
Qingdao. Die Kneipe heißt "Monnemer Eck". Was so viel heißt wie Mannheimer Ecke. Aus der kam ihr Gründer Willi Werle. Nun liegt sein holzvertäfeltes, von treudeutschem Gartenzaun gerahmtes Imperium in einer ganz anderen Ecke der Welt: in China. Genauer gesagt in Qingdao.
Kenner kennen den Namen als Biermarke (Aufschrift in Umschrift: Tsingtao). Die gibt´s überall auf der Welt. Die Chinesen im "Monnemer Eck" möchten allerdings bitte ein Bit, ein Weizen- oder ein Köstritzer Schwarzbier zu Schnitzel und Würsten und hinterher auch gern mal einen Jägermeister.
Die Mannheimer ist nicht die einzige deutsche Ecke an diesem Zipfel Chinas. Von der höchsten Erhebung der Stadt, dem 1 133 Meter hohen Laoshan (Alter Berg) blickt man auf nahezu geschlossene Reihen roter Ziegeldächer. Drumherum deutscher Wald: Akazien, Platanen, Kiefern, Buchen. Seine Wurzeln verdankt er einem deutschen Forstmann namens Walter Hass, der zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts das verkarstete Bergland zu einer Art fernöstlichen Grunewald aufforstete. Der steht den schmucken Villen gut.
Man schlendert durch Gassen und über breite Steintreppen vorbei an putzigen Fachwerkhäuschen mit Erkern, Giebeln, Butzenscheiben und Klappläden. Da gibt es viel barockes Ehemaliges zu bestaunen, hier war die deutsche Schule, dort die Deutsche Bank. Dazwischen ragt die trutzige katholische Kirche aus dem Stadtbild, nicht weit davon ein im byzantinischen Stil erbautes evangelisches Gotteshaus.
Wären da nicht hier und dort die roten chinesischen Schriftzeichen am Gesims, man könnte sich glatt im deutschen Mittelgebirge wähnen. Schwarzwald süß-sauer. Beim Blick in gepflegte Bauerngärten spielzeugverliebter Chinesen ertappt man sich auf der Suche nach Gartenzwergen mit Schlitzaugen. Hier gehen die Kuckucksuhren anders. In Qingdao kann der China-Rundreisende aufatmen, fühlt er sich doch in der mit gut sieben Millionen nach chinesischem Verständnis noch recht überschaubaren Vorzeigestadt weit weniger fremd als in den boomenden, nur je eine Flugstunde entfernten Metropolen Peking und Schanghai. Er hat das heimelige Stadtbild im Rücken und die Strände vor der Tür (streng chinesisch durchnummeriert von 1 bis 6).
Für 30 Millionen Chinesen ist der Küstenort jedes Jahr beliebtes Reiseziel, besonders für Hochzeitspaare, die sich vor der westlichen Romantik ablichten lassen. "Ach, Sie reisen nach Qingdao? Achten Sie auf die Seebrücke, die ist nach dem Vorbild in Usedom gebaut", empfiehlt ein Mecklenburg-Vorpommer an deutschen Gestaden.
Davon werden sich in diesem Jahr 1,2 Millionen erwartete ausländische Gäste überzeugen können. Darunter auch viele Deutsche. Manche kommen auf Spurensuche, wie der Kaminbauer aus der "Reisegruppe 7", dessen Großvater 20 Jahre hier gelebt und gearbeitet hat.
Es ist ja auch ein schönes Plätzchen, das sich 1895 Ferdinand von Richthofen und Admiral Tirpitz als Schutzhafen für die deutsche Kriegs- und Handelsflotte des Deutschen Kaiserreiches aussuchten und kolonisierten. Kaiser Wilhelm bezeichnete seine fünf Wochen Seefahrt entfernte Musterkolonie als "Schaufenster deutschen Könnens."
Wie für die Ewigkeit errichteten die Besatzer Verwaltungssitze, Schulen, Kasernen und Krankenhäuser, versahen das protzige Jagdschloss des deutschen Gouverneurs mit einem großen Wintergarten. Heute ist der Bau ein Museum. Der Pachtvertrag war ursprünglich auf 99 Jahre angelegt. Die fleißigen Kaisertreuen konnten dazumal nicht ahnen, dass ihnen 1914 die Japaner das fernöstliche Filetstückchen an der Küste abspenstig machen würden.
Wissen die Schüler von heute auch nur noch wenig über die koloniale Vergangenheit, so gehen die Chinesen erstaunlich behutsam mit ihrem Erbe um. Mehr als 200 Bauten stehen unter Denkmalschutz. Auch das Huashi-Gebäude, eine mächtige Trutzburg, bei der ein russischer Architekt hemmungslos griechischen, romanischen und gothischen Stil unter ein Dach gebracht hat (es könnte auch Walt Disney gewesen sein).
Witzig in der Neustadt: Auch moderne chinesische Plattenbauten zitieren hier und da noch westlich-bürgerlichen Baustil. Und befragt nach den zehn schönsten Bauwerken, nannten die Qingdaoer sieben Kolonialbauten.
Eigentlich hatten die Besatzer das schwarze Gold der Kohlevorkommen der Halbinsel im Blick, doch ihre wahren Erfolge feierten sie mit einem flüssiges Gold namens Tsingtao-Bier, abgefüllt in Flaschen und Dosen. 90 Prozent des chinesischen Ausstoßes werden exportiert. Das Museum des einstigen Renommierbetriebs zieht heute Heerscharen von Besuchern aus aller Welt an.
Historische Fotos weisen diverse Langnasen auf. Die ersten Direktoren hießen Heinrich Seifert und Ernst Siemsen, die ersten Braumeister Schuster und Wehle. Da schlürften die Chinesen die "Germania Bräuerei nur aus Hopfen und Malz" noch aus geblümten Porzellanschälchen. Was heute ins Gebräu kommt: Malz aus Österreich, Reis aus China und Hopfen, der an der Seidenstraße geerntet wird.
Tsingtao gibt es in der Stadt an jedem Kiosk. Mittags kommt der Jungmanager, die Styroporpackung mit dem Imbiss schon unterm Arm, und holt sich mal eben ein Tütchen Bier dazu, frisch gezapft aus dem Metallfässchen in einen hauchdünnen Plastikbeutel: praktisch Tsingtao to go.
Das Gefühl, sturzbetrunken zu sein, kann man auch ohne das haben, auf den schiefen Ebenen des "Tipsy Room" im Biermuseum. Vor dessen Toren, gleich ums "Monnemer Eck", findet jedes Jahr Mitte August ein großes Bierfest statt unter Aufsicht einer steinernen Biergöttin. In diesem Jahr wird es auf September verschoben - wegen der Olympiade.
Die emsige Hafenstadt, von den Chinesen gern als Musterstadt für Umweltschutz, Stadthygiene und Parkanlagen ausgelobt, ist im August Austragungsort der Segelwettbewerbe der 29. Olympischen Spiele. Wenn man denn der Algenplage Herr wird, die das Meer seit Anfang Juli in eine grüne, stinkige Brühe verwandelt. Aber das ist den Chinesen zuzutrauen, mit welchen Mitteln auch immer. Denn Olympia ist das Prestigeprojekt - auch und gerade für Qingdao. Die erste Goldmedaille gewannen die Deutschen in Qingdao übrigens schon vor mehr als hundert Jahren - fürs Bierbrauen, 1906 auf der Brauereiausstellung in München.





















