Schon gesehen?: Oscar kann irren

Schon gesehen?: Oscar kann irren

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Helen Mirren posiert mit ihrem Oscar

Die britische Schauspielerin Dame Helen Mirren über unbekannte Filmschätze.

Oscars können irren. Es wird Sie erstaunen, das von mir zu hören, aber in diesem Jahr habe ich den Beweis dafür bekommen. Denn sonst wäre Julie Taymors Beatles-Musical „Across the Universe“ als bester Film ausgezeichnet worden. Doch dieses Meisterwerk der Fantasie erhielt nicht mal eine einzige Nominierung. Es passiert überhaupt zu häufig, dass die wirklich interessanten Filme übersehen werden. Ich bin zu meinem großen Glück in der Auswahlkommission für den Europäischen Filmpreis, und so habe ich die Gelegenheit, großartige Arbeiten kennenzulernen, die bei uns nie ins Kino kommen – etwa aus den neuen Staaten Osteuropas wie Ukraine oder Litauen, wo jede dieser kleinen nationalen Industrien hochinteressante Filme produziert, ebenso wie kleinere europäische Länder wie Österreich, aus dem mich das österreichische Drama „Import-Export“ von Ulrich Seidl sehr beeindruckt hat.

Solch Entdeckungen zu machen ist für mich viel befriedigender, als Lieblingsfilme 100-mal anzuschauen. Natürlich studiere ich bestimmte Streifen ausführlicher – wegen ihrer brillanten Schnitte, wegen der schauspielerischen Leistungen, aber für mich geht es im Kino vor allem darum, neue Welten, Kulturen und Menschen kennenzulernen. Es hat die magische Wirkung, dich in diese Universen zu transportieren. Und das erlebe ich lieber 100-mal aufs Neue.

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Wobei ich auch meine großen Favoriten habe. Ich habe eine besondere Liebe für das französische und italienische Kino – ich glaube, jeder Regisseur, der etwas auf sich hält, ließ sich davon inspirieren. Von den Italienern fällt mir spontan Michelangelo Antonionis „L’Avventura“ ein – der erste ausländische Film, den ich je gesehen habe. Von Pier Paolo Pasolinis „Das 1. Evangelium nach – Matthäus“ war ich absolut elektrifiziert. Gerade weil er von einem Atheisten gemacht wurde, war er religiöser und glaubhafter als jeder andere Bibelstreifen. Wenn mich je ein Film zum Christentum bekehren sollte – dann dieser.

Bei den Franzosen mag ich insbesondere ältere Filme und ihren Sinn für Humor – vor allem Jean Vigos poetische Romanze „L’Atalante“ und „Die Frau des Bäckers“ von Marcel Pagnol, die Geschichte eines Bäckers, der sich weigert weiter zu arbeiten, weil ihn seine Frau verlassen hat, bis sein Dorf Gegenmaßnahmen ergreift. Pagnol hat auch das große Familienepos „Die Wasser der Hügel“ verfasst, und bei der Kinoadaption haben es die Filmemacher ausnahmsweise gewagt, den Roman auf zwei Streifen aufzuteilen – „Jean Florette“ und „Manons Rache“. Auf diese Weise gelang es, die ganze Komplexität der Handlung zu erhalten. Das ist auch ein Problem des Kinos, dass es seine Geschichten in nur zwei Stunden erzählt – im Gegensatz zum Fernsehen. Deshalb sind die Drehbücher für TV-Produktionen immer besser, und genau deshalb habe ich auch hier meine besten Leistungen abgeliefert.

Trotzdem kann das Kino ungeheuer bewegend sein – selbst Hollywood. Ich muss beispielsweise an das Musical „Sweet Charity“ denken – das freilich auf Federico Fellinis „Die Nächte der Cabiria“ basiert. In der Verfilmung von Bob Fosse spielt Shirley MacLaine ein Amüsiermädchen, das von allen Männern ausgenutzt wird und trotzdem den Glauben an das Leben nicht verliert. Als die Vorstellung zu Ende war, traute ich mich gar nicht, das Kino zu verlassen, weil ich so sehr weinen musste.

Ich stehe dem amerikanischen Kino kritisch gegenüber. Ein Schauspieler ist darin nur eine Handelsware. Aus diesem Grund habe ich auch jahrelang keine Hollywood-Filme gedreht. Und auch mein Mann, der Regisseur Taylor Hackford hat es trotz all seiner Erfolge mit Filmen wie „Ray“ schwer, Projekte zu finden, mit denen er sich identifizieren kann. Wobei ich zugeben muss, dass ich bei der Actionkomödie „Das Vermächtnis des geheimen Buches“ jede Sekunde genossen habe. Die Amerikaner sehen das Kino eben als Marktplatz, die Europäer dagegen als Kultur, die man bewahren und anderen Nationen vermitteln muss. Deshalb bin ich auch sehr für Filmförderung.

Allerdings sollten die Europäer die praktischen Seiten der Branche nicht vergessen. Filme müssen nun einmal vermarktet werden. Nur weil ein Regisseur ein großartiges Kunstwerk fertiggestellt hat, kommen noch nicht gleich Scharen von Zuschauern. Da müssen die Europäer ein wenig ihre natürliche Arroganz verlieren. Die jugendliche Energie der ersten Generationen von Hollywood würde ihnen durchaus gut tun.

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