Schon gelesen?: Opfer des Kanons

Schon gelesen?: Opfer des Kanons

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Ernest Hemingway in Venedig.

Der Schriftsteller Clemens Meyer über Geschichten von Liebe, Freundschaft und Verrat.

Alles, was ich bisher geschrieben habe, ist in Leipzig entstanden. Hier bin ich groß geworden, hier habe ich 29 Jahre meines Lebens auf wenigen Quadratkilometern verbracht. Früher kam es mir sogar vor, als sei mein Viertel eine Art Bergbau, mein Claim, wo ich schürfte und meine Stoffe fand, direkt vor der Haustür. Das ist inzwischen anders geworden. In meinem neuen Buch „Die Nacht, die Lichter“ gibt es auch Geschichten und Figuren, die nichts mit Leipzig zu tun haben. Entscheidend ist für mich immer die Story, die Entwicklung einer Geschichte, ihre Dramaturgie. Sobald ich merke, dass ein Autor den Plot zugunsten eines möglichst geschliffenen Stils vernachlässigt, hat er mich verloren.

Vielleicht bin ich da durch frühe Leseerfahrungen geprägt. Schon als Zehnjähriger habe ich die Lederstrumpfgeschichten von James Fenimore Cooper verschlungen. Dann Robert Louis Stevenson: „Die Schatzinsel“, „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, „Der Schwarze Pfeil“ oder „ Die Abenteuer des David Balfour“. Natürlich habe ich die Südsee- und Landstreichergeschichten von Jack London gelesen. Er war als Erzähler eine Art Steinmetz, seine Geschichten haben mich durch ihre Wucht beeindruckt. Regelrecht beeinflusst hat mich Ernest Hemingway mit seinen Kurzgeschichten und Prosastücken, wie sie stilistisch filigraner nicht sein könnten. Zum Beispiel „Eine Verfolgungsjagd“. Das ist die Geschichte eines Drogensüchtigen, der als Quartiermacher einer Zirkustruppe vorausreist, Hotelzimmer bucht und schließlich seinen Job verliert. Aus dieser Story habe ich sogar einzelne Sätze geklaut, zum Beispiel wie die Figur da in ihrer Paranoia in ihrem Zimmer liegt und sich unterm Bettlaken versteckt.

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Von Hemingway habe ich mehr gelernt als in meinem gesamten Studium am Leipziger Literaturinstitut. Deshalb kann ich mich nur wundern, wenn immer wieder in Rezensionen davon die Rede ist, mein Stil lasse die Leipziger Schreibschule durchschimmern. Ich habe am Leipziger Institut sicher einiges gelernt, aber bestimmt nicht, wie man schreibt. Der einzige deutsche Schriftsteller, der mich beeinflusst hat, war B. Traven mit seinen Abenteuerromanen „Das Totenschiff“ oder „Der Schatz der Sierra Madre“. Er hat seine Figuren unter Seefahrern, Holzfällern und Baumwollpflückern gefunden. Leider ist Traven der Kanonisierung der deutschen Literatur zum Opfer gefallen, die nur noch Hermann Hesse und Thomas Mann gelten lässt.

Überhaupt gibt es einige deutsche Autoren, die stark unterbewertet sind, zum Beispiel Werner Heiduczek. Sein Roman „Tod am Meer“, der 1977 in der DDR erschien und wegen angeblich antisowjetischer Tendenzen verboten wurde, ist eines der großen Bücher über die Zeit des Zweiten Weltkriegs und danach. Auch Ludwig Renn kennt heute kaum noch jemand. Sein Roman „Krieg“ ist ein durch und durch dokumentarisches Buch über den Ersten Weltkrieg im Stil der Neuen Sachlichkeit. Oder Arnold Zweig: „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ oder „Das Beil von Wandsbek“, die Geschichte über einen SA-Mann, der für ein Blutgeld vier Kommunistenführer eigenhändig enthauptet und daran zugrunde geht. Auch Ernst Jüngers Kriegstagebuch „In Stahlgewittern“ hat mich beeindruckt, vor allem die Darstellung des Kriegs als Naturereignis. Sein „Abenteuerliches Herz“ stand zu DDR-Zeiten im Regal meines Großvaters.

Das ist das Großartige an der Literatur: dass der Leser auf Reisen geht in fremde Welten, in denen er sich wiedererkennen kann. Die Armenviertel von Petersburg, die Dostojewski beschreibt, mögen uns unbekannt sein, aber weil es um Freundschaft, Liebe und Verrat geht, fühlen wir uns heute noch unmittelbar angesprochen. Ich glaube, die großen Romane der Weltliteratur sind deshalb so zeitlos, weil sie streng in ihrer Zeit angesiedelt sind. Ein Roman kann in längst vergangenen Epochen spielen, aber er muss den Bogen in die Gegenwart schlagen, um den Leser emotional zu erreichen. Darauf kommt es an: dass ich als Leser das Gefühl habe, es geht um mich. Dass die Lektüre in irgendeiner Weise Konsequenzen für mein Leben hat.

Das aber setzt voraus, dass der Autor mit seinem Herzblut schreibt, Nähe und Distanz zu seinen Figuren herstellt, sie eng führt und zugleich laufen lässt. Dann entstehen plastische Geschichten, wie wir sie von den Klassikern kennen, von F. Scott Fitzgerald, Hemingway und John Dos Passos. Oder von Zeitgenossen wie Denis Johnson. „Train Dreams“, eine Novelle von gut 100 Seiten, ist eine der besten Sachen, die ich je gelesen habe. Johnson hat Bilder geschaffen, die man so schnell nicht vergisst.

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