Schon gehört?: Den Zweifel überwinden

Schon gehört?: Den Zweifel überwinden

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Der Schweizer Autor und Künstler Dieter Meier, der vor allem durch sein Musik-Projekt "Yello" berühmt wurde.

Ob Kunst, Literatur, Film, Musik oder Wein – Universalkünstler Dieter Meier sucht die formale Innovation. Meier wurde bekannt als eine Hälfte des Elektronik-Popduos Yello. Meier ist auch als Unternehmer erfolgreich: Er ist an einem Hersteller von Mischpulten beteiligt und betreibt in Argentinien eine Rinderfarm und ein Weingut.

Ein Berufener der Kunst bin ich nicht; lange habe ich versucht, dem Beruf des Künstlers auszuweichen. Ich habe Jura studiert, habe gemerkt, dass das nichts für mich ist. Dann habe ich in einer Bank gearbeitet und festgestellt, dass ich für bürgerliche Bahnen ungeeignet bin – ohne jedoch mich berufen zu fühlen, als Musiker oder Schreiber oder Filmemacher aktiv werden zu müssen. Eine Person, deren Tun mich dazu ermutigt hat, dass ich mich künstlerisch betätige, war der Schweizer Schriftsteller Robert Walser. Bei ihm ist alles in der Sprache transparent. Selbst wenn er Romane schreibt, ist er keiner, der mit Sprache nach Realität wirft, um sie abzubilden. Er erfindet Sprache. Der Inhalt ist für ihn allenfalls so wie für eine Oper das Libretto. Walser könnte über einen Baum oder eine Frau, die sich auf eine Parkbank setzt, einen längeren Aufsatz schreiben. Für mich ist es wichtig, Zweifel und Unsicherheit einzubringen, diese dann aber auch zu überwinden. Ich könnte nie von Lösungen sprechen, könnte nie so überzeugt sein vom eigenen Schaffen, wie es einige Maler sind.

Was mich darüber hinaus interessiert, ist die formale Veränderung. Die Erzählweise, mit der beispielsweise auch junge Regisseure ihre Filme drehen, ist oft handwerklich perfekt, aber auch eine Enttäuschung. Die orientieren sich sehr oft am Mainstream. Ich möchte das nicht schlecht machen, aber Geschichten um der Geschichte willen interessieren mich nicht. Ich würde zum Beispiel nie einen Krimi lesen, um zu erfahren, wer der Mörder ist. Ich beschäftige mich gerne damit, wenn die Sprache spannend ist. Ich muss da zurückgehen bis zu Dashiell Hammett aus den Vierzigerjahren, um das zu finden.

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Auch in der Kunst kehre ich stets zu den alten Meistern zurück. Ich unternehme immer wieder Pilgerreisen zu Goya und Rembrandt. Die Selbstporträts von Rembrandt gehören zu den wenigen Bildern, die mich emotional berühren. Ansonsten ist für mich Bildbetrachtung etwas sehr Kopflastiges, im Gegensatz zur Musik.

Die Musik, mit der ich aufgewachsen bin, das Schlüsselerlebnis meiner Jugend, das ist der Jazz. Es gibt Dinge, die helfen einem Heranwachsenden, sich selbst zu entdecken, und dazu zählt in meinem Fall der Cool-Jazz. John Coltrane, Thelonious Monk, Eric Dolphy, oder Sonny Rollins. Das war für mich der erste Ausdruck von Befreiung in der Kunst, von der ich mich angesprochen fühlte. Geradezu süchtig, habe ich diese Musik gehört. Schule geschwänzt und im Plattenladen dieser Musik in Kabinen gelauscht. Der aktuelle Jazz aber sagt mir nicht mehr viel. Der Jazz durchläuft wie jede Kunst Phasen. Es gibt die Zeit des Aufbruchs und die der Perfektionierung, aber diese Phase verfolge ich kaum. Ich interessiere mich für Brüche und Charakter.

Es gibt viele sehr gute Virtuosen, aber die Einmaligkeit entsteht dadurch, dass sich der Künstler findet. Zu meinen Gesangsfavoriten gehört der junge Pavarotti, den ich in dem Segment „Belcanto“ absolut genial finde. Es klingt wie ein Klischee, das zu sagen, aber er hatte eine Leichtigkeit und einen Gesangswitz, wie sie diese Literatur verlangt. Bei den Rocksängern ist es Jim Morrison, der mich am meisten beeindruckt. Die Doors waren keine Wahnsinnskapelle, aber Morrison war ein außergewöhnlicher Sänger, weil er sehr individuell und mit großer Wahrhaftigkeit seine Stücke gesungen hat. Man kann sagen, dass er seine Identität in seiner Stimme getroffen hat. Morrison singt Lieder nicht einfach, er ist das Lied. Eine Ikone der Exzentrik ist natürlich auch Glenn Gould, der auf die Frage, warum er ein bestimmtes Stück nicht spielen wolle, antwortete, dass das von Arthur Rubinstein so gespielt worden sei, dass er dem nichts hinzufügen könne.

Regisseure am Theater sollten es hingegen nicht übertreiben. Wer sich zu sehr vom Ausgangtext entfernt, sollte lieber gleich eigene Stücke schreiben. Der Schweizer Theaterregisseur Christoph Marthaler ist einer, der es gut macht: Er hält sich bei den klassischen Stücken trotz eigener Handschrift recht eng an die Vorlage. Wenn der ausgebildete Musiker Marthaler Kapriolen machen will, dann baut er seine eigenen Geschichten zusammen.

Aber der Mensch lebt nicht nur von der Kunst allein. Lassen Sie mich deswegen auch noch einen guten Tropfen empfehlen, der Charakter besitzt, der eine solche Persönlichkeit darstellt, wie ich sie auch beim Wein schätze: den Tokaji Aszú vom ungarischen Weingut Szepsy.

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