Siemens-Hauptversammlung: Löscher bettelt um Milde

Siemens-Hauptversammlung: Löscher bettelt um Milde

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Siemens- Chef Peter Löscher erwartet eine turbulente Hauptversammlung.

Siemens-Chef Peter Löscher erwartet eine turbulente Hauptversammlung – aber die eigentliche Bewährungsprobe steht ihm bei seinem Umbau erst noch bevor. Nicht genug damit, rücken horrende Milliardenstrafen in den USA immer näher.

Ende November in der Meistersingerhalle in Nürnberg: Auf der jährlichen Betriebsräteversammlung von Siemens kennen die 600 Arbeitnehmervertreter nur ein Thema: die diversen Affären des Technologiekonzerns vom System schwarzer Kassen bis zur gepamperten Gegengewerkschaft AUB. Als Gesamtbetriebsratschef Ralf Heckmann nach der Mittagspause die Versammlung wieder eröffnet, übergibt er das Wort einem Überraschungsgast: Peter Löscher, der neue Vorstandsvorsitzende, wagt sich in die Höhle des Löwen.

Knapp eine halbe Stunde redet Löscher frei, weitere 30 Minuten stellt er sich den Fragen der Betriebsräte. „Zu Begeisterungsstürmen riss er die Leute zwar nicht hin“, sagt ein seinerzeit anwesender Gewerkschafter. „Aber Respekt erntete er für seinen Auftritt schon. Nicht zuletzt, weil er sich für die Vorgänge um die verdeckte Finanzierung der Arbeitnehmerorganisation AUB durch Siemens entschuldigt hat.“

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Auftritte vor kritischem Publikum sind für Löscher also nichts Ungewöhnliches. Wirklich entspannt dürfte der 50-jährige Österreicher trotzdem nicht sein, wenn er am Donnerstag dieser Woche auf seiner ersten Hauptversammlung vor mehr als 10.000 Siemens-Aktionäre in der Münchner Olympiahalle tritt. Gerade mal ein halbes Jahr im Amt, hat er das von der Affäre um schwarze Kassen gebeutelte Unternehmen völlig umgekrempelt; fast den kompletten Vorstand hat er ausgewechselt, seit Anfang dieses Jahres gilt eine neue Konzernstruktur mit nur noch drei statt bisher zehn Sparten. Wie weit ist Löscher wirklich bei seinem Umbau? Das wird die Aktionäre am meisten interessieren. „Es dürfte lebhaft zugehen, das ist wahr“, sagt Löscher.

Erst in der vergangenen Woche musste die Siemens-Spitze die ursprünglich auf der Hauptversammlung geplante Entlastung des Vorstands vertagen. Grund für den unerwarteten Vorstoß sind neue Erkenntnisse der US-Kanzlei Debevoise & Plimpton, die im Siemens-Auftrag die Schmiergeldaffäre untersucht. Betroffen sind von dem Aufschub neben diversen ehemaligen und amtierenden Vorstandsmitgliedern vor allem die beiden Löscher-Vorgänger Klaus Kleinfeld und Heinrich v. Pierer.

Für Löscher ist das Aktionärstreffen aber nur ein Vorgeplänkel: Denn trotz mancher Aufräumarbeiten hat Löscher im Siemens-Reich noch eine Vielzahl von Baustellen. So muss er seinen strikten Antikorruptionskurs noch stärker in den Köpfen der Siemensianer verankern. Die Landesgesellschaften rund um den Globus will er an die Zügel der Zentrale legen – nach WirtschaftsWoche-Informationen steht hier noch ein weiterer Umbau an; gleichzeitig stehen die bisher so mächtigen Fürsten vor Ort unter steigendem Renditedruck. 

Und als Damoklesschwert schwebt über allem die Frage, welche Strafe die US-Börsenaufsicht SEC für die Schmiergeldaffäre verhängt. Kommt der Konzern mit einer Einmalzahlung davon – und sei sie in Milliardenhöhe? Oder wird auch das künftige Siemens-Geschäft im wichtigsten Auslandsmarkt behindert, indem der Konzern von öffentlichen Ausschreibungen ausgeschlossen wird? In Aufsichtsratskreisen hält man nach WirtschaftsWoche-Informationen inzwischen selbst eine Strafe in Höhe von bis zu vier Milliarden Euro nicht mehr für ausgeschlossen.

Bis die endgültige Entscheidung der Amerikaner fällt, will Löscher mit Nachdruck weiter die Affäre aufklären und gleichzeitig den Konzernumbau vorantreiben – beides nicht nur, um einen Rückfall in alte Zeiten zu vermeiden, sondern auch, um gegenüber SEC-Chef Christopher Cox zu dokumentieren: Wir nehmen die Verfehlungen ernst und haben Vorkehrungen getroffen, um eine Wiederholung zu vermeiden. Je mehr Siemens dabei jetzt vorprescht, so Löschers Kalkül, desto geringer fällt letztlich auch das SEC-Strafmaß aus.

Dabei zeigt sich längst, dass Löschers Antikorruptionskurs intern nicht nur Begeisterungsstürme auslöst. „Viele sind genervt von Compliance-Regeln“, sagt ein Mitarbeiter aus der Konzernzentrale am Wittelsbacherplatz in München. Das betrifft vor allem die strengen Regeln bei Einladungen. Schon Summen von 20 Euro aufwärts müssen sich die Siemensianer im Voraus genehmigen lassen, was viele Mitarbeiter offenbar mit Unverständnis quittieren. „Gerade die Verkäufer draußen beim Kunden werden immer wieder auf die Affäre angesprochen und würden liebend gerne einen Schlussstrich darunter ziehen.“

Wie schwer es für Löscher ist, die alten Zeiten hinter sich zu lassen, zeigt sich manchmal an vermeintlichen Kleinigkeiten: So hat der langjährige Vorstandschef v. Pierer – in dessen 13-jährige Ägide ein Großteil der Korruptionsaffäre fällt, wie er aber stets beteuert ohne sein Wissen – bis heute ein Büro am Wittelsbacherplatz; nach Aussagen von Konzernkennern sogar „auf Lebenszeit“. Und zumindest bis Dezember ist er dort laut internen Quellen immer noch drei- bis viermal die Woche aufgeschlagen. Offizieller Siemens-Kommentar: Ein Büro hätten auch andere ehemalige Aufsichtsratschefs nach ihrem Ausscheiden behalten. So oder so – den Neuanfang erleichtert die Präsenz des zunehmend angeschlagenen v. Pierers nicht gerade.

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