Schon gelesen?: Ungezügelte Fantasie

Schon gelesen?: Ungezügelte Fantasie

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Jörg Hilbert, Jahrgang 1965, hat Kommunikationsdesign studiert. Er schuf zusammen mit Komponist Felix Janosa die preisgekrönten Kindermusicals von Ritter Rost. Die neue Folge heißt „Ritter Rost und die Räuber“. Ebenfalls von Hilbert stammt die erfolgreich

Der Erfinder von Ritter Rost, Jörg Hilbert, über gehaltvolle Kinder-Hörbücher für lange Autofahrten in die Ferien.

Gute Bücher lese ich immer häppchenweise. Wenn ich merke, dass ein Buch mich fasziniert, verlangsamt sich mein Lesetempo unweigerlich. Ich versuche dann, die Worte zu genießen – so, wie man ein gutes Menü genießt: Bissen für Bissen, Gang für Gang. Und so, wie ich lese, formuliere ich auch meine Texte – das kann schon mal ein wenig dauern. Ich kürze, verwerfe, zweifle und verzweifle, bis im Idealfall jeglicher Fettanteil heraus ist und nur eine Art pointierte Essenz und ein paar Ballaststoffe zurückbleiben. Meine Entwürfe sind daher meist doppelt so lang wie die endgültige Fassung. Noch immer entwickeln sich meine Geschichten eher aus Situationen und Bildern als aus epischen Entwürfen. Selbst meine Neigung zu Reim und Wortwitz lässt sich wohl darauf zurückführen. Schließlich sind ja auch Worte nur Bilder – Bilder für Laute und Bedeutungen.

Kinder aber mögen solche Spielereien. Ihnen nur süße, mundgerechte Häppchen zu servieren, ist auf Dauer nicht gesund. Es dürfen ruhig ein paar Ballaststoffe dabei sein, damit die intellektuelle Verdauung ausreichend angeregt wird. Auch für Eltern ist es ein Segen, wenn sie nicht nur Bücher vorlesen oder CDs hören müssen, aus denen ihnen beständig zuckrig-klebrige Geschichten entgegentropfen. Sie können sich bei der Auswahl getrost auf ihr eigenes Urteil verlassen: Was Eltern selbst nicht runterbekommen, sollten sie auch ihren Kindern nicht vorsetzen. Wertvolle Kindermedien – ob Bücher, CDs, Filme, Computerprogramme – sind immer auch für Erwachsene ein Genuss.

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Zum Beispiel die Bücher von Erich Kästner. Natürlich sind auch seine Klassiker wie „Pünktchen und Anton“ oder „Emil und die Detektive“ lesenswert. Mir aber liegt ein anderes Werk am Herzen: Der 35. Mai, die Geschichte vom Jungen Konrad und seiner fantastischen Reise in die Südsee. Vermutlich Kästners unbekanntestes Kinderbuch – völlig zu Unrecht. Für mich ist es neben „Drei Männer im Schnee“ die herrlichste Geschichte, die Kästner geschrieben hat – weil hier seine Fantasie noch ungezügelt zum Vorschein kommt (als Hörbuch bei Oetinger).

Den Autor Paul Maar kennen vor allem Eltern von Grundschulkindern vermutlich durch seine Geschichten vom Sams. Mich begeistert besonders Der Buchstaben-Fresser. Eine originelle Geschichte, die auf einer grandiosen Idee basiert und Kinder schon im Vorschulalter wunderbar an die Möglichkeiten der Sprache heranführt (als Hörbuch erscheinen bei Igel).

Natürlich kommt man auch an Astrid Lindgren nicht vorbei. Ihre Geschichten schaffen es immer wieder, Leser und Zuhörer vom ersten Satz an zu verzaubern. Lindgrens aus meiner Sicht nach wie vor schönste, anrührendste und witzigste Urlaubsgeschichte ist Ferien auf Saltkrokan, weil sie die Urlaubserlebnisse einer schwedischen Familie aus der Sicht verschiedenster Personen ganz überzeugend erzählt (als Hörbuch bei Deutsche Grammophon).

Sehr überzeugt haben mich auch Die Spiderwick-Geheimnisse. Die gedruckten Bände sind zwar hinreißend illustriert, der Textanteil ist mir aber zu gering. Hier bevorzuge ich eindeutig das Hörbuch – zumal Sprecher Martin Baltscheit seine Sache ausgezeichnet macht (erschienen bei Audionauten).

Eine echte Entdeckung waren für mich die Bücher von Louis Sachar. Sowohl Löcher als auch Bradley – letzte Reihe, letzter Platz sind herrliche Bücher für ältere Kinder und Jugendliche, die überraschend viel Verständnis für eine Spezies entwickeln, die heutzutage schon fast als Randgruppe bezeichnen werden muss: heranwachsende Jungs. Meiner Ansicht nach ist es nötig, sie wieder stärker in ihren spezifischen Bedürfnissen ernst zu nehmen, und das tut dieser amerikanische Autor (als Hörbuch bei Beltz).

Schön dick und nichts für Realitätsfanatiker, aber für interessierte Jugendliche durchaus empfehlenswert ist Die Stadt der Träumenden Bücher. Ein fantastischer Roman von Walter Moers, voller überbordendem Ideenreichtum (Hörbuch Hamburg).

Urlaubsreifen Eltern empfehle ich zur eigenen Lektüre Jonathan Strange & Mr. Norrell – ein großartiger Wälzer von Susanna Clarke. Liest sich wie eine Mischung aus Tolstoi, Sherlock Holmes und Harry Potter. So richtig zum Durchfressen – sogar für mich.    

Hilbert, Jahrgang 1965, hat Kommunikationsdesign studiert. Er schuf zusammen mit Komponist Felix Janosa die preisgekrönten Kindermusicals von Ritter Rost. Die neue Folge heißt „Ritter Rost und die Räuber“. Ebenfalls von Hilbert stammt die erfolgreiche Schachschule „Fritz & Fertig“. Gerade ist die Audiofassung seines Kinderbuchs „Ratzefummel“ erschienen, im September folgt der Kinderroman „Die Pappenheimer“ (beides erschienen bei Terzio).

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