
Entschlossen knöpft Donna Morgan ihren schwarzen Mantel zu, vergräbt ihre Fäuste tief in den Taschen, um sich vor dem eisigen schottischen Wind zu schützen. „Ich bin diejenige, die das Maul aufgemacht hat“ sagt sie und lächelt. Die 37-Jährige ist Eigentümerin des Lebensmittelladens „R & J Brownlie“ im schottischen Biggar, einem Städtchen mit knapp 3000 Einwohnern südwestlich von Edinburgh und dem Spruch „New York is big, this is biggar“ im Stadtwappen.
Hier gibt es alles, was man täglich zum Leben braucht: Milch, Gemüse, Fleisch aus der Region und schottisches Gebäck. Der Laden ist Donnas ganzer Stolz. Deshalb nahm die junge Mutter den Kampf mit Aldi Süd auf. Der Handelsriese will auf dem Brachland neben einem verfallenen Schlachthof eine 1500 Quadratmeter große Filiale mit 90 Parkplätzen errichten. Und ausgerechnet die angeblich so geizigen Schotten wehren sich gegen den Discounter. Hier muss Aldi mit ganz anderen Problemen kämpfen als im Heimatmarkt.
In dem malerischen Örtchen sind sie stolz auf den weiten Marktplatz und die gewundenen Gassen. Die Hauptstraße säumen kleine Läden, die noch von ihren Inhabern geführt werden: ein Spielzeuggeschäft, eine Apotheke, ein Eisenwarenhändler, ein Textilladen für gesetztere Damen und eine kleine Buchhandlung. Filialen großer Handelsketten findet man hier dagegen nicht. „Gerade unsere individuellen Geschäfte machen Biggar für Touristen so attraktiv“, sagt Mrs. Morgan. Doch nun ist ihr Idyll in Gefahr. Als sie im September 2006 in der Lokalzeitung „Lanark Gazette“ las, dass Aldi einen Bauantrag eingereicht hatte, entwarf sie mit ihrem Mann Bruce eine Petition, um den Plan zu blockieren. „Wir glauben, dass dies nicht nur für die Geschäfte in Biggar, sondern für uns alle ernste Folgen hätte“ hieß es darin. Eigenhändig sammelte das Ehepaar 538 Unterschriften. 17 Gegner des Projekts schrieben Protestbriefe. Aber es gab auch 330 Befürworter.
Aldi konterte mit einer Charmeoffensive und lud die Bürger zu einem Fest mit Luftballons und kostenlosen Kostproben in die Stadthalle ein. Aldi werde mit seiner Zwei-Millionen-Pfund-Investition in Biggar 10 bis 15 Arbeitsplätze schaffen und Kunden aus den Supermärkten der benachbarten Städte nach Biggar zurückholen, versprachen die Manager.
Aldi betreibt in Großbritannien rund 360 Geschäfte, doch nur 42 davon in Schottland. Der Discounter, der nach 17 Jahren Präsenz auf der britischen Insel noch immer einen Marktanteil von unter drei Prozent haben dürfte, bläst zum Angriff. Seit 2002 stieg der Umsatz nach Expertenschätzungen von 1,4 Milliarden Euro auf zwei Milliarden Euro. Und nach Informationen von Insidern will Aldi in der kommenden Dekade allein in Schottland rund zehn neue Geschäfte pro Jahr eröffnen.
Anfang Oktober 2007 dann der Rückschlag in Biggar: Der Stadtrat lehnte Aldis Bauantrag ab – eine Entscheidung, die Aldi anfechtet. Nun muss die Regierung in Edinburgh entscheiden. Sie dürfte in den nächsten Wochen einen Gutachter beauftragen. Bei der Anhörung können sich die Bürger von Biggar erneut zu Wort melden. Sie geben sich kämpferisch. Weitere Ladenbesitzer haben sich der Anti-Aldi-Kampagne inzwischen angeschlossen. Leute wie Duncan Turnbull, der ein Delikatessengeschäft in Biggar betreibt und sich als Besitzer von Cairn Foods Ltd. ein zweites Standbein als Großhändler und Lebensmittelimporteur geschaffen hat. Er möchte expandieren und wollte das Grundstück, auf das Aldi seinen Markt stellen will, eigentlich selbst kaufen.
Donna Morgan sagt: „Wir beliefern alte und behinderte Kunden, auch wenn sie nur für kleine Beträge einkaufen – welcher Discounter macht das schon?“ Sie argumentiert, dass Aldi seine Gewinne ins Ausland überweisen und die unabhängigen Geschäfte verdrängen werde. Biggar drohe sich in eine Schlafstadt für Pendler zu verwandeln – „in einen Ort ohne Herz und Seele“.
Wenn Aldi mit der Berufung in Edinburgh Erfolg haben sollte, will Donna Morgan die Bauern aus der Region mobilisieren: „Wer weiß, was die mit ihren großen Traktoren alles anstellen können.“
Aldi informiert. Mehr Informationen über Aldi gibt es garantiert nicht bei Aldi Nord in Essen (Telefon 02 01/85 93–0) und Aldi Süd in Mülheim an der Ruhr (Telefon 02 08/99 27–0).













