Gesualdo. Es ist eine Musik, die mich in eine meditative Stimmung versetzt, die mir gut tut, ja: die Balsam ist für meine Seele. Unter den Dirigenten, die Alte Musik einspielen, bevorzuge ich Philippe Herreweghe, dem mit dem Collegium Vocale Gent so schlanke wie elegante Aufnahmen gelingen.

Doch zurück zur Gegenwart: Wer einmal etwas Neues entdecken möchte, sollte es mit Kurt Atterberg versuchen, dessen wunderbares Cello-Konzert ich jüngst eingespielt habe und dessen Sinfonien in mustergültigen Interpretationen von Ari Rasilainen und der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz vorliegen. Oder er sollte nach Aufnahmen mit Musik von Haflidi Hallgrimsson fahnden, meiner Meinung nach einer der ganz großen Gegenwartskomponisten aus dem Norden.

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