Siemens: Die Verwicklungen von Aufsichtsratschef Cromme - Seite 3

Siemens: Die Verwicklungen von Aufsichtsratschef Cromme

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Schmiergeld steuersparend für Quelle: dpa
Schmiergeld steuersparend für Siemens? Quelle: dpa

Bei Siemens sah es zunächst nach Geruhsamkeit aus. Nur auf den ersten Blick. Denn unter der Oberfläche gärte es längst. So taten sich gerade in der einst ruhmreichen Siemens-Sparte der Informations- und Kommunikationstechnik immer wieder neue Probleme auf. Das Geschäft mit Technik für Festnetze und Mobilfunk litt bereits damals unter weltweiten Überkapazitäten und enormem Preisdruck. Vor allem die Handysparte war marode.

Mit der äußerlich ruhigen Kugel, die Cromme bei Siemens zunächst zu schieben schien, war es Anfang 2005 vorbei, als er Chef des Prüfungsausschusses wurde. Dem Prüfungsausschuss, so heißt es hoch-offiziös bei Siemens, „obliegen die Vorbereitung der Jahres- und Konzernabschlussprüfung durch den Aufsichtsrat, die Prüfung der Quartalsabschlüsse [...] und die Beziehungen zur unternehmensinternen Bilanzrevision“. Überdies beschäftige sich das Gremium „mit der Risikoerfassung und -überwachung im Unternehmen [...] und den Berichten über rechtliche Risiken“.

Auf der Hauptversammlung 2005 wechselte dann der als Mr. Siemens glorifizierte v. Pierer nach mehr als zwölf Jahren an der Konzernspitze als Chef in den Aufsichtsrat – ein Vorgang, der eindeutig gegen den Cromme-Kodex verstieß, wonach Vorstandsvorsitzende nicht mehr automatisch auf den Chefposten des Aufsichtsrats wechseln sollen. Vielleicht war das auch deshalb kein Problem, weil es Cromme zumindest vor der Ausformulierung solcher Verhaltensrichtlinien mit der Transparenz auch nicht so genau nahm: Ende 2001 war der Stahlmann selbst als einer von zwei Vorstandschefs von ThyssenKrupp an die Spitze des Kontrollgremiums gerückt.

Besonders pikant bei Siemens war, dass v. Pierer gleich auch noch in den Prüfungsausschuss gewählt wurde. Folglich sollte v. Pierer dort fortan gemeinsam mit seinem Spezi Cromme Vorgänge durchleuchten, die zeitlich unter seiner Ägide als Vorstandschef stattfanden – der Kontrolleur kontrolliert sich selbst.

Und schon im ersten gemeinsamen Jahr sollten Cromme und v. Pierer in den Sitzungen des Prüfungsausschusses ausreichend Gelegenheit bekommen, Transparenz zu demonstrieren. Denn Siemens-Chefjurist Schäfer berichtete als Kopf der Anti-Korruptionsabteilung immer wieder über dubiose Geschichten. Hat Cromme da niemals ein System erkennen können? Nein, schließlich seien dem Ausschuss nie die Namen der beiden inzwischen wegen des Aufbaus von schwarzen Kassen in der Sparte Telekommunikation angeklagten Kaufleute Reinhard S. und Heinz K. genannt worden, verteidigt sich der Konzern – und damit indirekt auch Cromme. Nur dann hätte der Prüfungsausschuss die Zusammenhänge der vermeintlich isolierten Fälle erkennen können. „Als jene Zusammenhänge im Dezember 2006 bekannt waren, war es Cromme, der die Aufklärung massiv vorangetrieben hat“, sagt ein Arbeitnehmervertreter im Prüfungsausschuss.

De jure ist das schlüssig. Beim Blick in Protokolle kommen heute allerdings immer noch Fragen auf, die offenbar damals nicht gestellt wurden, auch nicht von Cromme. So heißt es bezogen auf die Ermittlung in Liechtenstein oder der Durchsuchung in Bozen aus dem Jahr 2005 immer wieder, diese Vorgänge beträfen „ehemalige Siemens-Mitarbeiter“. Warum wurde hier nicht schon nach Namen der Beschuldigten gefragt – und dadurch der Zusammenhang der Fälle ein Jahr früher erkannt? Das Drängen auf Aufklärung von Cromme setzte erst Ende 2006 ein, nachdem die Münchner Staatsanwaltschaft den Skandal mit einer Großrazzia ins Rollen gebracht hatte.

