Schon gelesen?: Keine Angst vor Liebe

Schon gelesen?: Keine Angst vor Liebe

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Alexa Hennig von Lange lebt mit ihrer Familie in Berlin. Sie schreibt Romane, Theaterstücke und Erzählungen

Die Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange über Literatur als Schule der Frauen.

Literarische Erziehung ist existentiell wichtig – sie kann gar nicht früh genug beginnen. Deshalb kann ich von Glück sagen, Eltern zu haben, die in meiner Kindheit so gute Vorleser waren. Meine Mutter las uns Geschwistern jeden Abend eine Stunde lang vor, ruhig, flüssig und mit spannungsvollen Phrasierungen. So wurden wir schon früh in imaginäre Welten hineingezogen und lernten, dass Literatur etwas sehr Lebendiges ist. Meine Mutter suchte Bücher aus, die spannend waren und uns Kinder mit unseren latenten Ängsten konfrontierten. Dazu gehörten natürlich auch die klassischen Märchen von Waisen, die von ihren Eltern verstoßen wurden und herausfinden mussten, wer sie waren und wo ihr Platz im Leben sei. Fragen, die wir uns unterbewusst längst selber gestellt hatten.

Später hörten wir Romane: „Tom Sawyer“, „Oliver Twist“, „David Copperfield“ oder „Moby Dick“. Ich erinnere mich noch gut, wie meine Mutter Theodor Storms „Der Schimmelreiter“ vorlas oder „In Nacht und Eis“, Fridtjof Nansens Bericht über seine Nordpolexpedition. Unsere Eltern achteten sehr darauf, dass wir die richtigen, unserem Alter und unserem Charakter entsprechende Literatur lasen. In der Pubertät waren das bei meiner Schwester Bücher über schwierige Frauenschicksale, etwa Emily Brontës „Sturmhöhe“ oder Fontanes „Effi Briest“, während ich die amerikanische Literatur der Sechziger- und Siebzigerjahre kennenlernte: J. D. Salingers „Der Fänger im Roggen“ oder „Jack der Bär“ von Dan McCall – Bücher, die aus der Perspektive von Jungen geschrieben waren. Trotzdem, auch mich haben – durch den Einfluss meiner Mutter und Großmutter – Bücher über das Leben von Frauen in einer männlich dominierten Welt beschäftigt. Dahinter steckte eine pädagogische Absicht: Mutter und Großmutter wollten uns ein möglichst selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Das hieß für sie, nicht zu früh zu heiraten und eigenes Geld zu verdienen. Literatur verstanden sie als Schule des Lebens. Als kritischen Spiegel, in dem man das eigene Leben reflektiert.

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Letzteres gilt für mich heute noch. Jeder erlebt Fragmente seines eigenen Lebens, wenn er liest. So ist es mir auch mit Sylvia Plath gegangen. Ihr Roman „Die Glasglocke“, die Geschichte einer Collegestudentin, die nach New York kommt, für eine Frauenzeitschrift arbeitet, weil sie ein Stipendium ergattert hat, und am Ende in einer Nervenheilanstalt landet, ist unerreicht: beklemmend und klug, sprachlich extrem reduziert und ironisch. So liebe ich es: pointiert und ohne überflüssigen Firlefanz. Deshalb mag ich auch Charles Bukowski. Man darf sich bei ihm allerdings keine Geschmacksfragen stellen. Dann tritt man demütig zurück vor dieser geradezu klassischen Prosa. Wie er mit wenigen Worten so brillante und luzide Bilder heraufzubeschwören vermag – das ist großartig. Ähnliches gilt für Max Frisch. Er beschreibt mit zwei Sätzen den Lichteinfall an einer Straßenecke in New York, und sofort weiß der Leser, wie der Romanfigur zumute ist. „Montauk“ oder „Der Mensch erscheint im Holozän“ sind Meisterwerke von gleichsam grafischer Genauigkeit, sehr sparsam im Stil, fast mathematisch im Aufbau. Seine Romane „Homo faber“ und „Stiller“ hingegen habe ich weggelegt, sie waren mir zu gewollt, zu erzählerisch, zu oberlehrerhaft.

Genauso allergisch reagiere ich inzwischen auf eine Art von Literatur, die Frauen vor allem als an der Welt leidende und ihren Gefühlen ausgelieferte Wesen darstellt. Ich habe bestimmt nichts gegen Emotionalität, aber in metaphernselig ausufernden Romanen kann ich mich nicht wiedererkennen. Ich glaube, dass es an der Zeit ist, andere Frauenfiguren zu entwerfen. Frauenfiguren, die keine zartfühlenden oder tölpeligen Opfer sind und dem bei Leserinnen weitverbreiteten Bedürfnis nach Beistand und Trost gerade nicht entgegenkommen. Zumindest in meinen Jugendbüchern habe ich es versucht mit Protagonistinnen, die selbstironisch sind und einen starken Selbstbehauptungswillen zeigen, die keine Angst vor Liebe und Partnerschaft haben, die sich ins Leben stürzen und voller Vertrauen sind in sich und die andern. In ihrer großartigen Kurzgeschichte „Das Altern der Vernunft“ hat Simone de Beauvoir gezeigt, wie eine Vision des Zusammenlebens zwischen Mann und Frauen aussehen kann: Da erzählt sie von einer alternden Schriftstellerin, die sich mit ihrem Ehemann, einem Wissenschaftler, auseinandersetzt über ihre Arbeit und ihre Beziehung – und wie beide einander gleichzeitig mit enormer Fürsorglichkeit und Liebe begegnen.

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