Siemens: Die Verwicklungen von Aufsichtsratschef Cromme

Siemens: Die Verwicklungen von Aufsichtsratschef Cromme

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Gerhard Cromme verdiente im Jahr 2007 mit drei Mandaten bei Dax-Konzernen mehr als eine Million Euro.

Gerhard Cromme ist nicht zu fassen. Der Aufsichtsratschef von Siemens und ThyssenKrupp schrammt haarscharf an tiefen Verstrickungen in den Schmiergeldskandal des Münchner Konzerns vorbei. Durchsteht er das Desaster um schwarze Kassen, kann er sich kaltlächelnd zum Doyen der deutschen Wirtschaft küren lassen – und Berthold Beitz auf den Olymp des Krupp-Hügels nachfolgen.

Selten hat eine 15-seitige Liste am Münchner Wittelsbacherplatz so viel Rumor erzeugt. Sie ist noch nicht einmal fertig, schon bringt sie alles zum Flattern. Die amerikanische Rechtsanwaltskanzlei Debevoise & Plimpton, die das Schmiergeldsystem von Siemens aufdecken soll – Zahlungen in Höhe von 1,3 Milliarden Euro gelten als dubios –, prüft die Liste von Betroffenen und Verdächtigen in den nächsten Tagen noch einmal. Sie soll die Schmiergeldhöhle, ein Erbe der Ära des ehemaligen Vorstandschefs Heinrich v. Pierer, ausleuchten und der US-Börsenaufsicht SEC Ross und Reiter der Milliardenzahlungen nennen.

Zwei Tage lang, am 28. und 29. April, werden die Blätter unter Klarsichtfolie wie Blei auf den Tischen der Aufsichtsräte und Vorstände von Siemens liegen. Debevoise-Prüfungsleiter Bruce Yannet hat für 150 Siemensianer auf der Liste eine Art Bewertungssystem erdacht, das wie ein Fallbeil über diesem Personenkreis hängt. Das Muster fächert den Grad der Verstrickung auf. Kategorie Nummer eins: Wer war Täter, wer hat Kassen und Konten angelegt? Kategorie Nummer zwei: Wer war Wisser oder – leicht ins Harmlosere abgestuft – wer war Mitwisser solcher schmierigen Geldströme? Kategorie Nummer drei: Wer hat seine Vorgesetzten, mit Namen und Siemens-Dienstgrad, rechtzeitig, das heißt schnell, über das verbotene Treiben informiert? Die Liste soll Durchblick bringen – für Siemens-Chef Peter Löscher. Wenigstens seine Weste ist rein, weil er nicht mal ein Jahr lang an der Siemens-Spitze steht.

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Und es gibt noch einen, der das Konvolut mit dem Blick eines Scharfrichters mustert. Sein Name steht nicht drauf. Aber er ist stets in allen Köpfen, wenn harte Schnitte fällig sind. Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, 65.

Der aus dem oldenburgischen Vechta stammende Sohn eines Studienrates für Latein und Griechisch, ist schlicht unübersehbar. Selbst wenn er unauffällig einen Raum betritt, in dem er eigentlich nur in den hinteren Reihen einfacher Zuhörer sein möchte, ragt er weit heraus. Mit seiner Körpergröße von 1,94 Meter schafft er es einfach nicht, wie eine graue Eminenz – eigentlich die angestammte Rolle eines im Hintergrund die Fäden ziehenden Aufsichtsratschefs – aufzutreten. Neben seinen Top-Jobs Chefkontrolleur bei Siemens und ThyssenKrupp gehört er auch noch den Aufsichtsräten der Allianz, der französischen Compagnie de Saint-Gobain und des Axel » Springer Verlags an. Er ist Vertrauter und Ratgeber von Verlagserbin Friede Springer – hier immerhin eher im Hintergrund.

Cromme ist nicht nur unübersehbar. Er ist auch ganz offensichtlich unkaputtbar. Worin auch immer er involviert ist – als Agierender, als Zuschauer, Unbeteiligter, ob nun selbst-, teil- oder geringverschuldet, fahrlässig, aus Versehen oder nur am Rande, als Voll- oder Halbinformierter, Mitwisser, Halbwisser oder Ganzwisser, als Hinters-Licht-Geführter, selbst Betrogener oder einer, der nur nicht hart genug nachgefragt hat –, immer scheint alles Ungemach ein Ende zu finden, wenn es auf Cromme trifft. Andere Wirtschaftsgrößen purzeln und sorgen für klaffende Lücken in der Olympioniken-Galerie der deutschen Wirtschaft. Post-Chef Klaus Zumwinkel? Morgens abgeholt, abgehakt. Elektroschocker Utz Claassen? Bei EnBW abgeschaltet. WestLB-Chef Thomas Fischer? Als Aufräumer im Landsbankensumpf gescheitert. Nur Cromme, strenger Wächter der Industrieikonen Siemens und ThyssenKrupp, kriegt außer Kratzern, ein paar Beulen vielleicht nichts ab.

In den Neunzigerjahren wurde der gebildete Jurist gehärtet. Er erzwang die Fusion von Krupp und Hoesch, brachte dann das stolze Unternehmen Thyssen im Handstreich unter die Fittiche von Krupp. Nach langen, teils brutalen Anfeindungen („die Schweine von Krupp übernehmen uns“, sagte damals der Thyssen-Betriebsratsvorsitzende) ist für ihn Kritik an seinem Verhalten so unangenehm, unvermeidlich und hinnehmbar wie schlechtes Wetter auf Sylt.

Es gibt mittlerweile niemanden mehr, der ihn kontrolliert. Ihn kann keiner mehr ab- oder einberufen. Allenfalls die US-Börsenbehörde SEC – Siemens ist in den USA als Aktie gelistet – ist noch eine Instanz, vor der ein Cromme Angst haben müsste. Wenn sie ihm Nachlässigkeit oder kumpanenhafte Nachsicht mit ehemaligen oder aktiven Siemens-Vorständen oder Aufsichtsräten nachweisen könnte. Oder ihn selbst beschuldigt, weil er immerhin zwei Jahre lang Vorsitzender des Siemens-Prüfungsausschusses im Aufsichtsrat war. In fraglicher Zeit lief auch das Schmiergeldsystem bei Siemens auf Hochtouren. Hat er wirklich hart genug nachgefragt? Doch auf der Liste der US-Anwälte steht er nicht.

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