Und auch in den Folgemonaten ist von brutalstmöglichem Aufklären wenig zu spüren. Die Berichte über schwarze Kassen erhöhen sich in den Anfangsmonaten 2007 beinahe im Wochenrhythmus und summieren sich schließlich auf stolze 1,3 Milliarden Euro, die zwischen 2000 und 2006 in das weltweite Schmiergeldsystem von Siemens geflossen sind – also zum Großteil in der Ära des bis Anfang 2005 als Vorstandschef agierenden Pierer. Trotzdem hält Cromme noch mehrere Monate fest an dem Mann aus Erlangen, mit dem er, so berichten Vertraute, bis heute regelmäßig Golf spielt: Erst im April 2007 muss v. Pierer gehen; Cromme wird sein Nachfolger als » Aufsichtsratschef und positioniert sich als Chefaufklärer. Inzwischen wird v. Pierer öffentlich demontiert. Die Kanzlerin beendete seinen Beraterjob bei der Regierung („Innovationsausschuss“) vorige Woche

Schnell ging es immerhin mit dem Rausdrängen von Klaus Kleinfeld, Chef von Siemens und Pierer-Nachfolger. Gegen Kleinfeld liegen bisher keine Beweise auf eine Verstrickung in den Korruptionsskandal vor. Allerdings war Kleinfeld Anfang 2004 für einige Monate innerhalb des Zentralvorstands verantwortlich für den besonders belasteten Bereich Information and Communications. Um keine neuen Risiken gegenüber der US-Börsenaufsicht einzugehen, schob ihn Cromme aus der Szene. Er musste gehen und wechselte zum US-Aluminium-Konzern Alcoa.

Die Suche nach einem neuen Siemens-Chef wurde zum Schaulaufen – denn Cromme hatte in der dramatischen Kürze der Zeit keinen Kandidaten parat. Zwar hatte sich nach Aussagen von Siemens-Insidern schon Linde-Chef Wolfgang Reitzle als neuer Siemens-Chef selbst ins Gespräch gebracht, noch bevor Kleinfeld überhaupt seinen Rücktritt einreichte; das jedoch, wie es damals aus Aufsichtsratskreisen hieß, als einziger Kandidat. Cromme und sein Aufsichtsratskollege, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, konzipierten einen Notfallplan, der Cromme selbst als Übergangslösung vorsah.

Cromme-Gegner jubelten. Endlich sah es so aus, als ob sich der Mann aus Vechta verhebt und verheddert. Doch Crommes Bild bekam keinen Sprung, weil Überraschungschef Löscher erst einmal alle beschäftigte. Wer ist dieser Österreicher, der da die Großbühne betritt? In den Wochen der fiebernden Unsicherheit sackte der Aktienkurs ab. Der ferne Konkurrent General Electric lauerte, um sich Siemens zu schnappen und in Einzelteile zu zerlegen.

Das GE-Schlachtfest fand nicht statt.. Aber die Wucht immer neuer Schmiergeldsummen machte aus Cromme eher einen Getriebenen als einen Treiber. Und wieder musste er einen Tiefschlag hinnehmen.

Im Dezember 2007, kurz vor der Hauptversammlung, reisten Cromme und Löscher nach Washington. Besuch bei der SEC stand an. Gehofft hatten die Deutschen auf einen Zeithorizont, den die SEC-Aufpasser über die richtige Geschäftsmoral von Siemens vorgaben. Man wollte jenseits dieser Ziellinie eine neue Siemens-Vision, wie sie sauberer und legalistischer nicht sein kann, eröffnen, die Aktionären und Kunden wieder Respekt einflößen sollte.

