Schon gelesen?: Suche nach Wahrheit

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Bertholt Brecht: Freund des Sports und phänomenaler Dichter

Albert Ostermaier über Fußball, menschliche Abgründe und die Abenteuer der Poesie.

Sepp Herberger, der Fußballweise, hat auf die Frage, warum wir ins Fußballstadion gehen, denkbar einfach geantwortet: Weil wir nicht wissen, wie das Spiel ausgeht. Ähnliches gilt für die Literatur. Sie lebt von unerwarteten Finten und Überraschungsmomenten, von der Spannung bis zur letzten Seite, von der Möglichkeit, eine Geschichte am Ende doch noch einmal zu drehen. Gute Literatur ist unberechenbar. Oder wie Albert Camus, auch er ein Fußballfan und begeisterter Torwart, sagte: Der Ball kommt nie aus der Richtung, aus der man ihn erwartet.

Das habe ich erst jüngst wieder erlebt, als ich Cormac McCarthys neuen Roman „Kein Land für alte Männer“ las. Ich war beeindruckt von der Raffinesse, mit der McCarthy Perspektiven verschiebt und die Erwartungsmuster des Lesers konterkariert. Es ist ein Clou, wie er seinen Protagonisten völlig unvermutet beiseite schafft. Genau das ist es, was ich an Literatur so liebe: Plötzlich innehalten zu müssen, weil ich in meiner eingeübten Wahrnehmung gestört worden bin.

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Das kann uns auch passieren, wenn wir ein Buch nach Jahren wieder lesen. Wir wissen zwar noch, wie es ausgeht, aber unsere Perspektive, unsere Lesart hat sich verändert, weil unser Leben weitergegangen ist. So ist es mir etwa mit Franz Kafkas Roman „Der Prozess“ ergangen. Ich hatte ihn aus der Schulzeit als beeindruckend düsteres, bleiern schweres Buch in Erinnerung und entdeckte plötzlich seinen hellen, bösen Witz, seine Heiterkeit, seinen absurden Humor, seine Nähe zu Samuel Beckett.

Ich bin für einen Schriftsteller erst sehr spät zur Literatur gekommen. Eben durch die Schule, wo ich eine fantastische Deutschlehrerin hatte. Georg Büchners Revolutionsdrama „Dantons Tod“, das wir fast ein ganzes Schuljahr hindurch studierten, hat meine Wahrnehmung komplett verändert. Jeder Satz ist in mir explodiert. Ich lernte von Büchner, wie präzise und politisch Poesie sein kann. Später kam Thomas Manns „Zauberberg“ hinzu. Ich verstand den Roman zwar nicht richtig, aber die Figur des Settembrini, des Humanisten und Fortschrittsgläubigen, hatte meine volle Sympathie. Da war einer, der gegen alle Windmühlen dieser Welt kämpfte. Prägend für mich waren auch Ernst Tollers Autobiografie „Eine Jugend in Deutschland“, die ungeschminkt den Weg des Autors vom Kriegsbegeisterten zum führenden Kopf der Münchner Räterepublik und späteren Festungshäftlings nachzeichnet, außerdem Camus, vor allem mit seiner Erzählung „Der Fremde“, und Malcolm Lowry: „Unter dem Vulkan“ ist ein hypnotischer Roman, der die menschlichen Abgründe mit unheimlicher Genauigkeit ausleuchtet.

Es lohnt sich, darüber nachzudenken, warum die Autoren des Existenzialismus unserem Lebensgefühl wieder so nahe sind. Sie zwingen den Leser, sich, nach dem Untergang der großen Systeme und dem Wegfallen ideologischer Haltegriffe, neu zu verorten. In diesen Kontext gehört auch ein Autor wie Pierre Drieu La Rochelle, der die Extreme gesucht hat, weil er auf der Suche nach Wahrheit war. Sein 1931 erschienener Roman „Das Irrlicht“ ist eine andere Reise ans Ende der Nacht – und des menschlichen Lebens. Später verfiel er dem Faschismus. Am Ende des Zweiten Weltkriegs hielt er die Chronik seiner Irrtümer unerbittlich in seinem „Geheimen Tagebuch“ fest.

Warum lesen wir solche Literatur? Weil sie sich nicht mit dem Offensichtlichen zufriedengibt, sondern hinter die Fassade dessen blickt, was der Fall zu sein scheint. Weil sie das Chaos des Lebens nicht auflöst, sondern seine Gegensätze nebeneinander stehen lässt, um sie in Schwingung zu bringen. Weil sie keine mathematische Gleichung ist, sondern Gegenwelten entwirft und die Abenteuer der Wahrnehmung sucht. Literatur öffnet die Sinne. Dazu bedarf sie der Musikalität und des Rhythmus, auch der Verbindung zu filmischen Techniken. Arthur Schnitzler hat das in seiner Prosa perfekt vorgeführt: Er zeigt Totalen, Closeups und regelrechte Kamerafahrten. In der zeitgenössischen Literatur ist es vor allem der portugiesische Romancier António Lobo Antunes, der die Schnitttechniken des Films für die Literatur fruchtbar gemacht hat.

In der Lyrik schließlich muss Bertolt Brecht genannt werden. Auch er ein Freund des Sports und ein phänomenaler Dichter. Er hat die deutsche Sprache revolutioniert und befreit. Seine Gedichte sind einzigartig. Ihre Sprache hat die Kraft, sich die Wirklichkeit in ihrer ganzen Härte einzuverleiben und die Dinge des Lebens ohne poetische Verklärung zu benennen.

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