Schon gelesen?: Gewalt in schönen Worten

Schon gelesen?: Gewalt in schönen Worten

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Buch, 64, ist ein Grenzgänger zwischen Journalismus und Literatur. Der promovierte Germanist veröffentlichte Romane, Reportagen und Essays. In den Neunzigerjahren berichtete er vor allem aus den afrikanischen Krisengebieten. Jetzt ist bei Eichborn sein Roman „Sansibar Blues oder Wie ich Livingstone fand“ erschienen.

Der Journalist und Schriftsteller Hans Christoph Buch über den Trost der Klassiker in Zeiten des Krieges.

Journalismus und Literatur sind enge Verwandte. Und doch gibt es einen wichtigen Unterschied: Der Reporter muss sich – bei allen fiktiven Elementen, derer er sich bedient – an die äußere Wirklichkeit halten. Was er sagt, muss objektiv nachprüfbar sein. Der Romancier hingegen kann seine Fantasie spielen lassen, er kann Figuren erfinden, Zeiten und Räume frei verknüpfen. Vor allem: Er kann seine Obsessionen in den Text einfließen lassen. Der Roman ist seinem Wesen nach amoralisch. Er gestattet dem Autor, auch fragwürdigen, womöglich perversen Regungen zu folgen. Man könnte sogar sagen, es sei seine spezifische Aufgabe, die dunklen, verschwiegenen Winkel der Seele auszuleuchten.

Dazu gehört nicht zuletzt auch die Faszination durch Gewalt. Diese – negative – Faszination hat mich, neben Neugierde und Abenteuerlust, immer wieder in die Krisen- und Kriegsgebiete dieser Welt geführt, nach Liberia, Ruanda, Tschetschenien oder Haiti. Gewiss spielt dabei auch das Erbteil meiner Vorfahren eine Rolle. Mein Großvater ließ sich als Apotheker in Haiti nieder, mein Vater war Diplomat, ich selbst bin im Ausland aufgewachsen. Hinzu kam der frühe literarische Impuls, Erfahrungen zu machen, die man am Schreibtisch nicht gewinnen kann. Was Krieg ist, kann man eigentlich nur verstehen und beschreiben, wenn man ihn aus der Nähe erlebt. Das zeigen schon die Beispiele der Weltliteratur: Leo Tolstoi, der als junger Autor in den Kaukasus ging, um über den Aufstand der Bergvölker zu berichten, oder Graham Greene mit seinem großen Roman über den Vietnamkrieg: „Der stille Amerikaner.“

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Warum ein Autor die Grenzsituation des Krieges sucht? Nicht zuletzt, um etwas über sich selbst herauszufinden. Über das Wechselspiel von Mitgefühl und Distanz, von Engagement und Zynismus, von Kaltblütigkeit und Trost. Merkwürdigerweise fielen mir angesichts der Schrecken des Krieges immer wieder klassische Texte ein, Sophokles’ „Antigone“, die es gegen den Willen Kreons als ihre Pflicht ansieht, den als Staatsfeind verfemten Polyneikes zu begraben: „Kein Fremder war’s, es starb ein Bruder mir.“ Diesen unbestatteten Bruder habe ich in Haiti oft gesehen, während des Bürgerkrieges, als die Toten zur Abschreckung tagelang liegen blieben. Oder Goethes „Faust II“: „Das Unbeschreibliche, hier ist’s getan“ – eine Wendung, die viel näher an der Wirklichkeit des Krieges ist als jede Reportage.

Klassische und zeitgenössische Literatur

Goethe, dessen Gesamtausgabe im Regal meines Vaters stand, gehört zu meinen frühen, prägenden Leserlebnissen. Nach meiner Rückkehr aus den Kriegsgebieten habe ich ihn mit ganz neuem Interesse gelesen, zum Beispiel die „Iphigenie“, ein Drama über die finstersten Seiten der Menschennatur – geschrieben in einer schwebend leichten Sprache, deren Schönheit und Musikalität in der deutschen Literatur nie wieder erreicht worden ist. Ein anderes Vorbild wurde für mich Franz Kafka. Als ich ihn mit 16 kennenlernte, war ich so gebannt, dass ich anfing, Kurzgeschichten in seinem Stil zu schreiben. Inzwischen erkenne ich bei ihm auch Hinweise auf den Kolonialismus. Nicht nur in seiner Erzählung „In der Strafkolonie“, sondern auch in einem weniger bekannten Fragment mit dem Titel „Der Jäger Gracchus“, wo von einem lebenden Toten die Rede ist, der nicht zur Ruhe kommt und immerzu auf das Bild eines Buschmanns blickt, der mit einem Speer auf ihn zielt.

Glücklicherweise mache ich immer wieder Entdeckungen. Dazu gehören auch aktuelle Bücher, zum Beispiel „Ararat – Pilgerreise eines Ungläubigen“ von dem niederländischen Autor Frank Westerman, ein Buch an der Grenze zwischen Journalismus und Literatur. Es beschreibt eine Reise zum Berg Ararat, wo der Überlieferung nach die Arche Noah gestrandet sein soll, berichtet von religiösen Fanatikern, die nach Überresten der Arche suchen, und geht der alten Gretchenfrage „Wie hältst du’s mit der Religion“ auf eine so originelle Art nach, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen will – ein großartiger Autor. Dann „Shanghai fern von wo“ von Ursula Krechel, ein sorgfältig recherchierter Roman über die Geschichte der aus Nazideutschland nach Shanghai emigrierten Juden. Schließlich Gerd-Peter Eigners Roman „Die italienische Begeisterung“. Gleich der erste Satz enthält die ganze Geschichte: Dass die Frau des Ich-Erzählers zeitlebens einen anderen geliebt hat, seinen Jugendfreund. Es ist ein Buch über Ehe und Liebe – eine schonungslose Beichte und Selbstanklage, in der der Kampf der Geschlechter, in der Tradition August Strindbergs, noch einmal ausgetragen wird.

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