Sepp Blatter: Das System des Fußball-Herrschers funktioniert weiter

KommentarSepp Blatter: Das System des Fußball-Herrschers funktioniert weiter

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Joseph "Sepp" Blatter: Sein System funktioniert weiterhin

von Peter Steinkirchner

Als würde der Weltfußballverband Fifa nicht gerade seine bislang wohl heftigste Krise durchleben, eröffnen heute am späten Nachmittag die alternde Disco-Diva Grace Jones und – ausgerechnet – ein Schweizer Hackbrett-Musikant den 61. Fifa-Kongress. Eine schräge, aber passende Wahl, findet WiWo-Redakteur Peter Steinkirchner.

War da was? Aber ja: Gerade mal neun Jahre ist es her, 2002, kurz vor der Fußball-WM in Japan und Südkorea. Damals hatte sich Fifa-Präsident Sepp Blatter nach seiner ersten Kür vier Jahre zuvor zur ersten Wiederwahl gestellt. Kurz vor dem Fifa-Kongress in Seoul platzte die Bombe: 11 von 24 Mitgliedern des eigenen Exekutiv-Komitees erstatteten Anzeige gegen ihren Präsidenten. Die Vorwürfe: Korruption, Amtsmissbrauch und Misswirtschaft. Grundlage der Klage war ein 21 Seiten langes Papier, angefertigt ausgerechnet von einem, der Blatter sehr gut kannte: dem damaligen Fifa-Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen, einem Rechtsanwalt und Notar.

Was ist daraus geworden? Na – nichts. Blatter schafft es, in einer „Klarstellung“ die Vorwürfe zu entkräften und zugleich seine Gegner bloßzustellen. Dass ihm danach die Wiederwahl gelingt, ist dagegen beinahe nur noch eine Formsache. Monate nach der versuchten Palastrevolte stellt ein Zürcher Bezirksanwalt das Ermittlungsverfahren gegen Blatter ein. Zen-Ruffinen ist bei der Fifa längst Geschichte.

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Blatter allerdings nicht – und dass er es am morgigen Mittwoch nach seiner anstehenden, dann vierten Wahl zum Präsidenten sein wird, ist auch nicht zu erwarten. Denn kein anderer Fifa-Grande kennt die Korridore der Macht, die Schlupflöcher und Finten, die Intrigen und Fallstricke im „Home of FIFA“ genannten Hauptquartier am Zürcher Sonnenberg so gut, wie der 75-Jährige aus dem Kanton Wallis. Seit 36 Jahren – „36 einhalb“, wie sich Blatter selbst bei seiner Pressekonferenz am Montagabend penibel korrigiert – schaltet und waltet der ehemalige Journalist in der Zentrale der Weltfußballfirma Fifa, die steuerbegünstigt unter der Register-Nummer 020.6.000.262-1 im Zürcher Handelsregister eingetragen ist.

Blatter spielt die verfolgte Unschuld

Unter heftigem Beschuss stand der 75-Jährige Blatter während dieser fast vier Jahrzehnte schon öfter. Doch so dicke wie diesmal kam es lange nicht. Das ohnehin schon angeschlagene Image der Fifa sieht schlimmer aus als wohl jemals zuvor in seiner 107-jährigen Geschichte. Von den 24 Mitgliedern der Fifa-Exekutive stehen etwa inzwischen zehn unter Betrugsverdacht, sie sollen beispielsweise die Hand aufgehalten haben bei der Vergabe der lukrativen Ausrichterrolle für die Fußball-WM.

Tiefgreifende Reformen sind längst überfällig, will der Verband seine letzte Glaubwürdigkeit nicht verspielen. Dass es dazu kommt, ist unwahrscheinlich  - das System Blatter läuft weiter. Stattdessen wird nun munter schmutzige Wäsche gewaschen. Eines der gerade von der Fifa-eigenen Ethik-Kommission suspendierten Exekutiv-Mitglieder, der Skandal-umwobene Jack Warner aus der Karibik, beschuldigte nun seinerseits den langjährigen Weggefährten Blatter der Korruption, verurteilte den eigenen Ausschluss scharf und kündigte vollmundig schon mal weitere Enthüllungen an: „Ich werde bald viel mehr zu dieser Sache sagen.“ Nur: Wann und was er zu sagen hat, blieb offen – eine für den Dienstag Nachmittag angekündigte Pressekonferenz in einem Zürcher Nobelhotel findet nun wohl doch nicht statt.

Und Blatter? Spielt die verfolgte Unschuld. Wer ihn bei seiner Pressekonferenz am Montag gesehen hat, wie er schwankte zwischen Kleinlichkeit, vermeintlich oder tatsächlich verletztem Stolz und Größenwahn – der bekam den Eindruck, am Teflon-Mann, der vehement Respekt für sich und seinen Verein einforderte, prallten alle Anwürfe ab. Fragt ein Journalist, Jack Warner habe ihm gesagt, „Blatter müsse gestoppt werden“, rollt der Präsident von 208 Mitgliedsverbänden nur ungläubig die Augen: „Gestoppt, wie? Worin?“

Gestoppt wird Blatter aller Voraussicht nach morgen nicht  – auch wenn der englische Fußballverband, im Rennen um die Austragung der WM 2022 gegenüber Katar unterlegen, vehement eine Verlegung der Wahl gefordert hatte und angeblich bereits mehrere Mitglieder der Asiatischen Fußball-Konföderation abgereist sind. Die übrigen europäischen Verbände haben sich jedoch gegen eine Verschiebung der Wahl ausgesprochen.

Für die Kongress-Abgeordneten aus aller Herren Länder tritt dann, seltsam stimmig und beinahe surreal, die nicht mehr ganz so top-aktuelle gewesene Disco-Queen Grace Jones zur Eröffnungsfeier dieses wahrlich denkwürdigen Treffens auf. Die Herren werden sicher viel Spaß haben, auch am Auftritt des Fifa-Balletts. Und der Schweizer Musiker Nicolas Senn darf dann später auch noch auf den 125 Saiten seines Hackbretts herumdengeln – wie Sepp Blatter & Konsorten auf den Nerven der gesamten Fußballwelt.

(Mit Material von dpa)

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