Denn Siemens droht eine Strafzahlung im Milliardenbereich sowie ein mehrjähriger Ausschluss von öffentlichen Aufträgen in den USA. Gerade deswegen war der Bußgang so wichtig. Wie es aus Unternehmenskreisen heißt, haben die SEC-Vertreter das Siemens-Führungsduo „in frostiger Atmosphäre“ empfangen.

Dennoch verkündet Cromme auf der ersten unter seine Leitung als Aufsichtsratschef zelebrierten Siemens-Hauptversammlung im Januar, er sei guter Dinge, dass sich Siemens in den kommenden Monaten mit der SEC auf einen Vergleich werde einigen können. Die US-Börsenaufsicht und das Justizministerium hätten „ihr Einverständnis erklärt, in Kürze mit uns Gespräche zu führen, mit dem Ziel eines umfassenden und fairen Vergleichs“, so Cromme optimistisch. Heute, knapp drei Monate später, klingt das viel vorsichtiger. „Es ist für die SEC ohne Frage der größte Fall aller Zeiten. Das kann noch lange dauern“, sagte kürzlich Peter Solmssen, im Vorstand für Korruptionsbekämpfung zuständig.

Doch Druck hält Cromme aus. Das kann Sturheit sein, das kann die Furcht sein, von Siemens zermalmt zu werden. Damit würde das werdende Denkmal Cromme auch in der Ruhrheimat Risse bekommen. Hat er nicht hier Angriffe, Ungereimtheiten und Inkonsequenzen, die das Leben so mitbringen, brachial abgewettert? Alle setzen auf Cromme und seinen Kodex, der setzt aber nicht auf ihn. Da beschloss die ThyssenKrupp-Hauptversammlung aus Furcht vor feindlichen Übernahmen eine Satzungsänderung wie sie Cromme-Kodex-feindlicher nicht sein kann. So darf die Krupp-Stiftung, dessen Mitglied Cromme ist, künftig drei Vertreter der Kapitalseite in den Aufsichtsrat entsenden – unabhängig vom Votum der Hauptversammlung. Ist das schon die typische Handlungsweise eines Allmächtigen, der wegen seines alles beherrschenden Einflusses mit Widersprüchen leben muss?

Cromme gelingt es immer wieder, Fehlermeldungen im eigenen Cockpit im Keim zu ersticken und trotzdem eine sichere Landung hinzukriegen.

So fiel es nicht auf, dass es bei ThyssenKrupp eine Siemens-Welt im Kleinen gibt. Der Unternehmensbereich Elevator kungelte mit Konkurrenten und sprach Preise ab. Die Aufzugbranche ist da empfänglich, sie lebt weniger vom Verkauf ihrer Lifte denn vom Wartungsgeschäft. Dass die Preismachenschaft im Hause Krupp kein Kavaliersdelikt war, zeigte die Höhe der Kartellstrafe, die die EU-Kommission im vergangenen Jahr aussprach: 479,7 Millionen Euro musste ThyssenKrupp zahlen – die höchste Strafe, die ein einzelnes Unternehmen je in einem Kartellfall berappen musste. Die Geldbuße für das Unternehmen, das Cromme seit Langem beaufsichtigt, fiel deswegen so hoch aus, weil ThyssenKrupp „Wiederholungstäter“ sei, begründete die Kommission ihr Vorgehen. Der Lack bei Elevator ist ab, aber hat Cromme seinen Chrom dadurch verloren?

Eher nicht.

Er rennt auf den Hügel zu, dort wo Beitz einen solchen Allwettermann braucht. Wenn die Rohstoffkosten für Stahl, Kohle, Koks und Erz ins Exorbitante steigen, wenn eines schrecklichen Tages die weltweite Stahlkonjunktur zusammenbricht, wenn ThyssenKrupps wichtigster Kunde Siemens unter einer Milliardenstrafzahlung ächzt und wenn Beitz auf Wolke sieben oder acht die Oberkontrolle über das Gesamte in den Händen hält, dann muss Cromme als Stiftungschef ran. Auf dem Hügel, unnahbar, unangreifbar – und bedingt involviert. In eigentlich alles.

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