Schon gesehen?: Lug und Trug

Schon gesehen?: Lug und Trug

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Karin Kneffel

Künstlerin Karin Kneffel über Zweifel als Antrieb und Absurditäten des Alltags.

Manchmal fühle ich mich als Malerin wie ein Dinosaurier. In einer Zeit der Bilderflut, in der visuelle Kommunikation immer schneller abläuft, werden meine Arbeiten immer langsamer. Ich brauche zum Malen der Bilder immer mehr Zeit, mehr als 20 im Jahr entstehen selten. Aber es stand für mich nie zur Debatte, die Leinwand in die Ecke zu stellen und stattdessen Videos zu machen. Oder zu fotografieren. Die Kamera dient mir als Erinnerungsstütze, um Situationen oder Gegenstände festzuhalten, die für das, was ich später umsetzen will, nützlich sein könnten. Fotos wie auch Ausrisse aus Zeitschriften und Büchern dienen mir allenfalls als Hilfsmittel für meine Malerei. Ein wertvoller Fundus, der mit den Jahren auf viele Kisten angewachsen ist. Vorlagen, die ich immer wieder aus einem anderen Blickwinkel betrachte. Und brauche, um meine Motive zu finden. Oft merke ich erst später, welche Bedeutung diese Bilder für mich haben.

Dennoch haben meine Bilder für mich nichts mit Fotorealismus zu tun. Was ich male, gibt es auf Fotos so gar nicht. Dort finde ich nur Versatzstücke für meine Malerei, ohne die ich Einzelelemente im Bild nicht so präzise darstellen könnte, wie es mir wichtig ist. Ausgehend von diesen Vorlagen finde ich meine Motive letztlich erst beim Malen, über einen längeren Zeitraum formen sie sich aus. In der Kunst geht es um das Erzeugen eines Zweifels, um etwas, das man selber noch nicht ganz verstanden hat. Das ist mein Antrieb. Kunstwerke erzeugen einen Haltegriff, der im Moment des Zugreifens verschwindet.

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Mich reizt der Blick hinter die Kulisse, das Unbekannte. So wie ihn in dem Buch „Alice hinter den Spiegeln“ von Lewis Carroll ein kleines Mädchen gewagt hat – und in einer verkehrten Welt landet, die als Spiegel der eigenen Realität dient. Was man im ersten Moment auf meinen Bildern sieht, erscheint plausibel, ist aber Lug und Trug. Dazu muss man allerdings etwas länger hinschauen, um zu merken, dass nichts stimmt – weder das Licht noch die Schatten der Bäume oder die Perspektiven in einem Raum. Man kann sich selbst darin gar nicht richtig verorten. Es bleibt eine Ungewissheit.

Einen fast schon satirischen Blick auf die Welt hatte Dieter Krieg. Ein eigenwilliger Maler, den ich noch als Lehrer an der Akademie in Düsseldorf erleben durfte. Dem aber heute nicht die Wertschätzung zuteil wird, die er meiner Meinung nach verdient hätte. Dabei sind seine Darstellungen von Alltagsgegenständen, oft mit verbalen Zusätzen ergänzt, einfach grandios. In seinen wunderbaren Bildern öffnen sich mir Räume von Bedeutsamkeit und Sinnlichkeit, Tragik und Befremden. Krieg geht in seinen Bildern den Sachen auf den Grund – da fühle ich mich gut aufgehoben (Stuttgart, Galerie Klaus Gerrit Friese, bis 5. September).

Das trifft wohl auch auf Thomas Kapielski zu. In seinen absurden bildnerischen Objekten, greift er, oft auch mit Text verbunden, Alltägliches auf und ordnet die Welt neu. Manche Arbeiten sind sehr komisch (Zürich, Galerie Marlene Frei, bis 19. Oktober).

Diese Fragezeichen gibt dem Betrachter auch Monika Sosnowska auf. Die verwirrenden, begehbaren Raumskulpturen dieser polnischen Künstlerin fielen mir erstmals auf der letztjährigen Biennale in Venedig auf – damals hatte sie eine Stahlskulptur in einen Raum gezwängt. Sie beschäftigt sich mit der architektonischen Wirklichkeit und greift bewusst in diese ein. Es entstehen reale und gleichzeitig unwirkliche Räume – so wird das Äußere zum Inneren (Basel, Schaulager, bis 21. September).

Und obwohl ich eigentlich sein gesamtes Œuvre gut zu kennen glaube, komme ich natürlich auch an der großen Retrospektive von Gerhard Richter nicht vorbei. Ich freue mich immer, wenn ich da noch was Neues entdecken kann (Köln, Museum Ludwig, 18. Oktober bis 1. Februar 2009).

Unbedingt sehen will ich auch noch die Londoner Ausstellung mit Arbeiten von Cy Twombly, in der seine großen Werkzyklen gezeigt werden. An ihm hat mich immer beeindruckt, dass er jenseits von Moden arbeitete. So beschäftigte er sich in den Zeiten der Pop-Art mit der Antike. Und malte sehr eigenwillige, rätselhafte Bilder (London, Tate Modern, bis 14. September).

Ganz entschlüsseln können wird man Kunst sowieso nie – ein letztes Rätsel wird immer bleiben. Und das ist auch gut so. Denn manchmal verstehe ich meine eigenen Bilder ja nicht mal selbst.

Kneffel, 50, lebt und arbeitet in Düsseldorf und München – seit Sommer lehrt sie an der Akademie der Künste in der bayrischen Landeshauptstadt. Kneffel studierte bei Gerhard Richter und zählt heute zu den gefragtesten deutschen Künstlerinnen. Ab 19. September ist ein Querschnitt ihres Werks in der Städtischen Galerie in Offenburg zu sehen.

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