Sherko Fatah: Poetische Räume in der Literatur

Sherko Fatah: Poetische Räume in der Literatur

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Sherko Fatah, 43, wuchs als Sohn eines irakischen Kurden und einer deutschen Mutter in der DDR auf und ging 1975 in den Westen. Sein im Frühjahr bei Jung und Jung erschienener Roman "Das dunkle Schiff" steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2008.

Der Schriftsteller Sherko Fatah über die Verwilderung der Zivilisation und die Opfer des Fortschritts.

Wenn mich ein Roman überzeugt, bin ich glücklich. Die Lektüre ist dann auch eine Bestätigung für die Erzählbarkeit der Welt. Darin liegt ein großer Trost, denn so lange die Welt erzählbar ist, hat sie für uns Sinn. Wir brauchen sozusagen Lagerfeuergeschichten in der Wildnis. Ich habe das selber als kleiner Junge erlebt und erinnere mich noch gut, mit welcher Lust in der Familie meines irakischen Vaters erzählt wurde und auch tagespolitische Ereignisse in Geschichten verpackt worden sind. Schon durch den Klang der Stimmen, die uns von Kindheit an umgeben, kann unsere intuitive Welterfahrung angeregt werden. In der Literatur ist es ganz ähnlich. Wir suchen in ihr eine Stimme, die uns anspricht und sagt: Es geht um dich. Indem wir Menschen und ihre Schicksale kennenlernen, wird uns immer auch unser Spiegelbild zurückgeworfen. „Wir in vielen“ – das ist die einzigartige Erfahrung, die uns die Literatur bietet. All die Figuren und Geschichten der Weltliteratur bereichern uns, erweitern unseren Horizont und schenken uns so ein enormes Freiheitsgefühl. Wo immer wir sind, können wir das weite Land der Literatur betreten und auf spielerische Weise Erfahrungen machen, die zuweilen eindrucksvoller sind als unsere realen Erlebnisse, weil sie sich mit unseren tiefsten Gefühlen verbinden.

Das habe ich zum ersten Mal erfahren, als ich als Siebenjähriger Mark Twains „Abenteuer des Tom Sawyer“ las. Wie Indianer-Joe, der mit Tom in einer Höhle eingesperrt ist, in seiner Not Kerzen frisst, das sehe ich heute noch vor mir. Ende der Siebzigerjahre, als ich eigentlich schon zu alt für ihn war, habe ich dann Karl May gelesen. Entscheidend aber wurde für mich die Lektüre von Joseph Conrad. Besonders beeindruckt haben mich sein Hauptwerk „Nostromo“, „Herz der Finsternis“ und „Almayers Wahn“. In Conrads kleiner Erzählung „Ein Vorposten des Fortschritts“ ist die Essenz seines Werks aufbewahrt: Indem die Zivilisation an ihren Rändern verwildert, bringt sie zutage, was ihr zutiefst innewohnt: Barbarei.

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"Ein Roman kann eine ganze Epoche in den Blick nehmen."

Das ist ein großes Thema, das mich auch begleitet hat, als ich die lateinamerikanische Literatur entdeckte, vor allem Julio Cortázar, Gabriel García Márquez und Mario Vargas Llosa. Sein Roman „Krieg am Ende der Welt“ erzählt vom historischen Feldzug der jungen brasilianischen Republik gegen eine christlich-fundamentalistische Sekte im Nordosten des Landes. Der Clou des Romans besteht darin, dass er das Verhältnis von Fortschritt und Rückwärtsgewandtheit auf den Kopf stellt, sodass man am Schluss mit den Sektierern sympathisiert, die durch ihren vergeblichen Widerstand Menschlichkeit und Würde gewinnen. Sie sind Verführte und Irregeleitete, und trotzdem nehmen wir als Leser Anteil an ihnen – das hat mich damals unglaublich aufgewühlt und erinnert heute an den Islam, der im Kern ja auch eine beharrende Kultur ist und sich schwertut mit den Zumutungen der Moderne. Nicht aus Bosheit oder Hass, sondern aus der Angst, zum Opfer des Fortschritts zu werden.

Derlei Ambivalenzen und Brüche sind in guter Literatur aufbewahrt, vor allem, wenn sie die Wirklichkeit in ihrer Totalität darzustellen versucht. Ein Roman kann eine ganze Epoche in den Blick nehmen, wie Peter Weiss’ „Ästhetik des Widerstands“, oder den Einzelnen ins Zentrum rücken, wie Franz Kafka es tut, der im „Prozess“ und im „Schloss“ Kunstfiguren schafft, die etwas Unterbestimmtes haben und zugleich zur präzisesten Wahrnehmung fähig sind. Diese Unterbestimmtheit finde ich, trotz aller Detailfülle, sogar bei Thomas Mann. Im „Doktor Faustus“ etwa zeichnet er mit seiner Hauptfigur Adrian Leverkühn einen geradezu mythischen Typus, den er dann sorgfältig einkleidet und mit Eigenschaften ausstattet.

Für den Leser ist dabei entscheidend, dass er Teil eines künstlerischen Ganzen wird und gleichsam einen poetischen Raum betritt. So ist es mir jüngst mit dem Russen Warlam Schalamow gegangen. „Durch den Schnee“ heißt der erste Band seiner Werkausgabe. Lauter kleine Geschichten, die vom Gulag handeln, in dem der Autor 16 Jahre inhaftiert war. Das Buch vermittelt ein Bild des organisierten Wahnsinns. Die Vernichtung vollzieht sich ganz still und unspektakulär. Der Leser erlebt, wie die Kälte die Menschen langsam und subtil zerstört. Wie der Autor es geschafft hat, diese Erfahrungen dichterisch zu gestalten, ist mir ein absolutes Rätsel – es ist das beste Buch, das ich seit Jahren gelesen habe.

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