Schon gesehen?: Pure Schönheit

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Hollywood-Regisseur Martin Scorsese

Warum Martin Scorsese lieber Filme aus Afrika, Asien und Europa als aus Hollywood sieht.

I can’t get no satisfaction: Wenn ich meine Stimmung als junger Regisseur beschreiben müsste, dann mit diesem Satz. Als ich Anfang 20 war, wollte ich Filme machen, um meinen Ideen visuellen Ausdruck zu verleihen. Damals wurde das Kino-Erzählen neu erfunden. Ich erinnere mich, welch befreiende Wirkung François Truffauts „Jules und Jim“ auf mich hatte, oder Alain Resnais mit „Das letzte Jahr in Marienbad“, ganz zu schweigen von Federico Fellinis „Achteinhalb“. Aber es fiel mir damals schwer, es ihnen nachzutun — schon weil ich aus der kleinen Welt von New Yorks Little Italy kam. Dabei hat mich diese Jugend ein für allemal geprägt, angefangen von der Atmosphäre des Verbrechens, die mich an die „Dreigroschenoper“ erinnert, bis hin zum Katholizismus. Die Eindrücke der Kirchenstatuen haben mich ganz besonders beeindruckt – St. Lucia, die ihre Augen auf dem Tablett trug, der pestkranke St. Rochus, Christus mit seinen Kreuzmalen im Grab liegend – für ein Kind sind das sehr starke Bilder.

Aber gleichzeitig musste ich diese Welt hinter mir lassen, und dazu erfüllte mich die Musik jener Zeit mit fiebriger Ungeduld, ganz besonders die Stones. Noch heute schlage ich deshalb bei meinen Filmen ein hohes Tempo ein – manchmal so hoch, dass ich mich selbst zurückpfeifen muss. Deshalb musste ich nicht lange überlegen, als ich die Chance hatte, zwei Konzerte der Stones in „Shine A Light“ filmisch umzusetzen. Die Erfahrung war wie ein Jungbrunnen.

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Als Regisseur gehöre ich inzwischen zum Mainstream, muss mich aber, um geistig wach zu bleiben, weiterhin außerhalb des Mainstreams umschauen. Deshalb sehe ich so gut wie keine aktuellen Hollywood-Streifen. Aus den letzten Jahren ist mir dagegen ganz besonders ein Film von Souleyman Cissé aus Mali im Gedächtnis geblieben – „Yeelen“, was „Helligkeit“ bedeutet. Die Geschichte entführt uns in ein magisches Universum, in dem ein junger Krieger einen korrupten Geheimkult umstürzen will. Durch und durch afrikanisch ist die Bildwelt, die er heraufbeschwört, geprägt und von einem visuellen Einfallsreichtum, der so sonst nirgendwo zu finden ist.

Aus Korea schätze ich „Jealousy Is My Middle Name“ von Chan-ok Park. die Charakterstudie eines jungen Mannes, der mit seinem älteren Chef um die Gunst verschiedener Frauen konkurriert und dabei unterliegt. Park ist ein Schüler des von mir ebenfalls sehr verehrten Hong Sang-soo, der mit Liebesdramen wie „The Power of Kangwon Province“ bekannt wurde. Die rigide Ästhetik der beiden erinnert wiederum an einen weiteren meiner asiatischen Lieblingsregisseure, den Taiwanesen Hou Hsiao-Hsien. In Europa finde ich ganz besonders Fatih Akin inspirierend – vor allem „Gegen die Wand“ und „Crossing the Bridge“, seine Dokumentation über die Musik Istanbuls.

Ich bemühe mich darum, mit ungewöhnlichen Bildern der Selbstgefälligkeit zu entkommen. Manchmal greife ich dafür auch zu brachialen Methoden. Dann sehe ich Gewaltstreifen des japanischen Regisseurs Takashi Miike, etwa „Fudoh“. Wirklichen Trash mag ich nicht, aber es gibt in jedem Film etwas Interessantes – eine Einstellung, ein Lichteffekt, eine schauspielerische Leistung –, das den Eindruck purer Schönheit hinterlässt.

Tragisch ist nur, dass wir auf dieses kulturelle Erbe nicht achtgeben. Filme verrotten im wahrsten Sinne des Wortes. Das musste ich schon in den Siebzigerjahren erleben, als ich einen meiner absoluten Lieblingsfilme, Luchino Viscontis „Leopard“, in einwandfreiem Zustand sehen wollte. Der amerikanische Verleiher hatte alle Kopien weggeworfen, weil sie zu viel Platz wegnahmen. Den Studios war es damals egal, ob diese Filme kaputtgingen – Hauptsache, sie gehörten ihnen. Deshalb gründete ich 1990 mit amerikanischen Kollegen die Film Foundation und 2007 die World Film Foundation, um diese Schätze zu restaurieren und archivieren zu lassen. Denn Filme gehören niemand allein, sie gehören der ganzen Welt.

Ich selbst sehe immer weniger Filme. Wenn es etwas gibt, das es wert ist, dass ich ihm zweieinhalb Stunden meines Lebens widme, dann sagen mir das schon meine Freunde. Deshalb tue ich, wozu ich vor 20 Jahren nicht in dem Maße imstande war: Ich komme endlich zum Lesen. Und ich kümmere mich um meine Familie; meiner kleinen Tochter ist es egal, wie sehr ich vom Kino besessen bin. Nach wie vor gibt es Dinge, die ich nicht akzeptieren kann. Der beste Weg, diesen Zorn auszudrücken, ist immer noch, Filme zu machen.

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