Schon gelesen?: Jenseits der Ideologien

Schon gelesen?: Jenseits der Ideologien

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Der Germanist und Schriftsteller Peter Schneider

Peter Schneider über die Kunst, elegant zu unterhalten und zur Erkenntnis zu verführen.

Die Form eines literarischen Textes ergibt sich aus dem Stoff, der ihm zugrunde liegt. Das habe ich gerade wieder bei der Arbeit an meinem Buch über die 68er-Bewegung erfahren. Es ist ein Zwitter geworden, eine autobiografische Erzählung mit reflektierenden Passagen. Diese Form hat sich wie von selbst aus der Absicht ergeben, eine persönliche Geschichte über eine Rebellion zu schreiben, deren Protagonist eine halbe Generation gewesen ist.

Darin liegt, glaube ich, eine der Stärken der Literatur: Sie kann die Bruchstellen offenlegen, an denen ein Generationsschicksal in das individuelle Schicksal eingreift, kann zeigen, wie die Geschichte eines Einzelnen das Geschick einer Gruppe mitbestimmt. Dafür gibt es großartige Beispiele in der Literatur – Anton Tschechow, Gustave Flaubert, Stendhal. Im deutschen Sprachraum denkt man sofort an  Georg Büchner, den so unbegreiflich früh Vollendeten, den ich zuerst als Schüler las – seinen „Woyzeck“, dann sein Revolutionsdrama „Dantons Tod“.

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Am stärksten beeindruckt hat mich seine Erzählung „Lenz“. Das Sprunghafte des Erzählstils, der die verstörte Wahrnehmung des Dichters Lenz sichtbar macht, hat auch meine eigene frühe Erzählung „Lenz“ geprägt. Manchmal wirkt die Lektüre großer Autoren auch unbewusst nach. So habe ich erst durch den Hinweis einer englischen Doktorandin entdeckt, dass meine Erzählung „Der Mauerspringer“ an das Erzählverfahren erinnert, das E.T.A. Hoffmann in seinen „Serapionsbrüdern“ anwendet. Ich hatte beim Schreiben nicht an Hoffmann gedacht, ihn aber mit 13, 14 Jahren verschlungen. Das Romantisch-Groteske hatte es mir angetan, das Prinzip der Kettengeschichte – wenn ein paar Freunde zusammensitzen, einander eine unheimliche Geschichte über einen Fremden erzählen und plötzlich die Tür aufgeht, ein Windzug hereinweht und ein Fremder eintritt, sich zur Runde setzt, zuhört und die nächste Geschichte erzählen wird.

Ansonsten fühle ich mich zur angelsächsischen Literatur hingezogen, zu der Verabredung, den Leser elegant zu unterhalten und zu Erkenntnissen zu verführen, anstatt ihn durch Predigten und Imponiergehabe zu beeindrucken. Beispiele? Oscar Wilde und George Orwell. Was die Gegenwart betrifft, halte ich die amerikanische Literatur für die lebendigste unserer Zeit. Philip Roth ist zweifellos der größte lebende Autor. Dass er noch nicht den Nobelpreis erhalten hat, ist ein Skandal. Auch E.L. Doctorow, Tobias Wolff, Paul Auster und Siri Hustvedt schätze ich. Erstaunlich ist immer wieder, wie unerschrocken die amerikanische Literatur der Realität zu Leibe rückt, etwa Don DeLillo mit seinem Roman „Falling Man“ über den 11. September.

Was mir so gut gefällt an den amerikanischen Autoren: ihre Bescheidenheit und Kollegialität. Ein experimenteller Autor wie William H. Gass stört sich nicht im Geringsten am Erfolg des vergleichsweise konventionell erzählenden Philip Roth, er bewundert ihn. Umgekehrt hat Roth größten Respekt vor dem sperrigen Kollegen aus St. Louis. Amerikanische Schriftsteller machen kein ideologisches Programm aus ihrer Art zu schreiben. Und keiner spreizt sich auf als Genie. Warum? Weil sich das in den USA nicht gehört, erst recht nicht für die Arrivierten. Als ich Arthur Miller in den Neunzigerjahren durch Berlin führte, habe ich einen leise auftretenden, sehr weisen und zugleich kämpferischen Mann kennengelernt. Er hatte nicht eine Spur von Dünkel.

Mit zunehmendem Alter greife ich immer öfter zu Büchern von Autoren, die ich schon gelesen habe. Zum Beispiel von Albert Camus. Oder von dem eben verstorbenen Alain Robbe-Grillet. Auch Henry Miller will ich mir noch mal vornehmen, um zu überprüfen, ob meine frühe Begeisterung hält. Unangefochten auf seinem Thron der spöttischen Weisheit bleibt Heinrich Heine. Nach wie vor bin ich ein Fan von Hans Magnus Enzensberger, obwohl ich nicht alle seiner Fluchten und Kehrtwendungen nachvollziehen kann.

Mit Neugier und Freude lese ich auch Herta Müller, Monika Maron, F.C. Delius, Hans Joachim Schädlich, Gert Loschütz und die Geschichten von Julia Franck. Das Schlimme ist: Man hat so viel zu tun, die Bücher der Freunde zu lesen, dass die vielleicht wichtigeren der vielen anderen, denen man nicht Rede und Antwort stehen muss, im Stapel der ungelesenen Bücher nach unten wandern. Jedenfalls freut es mich, dass die jungen Autoren keiner der vielen Theorien, wie man heute schreiben müsse, folgen. Ich halte das für ein Zeichen von Vitalität.

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