Schon gesehen?: Denkende Augen

Schon gesehen?: Denkende Augen

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Kolumba-Direktor Joachim Plotzek

Joachim Plotzek, Direktor des Kolumba-Kunstmuseums des Kölner Erzbistums, über Transzendenz und Kunst als Munitionskiste.

Was ist das Göttliche in der Kunst? Sie hat die spirituelle Qualität des Transzendierens, stößt an die Grenze des Darstellbaren. Sie schafft ein Bewusstsein, dass hinter dieser Grenze etwas zu erwarten ist. Ob man an dieser Grenze Halt macht oder sie gedanklich überschreitet und glaubt, bleibt jedem überlassen. Kunst ist das Angebot, sich über diese Grenzen Gedanken zu machen – eine Munitionskiste auf Meta-Ebene. Ob alt oder zeitgenössisch: Die Kunst stellt epochenübergreifende Fragen – nach Leben und Tod, Liebe und Trauer, Leid und Hoffnung.

Fragen, wie etwa Paul Thek sie sich stellt. Für ihn sind Mythen für das Verständnis von Wirklichkeit wichtiger als die Wissenschaft. Er formt ein Abbild des Fleisches, das in seiner Ambivalenz zwischen lebensspendender Materie und Verletzlichkeit bewusst macht, wie Gegenwärtigkeit und Überkommenes zusammenhängen, was Materie oder Bild von Materie sein können. Er schafft es mit einfachen Mitteln, den Betrachter für die Grenzen des Erlebens zwischen irdischer Wirklichkeit und spirituellem Raum zu sensibilisieren (Karlsruhe, ZKM, bis 30. März).

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So wird das Museum zu einem Ort des Innehaltens, der Nachdenklichkeit, des sich Bewusstwerdens. „Mit den Augen denken“ hat Paul Cézanne diesen Zustand beschrieben – als ein Ineinandergreifen sinnlicher Wahrnehmung. Bilder brauchen keine Schilder. Es geht nicht darum, Kunst zu verstehen. Ich will Kunst schmecken, riechen, hören. Anstatt nach vorgegebener Information zu suchen, sollte man sich ansprechen lassen von Bildern und Objekten und erst dann eintreten in eine intellektuelle Auseinandersetzung. Die Gedanken, sagte schon Martin Heidegger, kommen zu uns. Sich anrühren und anfassen lassen – das ist der Kern des Kunsterlebens.

Zu den Künstlern, die mich in diesem Sinne berühren, gehört Hans Josephsohn . „Es war mein Glück, dass ich nicht als 37-Jähriger, sondern jetzt, als 87-Jähriger, entdeckt wurde“, sagt der Bildhauer. Zu Recht: Sein Werdegang zeigt, wie sich ein künstlerisches Werk über sieben Jahrzehnte in Abgeschiedenheit und logischer Stringenz entwickeln kann. Besonders beeindruckend: ein Besuch des Museums La Congiunta im Dorf Giornico am Fuße des Gotthard-Massivs, ausschließlich bestückt mit Arbeiten des Wahlschweizers. Ein strenger Bau, nur erhellt vom Tageslicht. Gerade in der Dämmerung ergeben sich immer wieder neue Blicke auf die Skulpturen. Ebenso sehenswert: Josephsohns zeichnerisches Werk. Starke, fast ungelenk erscheinende Arbeiten, die neue Perspektiven im Umgang mit Figuren eröffnen (Frankfurt, MMK, bis 6. April). Sie erinnern mich an Zeichnungen von Fritz Wotruba, der im sich verdichtenden, sich wiederholenden Strich Figuren sucht, den Körper zerlegt in abstrakte Bausteine. Das hat etwas ungemein Sinnliches (Duisburg, Lehmbruck Museum, bis 4. Mai).

Das gilt auch für das Fenster, das Gerhard Richter für den Kölner Dom entworfen hat. Ein kaleidoskopisches Glasgemälde, das in der Dämmerung intensive Farbigkeit erzeugt, bei starker Sonne aber zur Lichterscheinung wird, die alle Farben eliminiert. Das hat sehr viel mit Schöpfung zu tun – eine Ausstellung für die Ewigkeit. Ein ähnlich intensives spirituelles Ambiente erlebe ich auch in der Nürnberger St. Jakobskirche. Ein Sakralraum von spürbarer Intimität und Kunstwerken höchster Qualität. Skulpturen, Schnitzaltar, Glasmalerei schaffen einen magischen Ort, an dem man ungestört verweilen kann – ohne Eintritt zu zahlen.

Nicht versäumen sollte man in Nürnberg auch einen Besuch des Germanischen Nationalmuseums. Dort wird das Goldene Evangelienbuch von Echternach gezeigt, eine Handschrift des frühen Mittelalters, entstanden um 1040 (bis 30. März). Eine seltene Gelegenheit, dieses Hauptwerk mittelalterlicher Buchmalerei, Elfenbeinschnitz- und Goldschmiedekunst, aufgeblättert in seiner ganzen Pracht, vollständig zu betrachten. Eine Handschrift großen Formats, mit den vier Evangelien auf zum Teil purpurgetränkten Seiten, ausgeführt in Kalligrafien höchster Vollendung, teilweise geschrieben in Goldtinte auf kostbarem Pergament, geschmückt mit biblischen Szenen, Zierseiten, Schmuckbuchstaben, eingefasst von wertvollem Goldschmiedewerk aus dem frühen 11. Jahrhundert, geschmückt mit Edelsteinen und einer in Elfenbein geschnitzten Darstellung der Kreuzigung Christi. Ein Gesamtkunstwerk von betörender Pracht.

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